Das blutige Handwerk am Flussufer in Auray

Es war ein Vormittag wie aus einem bretonischen Bilderbuch, als ich zum ersten Mal den Abstieg nach Saint-Goustan wagte. Der Hafen von Auray empfing mich mit einer Sanftheit, die mich sofort entwaffnete. Ich trat auf die alte Steinbrücke, die das Viertel mit der Oberstadt verbindet, und spürte, wie der Rhythmus meiner Reise schlagartig langsamer wurde. Der Fluss Loch glänzte im Sonnenlicht, ein Band aus flüssigem Silber, das sich träge, aber kraftvoll zwischen den steilen Ufern und den historischen Fassaden hindurchwand.
Ich blieb den ganzen Tag. Es war, als wäre ich in einem jener opulenten, fast schon kitschigen Ölgemälde gefangen, die man in den kleinen Galerien der Oberstadt bewundern kann. Mein Blick verfing sich in der seltsamen Choreografie des Wassers: Zuerst floss der Loch mit beachtlicher Geschwindigkeit dem Meer entgegen, strebte hinaus in den Golf von Morbihan, nur um Stunden später innezuhalten. Mit der einsetzenden Flut drehte sich die Strömung um, als hätte der Ozean es sich anders überlegt, und das Salzwasser drückte mit einer fast unheimlichen Beharrlichkeit zurück ins Landesinnere.
Ich beobachtete das Treiben wie durch einen Schleier. Die Touristen, die hastig ihre Selfies machten und weiterzogen, die Einheimischen, die mit einer Selbstverständlichkeit durch die Gassen schlenderten, als gehörte ihnen die Zeit allein. Als Fotograf versuchte ich, diese Szenen nicht nur festzuhalten, sondern zu sezieren. Ich machte ein paar Aufnahmen, prüfte das Licht am Mauerwerk der Brücke und versank dann wieder für Stunden in der bloßen Beobachtung.
Irgendwann am späten Nachmittag verstummte das fröhliche Leiern der Drehorgel, die den Platz stundenlang mit nostalgischen Melodien beschallt hatte. Der Spieler, ein Mann mit wettergegerbtem Gesicht und wachen, dunklen Augen, klappte sein Instrument zu. Er rieb sich die Hände und setzte sich zu mir auf die hölzerne Bank direkt am Kai.
„Du bist schon den ganzen Tag hier“, sagte er unvermittelt. Es war keine Frage, eher eine Feststellung. „Ich habe dich beobachtet. Du bleibst länger als alle anderen Touristen. Und du machst deine Fotos anders.“
Ich nickte und lächelte. „Das stimmt. Ich habe das Privileg der Zeit. Ich nehme mir für einen Ort so lange, wie es eben dauert, um ihn wirklich zu sehen. Nicht nur die Oberfläche, sondern das, was darunter liegt.“

Auray Brücke von Saint-Goustan

Ich zeigte ihm die Ergebnisse auf dem Display meiner Kamera – Bilder, die ich direkt vor Ort bearbeitet hatte. Die Kontraste waren scharf, die Schatten lang. Er betrachtete sie schweigend, ein tiefes Furchenmuster auf seiner Stirn. „Du hast den Ort gut interpretiert“, murmelte er schließlich. „Du hast das Licht eingefangen. Aber…“ Er hielt inne und blickte hinunter zum dunkler werdenden Wasser des Loch. „In ein paar Stunden, wenn das Licht ganz verschwunden ist, dann solltest du zusehen, dass du von hier verschwunden bist. Dieser Platz hier… er verwandelt sich. Wenn die Schatten der Brücke länger werden als die Brücke selbst, gehört dieser Ort nicht mehr uns.“

Er rückte ein Stück näher, und seine Stimme verlor den heiteren Unterton des Musikanten. Er begann mir zu erzählen, was die Menschen hier seit Jahrhunderten wissen, aber nur selten laut aussprechen.

„Du siehst die Ufer dort drüben?“, fragte er und deutete auf die schlammigen Ränder des Flusses, die jetzt, da die Ebbe das Wasser wieder hinauszog, kahl und nackt dalagen. „Dort, wo das Schilf so dicht steht und die alten Steine im Wasser liegen. Das ist der Arbeitsplatz der Kannerezed Noz – der Waschfrauen der Nacht.“

Er erzählte mir, dass die Legende nicht etwa ein Ammenmärchen sei, um Kinder vom Wasser fernzuhalten, sondern ein Echo aus einer Zeit, in der das Jenseits nur einen Herzschlag entfernt war. In der Bretagne ist der Tod, der Ankou, ein ständiger Begleiter, und die Waschfrauen sind seine Dienerinnen.

Es sind die Seelen jener Frauen, die zu Lebzeiten schwere Sünden begangen haben. Vielleicht haben sie die Totenwäsche ihrer Angehörigen nicht mit der nötigen Ehrfurcht vollzogen, vielleicht haben sie das weiße Leinen ihrer eigenen Kinder mit Schande befleckt oder ungetaufte Säuglinge dem Fluss übergeben. Nun sind sie verdammt, Nacht für Nacht am Ufer des Loch zu knien. Ihre Kleidung ist aschfahl, ihre Haut wirkt wie Pergament, das zu lange im Wasser lag, und ihr Haar ist so weiß wie das Leichentuch, das sie bearbeiten.

„Hör genau hin, wenn die Nacht tief ist“, flüsterte der Drehorgelspieler. „Man hört kein Plätschern. Man hört ein Schlagen. Ein hartes, rhythmisches Klak-Klak-Klak. Das sind ihre Waschbretter aus Knochen, mit denen sie die Laken auf die Steine dreschen.“

Aber sie waschen keine gewöhnliche Wäsche. Was sie dort im trüben Wasser des Loch reinigen, sind die Chemsiz-Noz – die Totenhemden. Jedes Hemd gehört einer Seele, die noch unter den Lebenden weilt, aber deren Zeit abgelaufen ist. In dem Moment, in dem die Waschfrau das Hemd reinwäscht und es zum Trocknen in den fahlen Mondschein hängt, wird der Mensch, dem es gehört, seinen letzten Atemzug tun.

Auray Brücke von Saint-Goustan

Spannend und zugleich furchteinflößend wurde seine Erzählung, als er auf die Begegnung mit den Wanderern zu sprechen kam. Er erzählte von einem jungen Mann namens Yves, der vor vielen Jahrzehnten – vielleicht auch Jahrhunderten, die Zeit spielt in diesen Geschichten keine Rolle – genau hier in Saint-Goustan nach einem Zechgelage in der Kneipe hängengeblieben war. Es war eine neblige Nacht, genau wie jene, die sich jetzt anzukündigen begann.

Yves schwankte über die Brücke, den Blick starr auf das Pflaster gerichtet, als er das rhythmische Schlagen hörte. Er dachte, es seien die gewöhnlichen Wäscherinnen, die vielleicht Überstunden machten, und bog neugierig zum Ufer ab. Doch als er näher kam, gefror ihm das Blut in den Adern. Drei Frauen knieten dort im Schlamm. Sie sprachen kein Wort, aber ihre Bewegungen waren von einer unnatürlichen Schnelligkeit.

Eine der Frauen blickte auf. Ihre Augen waren leere Höhlen, in denen nur ein schwaches, bläuliches Glimmen tanzte. Sie hielt ihm ein Ende eines langen, schweren, vor Nässe triefenden Lakens entgegen. „Hilf mir, Fremder“, krächzte sie. „Das Tuch ist schwer von den Sünden, und das Wasser des Loch ist tief.“

Der Drehorgelspieler packte mich am Arm, um die Wichtigkeit seiner Worte zu unterstreichen. „Das ist der Moment, in dem sich dein Schicksal entscheidet. Die Waschfrau fordert dich auf, das Laken mit ihr gemeinsam auszuwringen. Es ist eine Prüfung. Ein ritueller Tanz zwischen Leben und Tod.“

Yves, gelähmt vor Entsetzen, griff nach dem Tuch. Es fühlte sich nicht wie Leinen an, sondern wie kalte, schleimige Haut. Die Waschfrau begann, das Tuch in eine Richtung zu drehen. Yves, in seinem betrunkenen Leichtsinn und seiner Angst, drehte instinktiv in die entgegengesetzte Richtung, um Widerstand zu leisten.

„Ein tödlicher Fehler“, raunte der Musiker. „Man muss immer in die gleiche Richtung drehen wie sie. Wer entgegenhält, fordert die Toten heraus.“

In dem Moment, als Yves das Tuch entgegengesetzt drehte, geschah das Unfassbare. Das Laken wurde plötzlich hart wie Eisen. Es wickelte sich mit einer Geschwindigkeit um seine Handgelenke, die kein menschliches Auge erfassen konnte. Die Waschfrau lachte nicht – sie stieß einen Schrei aus, der wie das Brechen von Eis klang. Mit einem heftigen Ruck riss sie an dem Tuch. Yves’ Arme wurden unter der enormen Spannung wie dürre Zweige zertrümmert. Er wurde in den Schlamm gerissen, und die eiskalten Hände der anderen Frauen griffen nach ihm, um ihn unter die Oberfläche des Loch zu ziehen, dorthin, wo die Strömung am stärksten war.

Auray Brücke von Saint-Goustan

Man fand ihn am nächsten Morgen am Kai von Saint-Goustan. Er lebte noch, aber seine Arme waren unnatürlich verdreht, und sein Verstand war in jener Nacht am Ufer geblieben. Er sprach nie wieder ein Wort, aber immer, wenn er das Geräusch von schlagendem Holz hörte, begann er am ganzen Leib zu zittern, bis er schließlich vor Gram und Entsetzen verstarb.

Der Drehorgelspieler erhob sich. Die Sonne war nun fast hinter den Hügeln von Auray verschwunden. Der Hafen lag im Schatten, und die ersten Straßenlaternen warfen ein schwaches, gelbliches Licht auf das Kopfsteinpflaster.

„Sie waschen für jeden von uns einmal“, sagte er leise. „Vielleicht waschen sie heute Nacht für jemanden, den du heute auf dem Platz fotografiert hast. Vielleicht ist das weiße Leinen, das sie im Fluss schwenken, schon für einen von uns bestimmt.“

Er klopfte mir auf die Schulter. „Du hast den Ort fotografiert, als wäre er ein Paradies. Das ist schön. Aber vergiss nicht: Das Paradies der Bretagne hat tiefe Wurzeln in der Erde, und diese Erde ist getränkt mit dem Wasser des Loch, das niemals vergisst.“

Er ging davon und hinterließ mich in einer Stille, die plötzlich nicht mehr friedlich wirkte. Ich blickte hinunter zum Fluss. Die Flut war nun fast auf ihrem Höchststand. Das Wasser leckte gierig an den untersten Steinen der Brücke. In der Ferne, weit weg von den Lichtern der Restaurants, bildete sich ein dichter Nebelstreifen über dem Schilf.

Ich packte mein Smartphone ein. Ich hatte genug gesehen. Ich hatte den Ort fotografiert, ja, aber die Geschichte, die er mir durch den alten Mann erzählt hatte, konnte kein Objektiv der Welt einfangen. Während ich die steile Gasse hinauf zur Oberstadt stieg, glaubte ich, von weit unten ein Geräusch zu hören. Es war leise, fast wie ein Echo, das gegen die Pfeiler der alten Brücke schlug.

Klak. Klak. Klak.

Ich drehte mich nicht mehr um. Ich wusste, dass das weiße Brautkleid der „Weißen Dame“ und die aschfahnen Laken der Waschfrauen aus demselben Stoff gewebt waren: aus der unendlichen Melancholie eines Ortes, der zwischen den Gezeiten und den Welten gefangen ist. Auray war wunderschön, ja. Aber in dieser Nacht gehörte die Brücke von Saint-Goustan nicht den Lebenden.

Auray Brücke von Saint-Goustan

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