Das Blut des Riesen (Le Sang du Géant de l'Escandorgue)
Der Lac du Salagou ist ein Ort, der keinen Mittelweg kennt. Entweder man verfällt seinem unwirklichen Zauber sofort, oder man fühlt sich in dieser purpurroten Stille seltsam unwillkommen. Als ich meine „Furgoneta“ auf einem der staubigen Parkplätze direkt am Ufer abstellte, war ich unsicher. Die Verbotsschilder für Camper leuchteten in der tiefstehenden Wintersonne fast so aggressiv wie die Erde selbst. Doch die Erfahrung lehrt: Im Winter, wenn die Touristenströme versiegt sind, drückt das Schicksal oft ein Auge zu.
Am kiesigen Ufer, dort, wo das tiefblaue Wasser leise gegen die roten Felsen klatscht, sah ich einen Segler. Er wirkte, als gehöre er schon ewig hierher; seine Haut war gegerbt, sein Haar vom Wind zerzaust. Mühsam zog er sein kleines Boot auf den roten Strand. Ich trat näher und fragte ihn nach der Situation – ob man hier für eine Nacht geduldet würde.
Er hielt inne, richtete sich langsam auf und sah mich aus Augen an, die so dunkel waren wie der vulkanische Basalt der umliegenden Gipfel. Ein schiefes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. „Übernachten?“, wiederholte er und deutete mit einer ausladenden Geste über den See. „Pass auf, Fremder. Dieser See hat Wächter, die älter sind als die Gesetze der Menschen. Sie haben einst einen Riesen besiegt, der mächtiger war als alles, was du dir vorstellen kannst. Wenn du nicht willst, dass dein Blut den Boden hier noch röter färbt, als er ohnehin schon ist, dann such dir lieber den Campingplatz da vorne. Zahl die Gebühr wie alle anderen – das ist ein kleiner Preis für deinen Frieden.“
Ich tat es als Seemannsgarn ab, doch die Ernsthaftigkeit in seiner Stimme ließ mich frösteln. Ich wanderte erst einmal los, am Ufer entlang, wo der Wind in den kargen Sträuchern pfiff. Schließlich fand ich weiter hinten tatsächlich eine Lücke – einen kleinen, versteckten Platz, auf dem mein unauffälliger Bulli fast mit der Landschaft verschmolz. Doch als ich später am Abend, während die Sonne das Tal in ein blutiges Orange tauchte, wieder auf den Segler traf, lud er mich ein, auf einer alten Bank aus Treibholz Platz zu nehmen.
„Du hast dein Versteck gefunden, was?“, brummte er. „Na schön. Aber da du nun hierbleibst, solltest du wissen, auf wessen Blut du eigentlich schläfst.“ Er zündete sich eine Pfeife an, der Rauch kräuselte sich in der kühlen Abendluft, und er begann zu erzählen.
„Schau dir diese Farbe an“, begann er und stieß mit der Stiefelspitze in den rissigen, roten Boden. „Die Geologen nennen es Perm-Sediment, Eisenoxid. Aber für uns, die wir hier leben, ist das kein Gestein. Das ist das Erbe des Riesen vom Escandorgue.
In den Zeiten, als die Welt noch aus Feuer und instabilem Gestein bestand, lebte hoch oben auf dem Plateau de l’Escandorgue ein Riese. Er war kein Wesen aus Fleisch und Bein, sondern ein Geschöpf der Tiefe – eine Kreatur aus kochendem Magma und schwarzem Basalt. Wenn er sich bewegte, bebten die Hügel des Languedoc, und wenn er zornig war, spuckten die Berge Feuer. Er war einsam, so einsam, wie es nur ein unsterblicher Berg sein kann.
Eines Tages blickte er hinunter in dieses Tal. Damals gab es den See noch nicht, nur den Fluss Salagou, der sich durch eine grüne Oase schlängelte. Und dort, im Dorf Celles – das du da drüben am Hang als Ruine sehen kannst –, sah er ein Mädchen. Sie war wunderschön, mit Haut so hell wie der Kalkstein und Augen, die das Blau des Himmels eingefangen hatten.
Der Riese, dessen Herz ein glühender Stein war, verliebte sich. Es war eine Liebe, die nicht sein durfte. Er versuchte, sanft zu sein, doch wenn er flüsterte, lösten sich Steinschläge. Wenn er weinte, verdampften die Bäche. Er kam den Hang hinunter, Schritt für Schritt, und jeder Tritt hinterließ einen Krater. Er wollte sie für sich gewinnen, wollte sie hinauf in seine schwarzen Paläste aus Basalt entführen.
Doch das Mädchen hatte Angst. Wer würde nicht zittern, wenn ein wandelnder Berg vor der Haustür steht? Sie floh vor ihm, versteckte sich in den tiefen Höhlen und Wäldern des Tals. Die Menschen von Celles beteten zu den alten Göttern, zum Himmel selbst, um Schutz vor diesem Ungetüm, das ihre Ernte zertrat und ihre Quellen austrocknete.
Der Riese wurde rasend vor Schmerz und unerwiderter Sehnsucht. Er glaubte, wenn er das gesamte Tal vernichten würde, gäbe es kein Versteck mehr für sie. Er begann, die Berge um uns herum – den Mont Liausson und den l’Escandorgue – mit seinen gewaltigen Fäusten zu zertrümmern. Er wollte das Tal mit seinem eigenen Körper ausfüllen, alles unter sich begraben, damit nichts mehr zwischen ihm und seinem Wunsch stand.
Aber die Erde lässt sich nicht ungestraft Gewalt antun. Als der Riese seine Hand erhob, um den letzten entscheidenden Schlag gegen das Dorf Celles zu führen, antwortete der Himmel. Es heißt, ein Blitz von unvorstellbarer Gewalt, weißer und heißer als das Innere eines Vulkans, schlug herab. Er traf den Riesen genau in die Brust, dorthin, wo sein glühendes Herz schlug.
Der Riese schrie auf – ein Laut, den man heute noch im Heulen des Windes hören kann. Er stürzte. Sein gewaltiger Körper schlug auf den Boden des Tals auf und zerbarst. Doch er verging nicht wie Asche. Da er ein Wesen des Feuers war, war sein Blut flüssiges Purpur. Es quoll aus seinen Wunden, heiß und unaufhaltsam. Es strömte über die Hügel, sickerte in jede Spalte, tränkte jedes Sandkorn.
Dort, wo das Blut des Riesen floss, verbrannte das Grün. Die Erde färbte sich tiefrot, verbrannt von der Hitze seiner Leidenschaft und seines Zorns. Das Blut trocknete den Boden so sehr aus, dass er rissig wurde, als würde das Land selbst vor Durst schreien. Diese roten ‚Ruffes‘, auf denen wir hier stehen, sind nichts anderes als das geronnene Leben dieses gefallenen Giganten.
Der Riese selbst wurde zu Stein. Die schwarzen Basaltkuppen, die du dort oben wie eine Krone auf den roten Hügeln siehst, das sind die Überreste seiner Rüstung, seine erstarrten Knochen. Er bewacht das Tal noch immer, auch wenn er sich nicht mehr rühren kann.
Jahrtausende blieb das Tal so – eine rote, trockene Wunde in der Landschaft. Die Menschen lernten, hier zu überleben, aber sie bauten ihre Häuser nie direkt auf die rote Erde. Sie wussten, dass dieser Boden unruhig ist. Erst viel später kamen die Ingenieure und bauten den Damm. Sie füllten das Tal mit Wasser, als wollten sie die alte Wunde kühlen, das brennende Blut des Riesen endlich löschen.
Doch schau genau hin: Wenn das Wasser sinkt oder wenn du am Ufer entlanggehst, siehst du, wie die rote Erde das Blau des Sees regelrecht verschlingt. Das Blut des Riesen ist immer noch da. Es färbt den Staub, den du an deinen Reifen hast, es dringt in deine Kleidung ein. Die Einheimischen sagen, wer einmal den roten Staub vom Salagou in den Poren hat, dessen Herz wird nie wieder ganz ruhig schlagen, wenn er nicht in der Nähe dieser roten Wüste ist.“
Der Segler klopfte seine Pfeife an einem Stein aus schwarzem Basalt aus. Er sah mich lange an. „Also, Fremder, pass auf deinen Bulli auf. Der Staub hier ist anhänglich. Er ist wie die Liebe des Riesen – er lässt dich nicht mehr los. Und wenn du morgen früh aufwachst und deine Schuhe rot sind, dann weißt du: Er hat dich markiert.“
Er stand auf, nickte mir kurz zu und verschwand in der Dunkelheit Richtung Dorf. Ich blieb noch lange auf der Bank sitzen. Das Wasser des Sees glitzerte schwarz unter dem Sternenhimmel, aber im Schein meiner Taschenlampe leuchtete der Boden unter meinen Füßen in einem unheimlichen, lebendigen Rot.
Ich kehrte zu meinem unauffälligen Bulli zurück, der sicher in seinem Versteck stand. Die Warnung vor den ‚Wächtern‘ klang mir noch in den Ohren. In jener Nacht schlief ich fest. Während draußen der rote Staub des Riesen leise auf das Dach niederging – ein Geschenk einer uralten, leidenschaftlichen Zeit, die hier niemals ganz vergehen wird.







































