Die Legende vom Teufelsbogen (La Légende du Pont d'Arc)

Die Sonne brannte bereits mit einer unerbittlichen Intensität auf den hellen Kalkstein der Ardèche-Schluchten, als ich meinen Bulli auf den kleinen Wanderparkplatz unweit des gewaltigen Pont d’Arc steuerte. Ich starrte auf den rot-weißen Begrenzungsbalken, der die Einfahrt auf eine Höhe von 1,90 Meter beschränkte. Ein kurzes Zögern, ein tiefes Durchatmen, dann schob ich mich im Schritttempo voran. Das Metall des Daches schrammte fast unsichtbar unter dem Balken hindurch – es war eine Sache von Millimetern, aber ich war drin.

Ein Mann, der gerade seine Wanderschuhe schnürte und seinen Rucksack schulterte, hatte das Manöver beobachtet. Er lachte trocken und kam herüber. „Mutig“, sagte er. „Ich reise auch mit dem Wohnmobil, aber meines ist eine Nummer größer. Ich musste zwei Kilometer weiter hinten parken und den ganzen Weg in der Hitze herlaufen.“

Als ich ihm erzählte, dass mein Bulli kein gewöhnlicher Transporter, sondern mein voll ausgebautes Zuhause sei, schüttelte er ungläubig den Kopf. Er musterte die kompakten Maße meiner „Furgoneta“. „Das soll alles drin sein? Küche, Bett, alles?“ Ich nickte stolz. „Es gibt eben manchmal Probleme, wenn man große Wünsche hat – so wie ein riesiges Wohnmobil“, entgegnete ich schmunzelnd.

Pont d'Arc)

Er hielt inne, sein Blick wanderte hinunter zum Fluss, wo der gewaltige Steinbogen des Pont d’Arc wie ein versteinerter Titan über dem azurblauen Wasser thronte. „Große Wünsche“, wiederholte er leise. „Wissen Sie, genau das ist das Thema dieses Ortes. Die Gier nach dem Unmöglichen und der Preis, den man dafür zahlt. Hier am Arc gibt es eine Geschichte über einen Hirten, der einen noch viel größeren Wunsch hatte als einen Parkplatz direkt am Fluss. Er wollte eine Frau – und dafür verhandelte er mit dem Teufel.“

Er deutete auf einen flachen Felsen im Schatten einer Pinie, lud mich mit einer Geste ein, mich zu setzen, und begann zu erzählen.


„Stell dir vor“, begann der Wanderer „dass dieses Tal vor vielen tausend Jahren ein völlig anderer Ort war. Die Ardèche war damals nicht dieser friedliche Fluss, in dem heute die Touristen ihre Kajaks paddeln. Sie war eine rasende Bestie, ein unberechenbares Ungeheuer, das sich tief in den Kalkstein fraß. Wer auf der einen Seite der Schlucht lebte, für den war die andere Seite so fern wie der Mond.

Pont d'Arc)

In jener Zeit lebte hier ein junger Hirte. Er war arm an Hab und Gut, aber reich an Sehnsucht. Sein Name ist in den alten Liedern verloren gegangen, aber seine Not blieb unvergessen. Er hütete seine Ziegen auf den kargen Plateaus über dem Fluss, doch sein Herz war auf der gegenüberliegenden Seite gefangen. Dort, im Dorf Vallon, lebte ein Mädchen, dessen Lachen er manchmal bis hinauf zu seinen Weiden hören konnte, wenn der Wind günstig stand.

Sie liebten sich, doch der Fluss war ihre Mauer. Es gab keine Brücke, keine Furt, die sicher genug gewesen wäre. In jenem schicksalhaften Winter regnete es Wochen am Stück. Die Ardèche schwoll an, wurde braun und gewaltig, riss Bäume und Felsbrocken mit sich. Der Hirte stand am Abgrund, starrte hinunter in die tobende Gischt und sah das Mädchen am anderen Ufer. Sie winkte ihm zu, weinte, doch ihre Stimmen wurden vom Brüllen des Wassers verschlungen.

Die Verzweiflung fraß ihn auf. Er sank auf die Knie, die Hände in den feuchten Schlamm gekrallt, und schrie gegen den Donner des Flusses an: ‚Ich gäbe alles! Meine Seele, mein Leben, mein Jenseits – wenn ich nur diesen verfluchten Fluss trockenen Fußes überqueren könnte, um bei ihr zu sein!‘

Du weißt, wie das ist mit den Wünschen, die man in der Dunkelheit ausspricht. Manchmal hört jemand zu, den man lieber nicht gerufen hätte.

Plötzlich war der Lärm des Wassers wie weggeblasen. Es herrschte eine Stille, die so schwer war, dass sie den Hirten fast erstickte. Hinter ihm räusperte sich jemand. Dort stand ein Mann, gekleidet in feinstes dunkles Tuch, das trotz des Regens völlig trocken war. Seine Augen leuchteten wie glühende Kohlen in der Dämmerung.

‚Ein hoher Preis für ein bisschen Liebe‘, sagte der Fremde mit einer Stimme, die wie das Brechen von trockenem Holz klang. ‚Aber ich bin heute großzügig. Ich baue dir eine Brücke. Nicht irgendeine Brücke. Sie wird aus dem lebendigen Fels der Ardeche bestehen, so gewaltig, dass kein Hochwasser sie jemals erschüttern kann. Ich vollende sie in einer einzigen Nacht, noch bevor der erste Sonnenstrahl den Gipfel des Dent de Rez berührt.‘

Der Hirte zitterte, doch sein Verlangen war größer als seine Angst. ‚Und was verlangst du dafür?‘, fragte er.

Der Teufel grinste, und es war kein schöner Anblick. ‚Nur eine Kleinigkeit. Die erste Seele, die diese Brücke überquert, gehört mir. Für die Ewigkeit.‘

Der Hirte dachte an das Mädchen am anderen Ufer. Er dachte an die Einsamkeit in den Bergen. Er schlug ein. Der Pakt war besiegelt.

Was dann geschah, muss furchterregend gewesen sein. Die ganze Nacht über bebte die Erde. Man sagt, der Teufel habe mit bloßen Händen in die Klippen gegriffen, riesige Quader aus dem Kalkstein gerissen und sie wie Spielzeug aufeinandergeschichtet. Das Kreischen von Stein auf Stein übertönte das Brüllen des Sturms. Funken sprühten bis in den Himmel, und der Geruch von Schwefel vermischte sich mit dem Dunst des Flusses.

Der Hirte kauerte in einer Höhle, die Ohren zugehalten, das Herz ein rasender Trommelschlag in seiner Brust. Er begriff nun, was er getan hatte. Wenn die Brücke fertig wäre, müsste er hinübergehen, um zu ihr zu gelangen. Er wäre der Erste. Seine Seele wäre verloren.

Doch der Hirte war kein Dummkopf. In der Stunde vor der Dämmerung, als das gewaltige Werk fast vollendet war, kroch er zu seinem Pferch. Er suchte sich einen alten, struppigen Hund aus, der ihm schon lange treu gedient hatte, oder in manchen Versionen der Geschichte war es eine Ziege – ein Tier jedenfalls, das er über alles liebte, aber dessen Seele er opfern musste, um seine eigene zu retten.

Als das erste graue Licht des Morgens über die Schluchten kroch, war es still. Da stand er, der Pont d’Arc. Ein Wunder aus Stein, 54 Meter hoch, ein perfekter Bogen, der den tobenden Fluss einfach überspannte, als wäre er nichts weiter als ein Rinnsal. Der Teufel stand in der Mitte des Bogens, seine Arme verschränkt, ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen. Er wartete darauf, dass der Hirte den ersten Schritt machte.

Der Hirte trat an den Rand der Brücke. Er sah den Teufel, der ihn erwartungsvoll anstarrte. Dann zog er einen kleinen Sack hervor, den er unter seinem Arm verborgen hatte. Er öffnete ihn, und ein verängstigter Hund sprang heraus. Mit einem lauten Pfiff trieb der Hirte das Tier voran. Der Hund, verwirrt und gejagt, rannte mit klappernden Krallen über den frischen Stein, direkt auf den Teufel zu.

Das Gesicht des Teufels verzerrte sich zu einer Maske aus unbeschreiblichem Zorn. Er war betrogen worden! Er hatte auf die reine Seele eines liebenden Menschen gehofft, und nun bekam er den Geist eines alten Straßenköters. Er raste vor Wut, stampfte so fest auf den Bogen, dass man die Abdrücke noch heute im Gestein vermuten könnte. Er versuchte, das Bauwerk mit einem Fluch einzureißen, doch er hatte seine Arbeit zu gut gemacht. Die Brücke war nun Teil der Erde selbst, unzerstörbar, heilig durch das Opfer des Hirten.

Mit einem Schrei, der die Vögel aus den Nestern trieb, verschwand der Teufel in einer Wolke aus schwarzem Qualm und ließ den Geruch von verbranntem Fell zurück.

Der Hirte rannte los. Er überquerte die Brücke, die nun sicher war, und schloss sein Mädchen am anderen Ufer in die Arme. Sie waren frei. Aber man sagt, dass der Hirte bis an sein Lebensende niemals mehr über eine Brücke ging, ohne vorher einen Stein hinüberzuwerfen – nur um sicherzugehen, dass niemand dort wartete.“

Pont d'Arc)

Der Wanderer schwieg und sah hinunter zum Pont d’Arc, der im gleißenden Licht fast weiß leuchtete. Die Touristen unter uns wirkten wie winzige Ameisen unter dem Schutz des riesigen Bogens.

„Sehen Sie sich die Felsen an“, sagte er und deutete auf die zerklüfteten Wände links und rechts des Bogens. „Die Leute sagen, das sei Erosion. Dass der Fluss einen Mäander durchbrochen hat. Wissenschaftlich mag das stimmen. Aber wenn man hier oben steht und die Stille spürt, dann weiß man: Das hier ist nicht einfach nur so entstanden. Das ist das Ergebnis eines großen Wunsches.“

Er erhob sich, klopfte sich den Staub von der Hose und rückte seinen Rucksack zurecht. „Passen Sie auf Ihren Bulli auf. Er passt durch den Balken, weil er klein ist. Wer groß sein will, muss eben draußen bleiben oder mit dem Teufel verhandeln.“

Ich lachte und stand ebenfalls auf. „Danke für die Geschichte“, sagte ich. „Aber ich glaube, ich bleibe bei meinem kleinen Bulli. Ich werde dem Teufel sicher nicht meine Seele anbieten, nur um ein größeres Wohnmobil zu bekommen, das dann nicht mehr auf den Parkplatz passt.“

Er grinste, hob die Hand zum Gruß und verschwand auf dem Wanderpfad, der tiefer in die Schluchten führte. Ich blieb noch einen Moment stehen und blickte auf den Pont d’Arc. Die Legendenbox in meinem Kopf war um ein Kapitel reicher. Und während ich zu meinem Wagen zurückkehrte, war ich mir sicher: Rocinante und ich würden die Ardeche auf die gute, alte Art erkunden – ohne Pakt, aber mit viel Ehrfurcht vor der gewaltigen Kraft der Natur, die hier ihre steinernen Wunder hinterlassen hat.

„Ich ließ den Wanderer ziehen, ohne ihm mein kleines Geheimnis zu verraten: Diese Geschichte kam mir verdächtig bekannt vor. Tatsächlich bin ich dem ‚betrogenen Teufel‘ auf meinen Reisen schon an mindestens drei verschiedenen Brücken begegnet. Man sollte meinen, dass der Leibhaftige nach all den Jahrhunderten dazugelernt hätte – aber anscheinend fällt er immer wieder auf denselben Trick mit dem Hund oder der Ziege herein. Entweder ist der Teufel ein hoffnungsloser Optimist, oder die Legenden sind doch mehr miteinander verwandt, als man auf den ersten Blick glaubt.“

Pont d'Arc)

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