Das Flüstern der Rue Maillard in Troyes
Mauern rücken näher. Atem stockt. In der Rue Maillard scheint die Zeit zwischen den schweren Eichenbalken der Fachwerkhäuser gefangen zu sein. Im 16. Jahrhundert lebte dort eine Frau, deren Herz so verbittert war wie der Essig in den Kellern der Stadt. Sie verbrachte ihre Nächte am Fenster, das so nah an dem ihres Nachbarn lag, dass sie dessen Atem hören konnte. Ihr Ziel war das junge Glück von Julien und Marie, die sich in den gegenüberliegenden Kammern heimliche Versprechen zuflüsterten.
Eines Abends fing die Alte ein missverstandenes Wort auf. Mit einer Stimme, die wie trockenes Laub raschelte, flüsterte sie am nächsten Morgen Lügen in die offenen Fenster der Gasse: Marie habe einen anderen, Julien plane die Flucht. Das Gift verbreitete sich in der Enge der Rue Maillard schneller als die Pest. Misstrauen kroch durch die Ritzen der Lehmwände. Julien, von Eifersucht zerfressen, forderte seinen vermeintlichen Nebenbuhler zum Duell im Schatten der Kirche Saint-Pantaléon.
Erst als die Klingen bereits gezogen waren, erkannte Marie den Verrat. Sie rannte in die Gasse und schrie die Wahrheit gegen die überhängenden Fassaden, bis das Echo die Kämpfenden innehalten ließ. Die alte Frau jedoch, so sagt man, wurde vom Fluch der Gasse getroffen: Sie verlor ihre Stimme und musste fortan in ewiger Stille zusehen, wie die Liebe, die sie vernichten wollte, durch die bloße Kraft der Wahrheit siegte. Wer heute durch die Rue Maillard geht und ganz leise ist, meint immer noch das bösartige Zischeln im Gebälk zu hören.







































