Die Wächter der Anderswelt in Carnac

Der Wind pfiff durch die Speichen meines Faltrads, während ich die endlose Prozession aus grauem Granit passierte. Ich hatte meinen Van auf dem staubigen Schotter des Camperparkplatzes zurückgelassen und war mit Rocinante, meinem treuen Rad, tief in das Herz von Carnac vorgestoßen. Rechts und links von mir erhoben sich die Menhire von Le Ménec wie versteinerte Riesen, stumme Zeugen einer Zeit, deren Atem man hier noch immer spüren kann.

Die offizielle Geschichte, die man in jedem Reiseführer liest, hallte in meinem Kopf wider: Die Legende von Papst Cornély, der im 3. Jahrhundert vor den römischen Legionen floh. Als er das Meer erreichte und die Schilde der Römer im Rücken glänzten, verwandelte er seine Verfolger in Stein. Doch während ich auf Rocinante durch die Heide glitt, spürte ich, dass diese christliche Erzählung nur eine dünne Schicht Firnis über einer viel älteren, dunkleren Wahrheit war. Diese Steine standen hier schon Jahrtausende, bevor der erste Papst den Boden der Bretagne betrat.

Plötzlich geschah etwas Seltsames. Ohne dass ich die Bremsen betätigte, kam Rocinante abrupt zum Stehen. Direkt vor meinem Vorderreifen, im silbrigen Staub des Weges, lag eine Blindschleiche. Ihre Schuppen glänzten wie poliertes Kupfer. Sie rührte sich nicht. Es war, als gäbe es eine unsichtbare Verbindung zwischen dem Metall meines Rades und dem lebendigen Körper dieses kleinen Reptils. Ein seltsames Summen lag in der Luft, fast wie ein Flüstern. Als die Schlange schließlich langsam im hohen Gras verschwand, war es mir, als hätte sie ein Geheimnis zurückgelassen. Rocinante schien unter mir zu beben, und plötzlich formten sich Worte in meinem Geist – eine Erzählung, die nicht aus Büchern stammte, sondern aus dem Blut der Erde selbst, weitergegeben von Schlange zu Schlange, seit Anbeginn der Zeit.

Dies ist die Geschichte, die die Ahnen der kleinen Schlange sahen, als die Welt noch jung und der Schleier zwischen den Welten so dünn wie Spinnweb war:


„Hör zu, Mensch“, flüsterte die Stimme der Erde durch das Metall meines Rades. „Meine Vorfahren haben es gesehen, als sie mit ihren Bäuchen über den warmen Schlamm der Schöpfung glitten. Diese Steine, die du hier siehst, besonders dort hinten beim großen Steinkreis, dem Cromlech von Le Ménec, sind keine Soldaten. Sie sind die Grenzen eines Tanzplatzes, der nicht für Menschenfüße bestimmt war.

In jenen Nächten, als der Mond so groß und gelb über der Heide hing, dass man die Schatten der Eulen auf den Felsen zählen konnte, gehörte dieses Land den Korrigans. Oh, glaube nicht, sie seien die niedlichen Wesen aus deinen Märchen. Sie waren klein, ja, mit Gesichtern wie verschrumpelte Äpfel und Haaren wie vertrocknetes Seegras, aber in ihren Augen brannte das kalte Feuer der Anderswelt. Sie waren die Herren des Granits und die Hüter der tiefen Quellen.

Es gab einst einen jungen Mann namens Yannik, ein stolzer Hirte aus der Gegend, der glaubte, sein Mut sei größer als die alten Gesetze. Er hatte ein Mädchen geliebt, Rozenn, deren Lachen wie das Läuten von Silberglöckchen war. Doch Rozenn war in einer Neumondnacht spurlos verschwunden, genau hier, zwischen den Steinreihen. Die Alten im Dorf bekreuzigten sich und schwiegen, doch Yannik wusste: Die Korriganen hatten sie geholt.

In einer Nacht, in der der Nebel wie eine weiße Hand über Le Ménec lag, schlich Yannik sich zum Cromlech. Er trug nur ein Messer aus Eisen – denn Eisen hassen die Geister – und die reine Verzweiflung in seinem Herzen. Er verbarg sich hinter dem größten Menhir am Ende der Reihe, einem Koloss, der heute noch dort steht und den Eingang zum Kreis bewacht.

Plötzlich begann die Erde zu vibrieren. Es war kein Beben, sondern ein Rhythmus, ein tiefer Schlag, als würde das Herz der Bretagne selbst gegen die Unterseite der Erdkruste hämmern. Die Steine von Le Ménec begannen in einem fahlen, bläulichen Licht zu leuchten. Und dann sah er sie.

Hunderte von Korrigans krochen aus den Spalten zwischen den Felsen. Sie trugen Kleider aus gewobenem Nebel und Kronen aus gefrorenem Tau. In ihrer Mitte, im Zentrum des Steinkreises, stand eine Gestalt, die Yanniks Atem stocken ließ. Es war Rozenn. Doch sie war nicht mehr das Mädchen, das er kannte. Ihre Augen waren weit und leer, ihr Kleid zerrissen, und sie bewegte sich seltsam steif, wie eine Marionette.

 

 

Die Wächter der Anderswelt in Carnac

Die Korrigans bildeten einen Kreis um sie und begannen zu singen. Es war ein Gesang ohne Worte, ein hämmerndes Stakkato aus Zischlauten und Kehlkopfklängen, das die Seele aus dem Körper ziehen wollte. ‚Lundi, Mardi, Mercredi!‘ schrien sie in ihrer alten Zunge. ‚Montag, Dienstag, Mittwoch!‘ Es war ihr heiliger Reim, ein unvollständiger Fluch, der die Zeit selbst in eine Schleife zwang.

Yannik konnte nicht länger zusehen. Mit einem Schrei, der vor Liebe und Wahnsinn gleichermaßen bebte, stürzte er aus seinem Versteck in den Kreis. ‚Lasst sie frei!‘ brüllte er und schwang sein Eisenmesser.

Die Korrigans hielten inne. Hunderte kleiner Köpfe ruckten gleichzeitig in seine Richtung. Eine unheimliche Stille legte sich über das Feld, so schwer, dass Yannik glaubte, unter ihr zu ersticken. Dann begann der Anführer der Geister, ein Wesen mit einer Stimme wie zermahlener Stein, zu lachen.

‚Ein Tänzer!‘ krächzte er. ‚Ein sterblicher Tänzer, der den Takt sucht. Wenn du mit uns tanzt, Mensch, und den Sonnenaufgang erlebst, ohne den Rhythmus zu verlieren, gehört das Mädchen dir. Doch wenn du fällst, wirst auch du zu einem stummen Wächter in unserer Reihe.‘

Die Musik setzte wieder ein, aber diesmal war sie schneller, wilder, ein mörderischer Wirbelwind aus Klang. Yannik wurde in den Kreis gezogen. Unsichtbare Hände packten ihn, krallten sich in sein Fleisch und zwangen seine Beine zum Tanzen. Er tanzte nicht wie ein Mensch tanzt; er wurde geschleudert, gedreht und geworfen.

Er sah Rozenns Gesicht an ihm vorbeifliegen, immer wieder. Er versuchte, ihre Hand zu greifen, doch jedes Mal, wenn er sie berührte, fühlte sie sich kalt an wie das Eis im Winter. Die Korrigans tanzten um sie herum, ihre kleinen Füße hämmerten auf den Boden, bis der Staub aufwirbelte und einen Wirbel bildete, der Yannik die Sicht nahm.

‚Lundi, Mardi, Mercredi!‘ gellte es wieder und wieder.

Yanniks Lungen brannten. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen wie ein gefangener Vogel. Er sah die Menhire um sich herum, und in seinem Wahn schien es ihm, als würden sie sich mitbewegen, als wären sie die versteinerten Überreste früherer Wanderer, die den Tanz nicht überlebt hatten. Jede dieser grauen Säulen war ein Zeuge eines gescheiterten Versprechens. Er sah das Gesicht eines alten Kriegers im Granit, das qualverzerrte Antlitz einer Mutter, das versteinerte Schweigen eines Priesters.

Die Wächter der Anderswelt in Carnac

Die Nacht schien kein Ende zu nehmen. Die Zeit in Carnac dehnt sich unter den Füßen der Korrigans. Stunden wurden zu Jahren, Sekunden zu Ewigkeiten. Yanniks Muskeln begannen zu reißen, seine Augen füllten sich mit Blut, doch er sah nur Rozenn. Er tanzte für sie, er tanzte gegen den Tod, er tanzte gegen die kalte Ewigkeit des Steins.

‚Singt weiter!‘ schrie der Anführer der Korrigans. ‚Der Morgen ist fern, und das Fleisch ist schwach!‘

Doch Yannik, in einem letzten Aufbäumen seines sterblichen Willens, erinnerte sich an etwas, das seine Großmutter ihm erzählt hatte. Die Korrigans kannten nur die ersten drei Tage der Woche. Sie waren im Kreis der Zeit gefangen. Mit letzter Kraft, während er Rozenn an sich riss, schrie er in den wirbelnden Lärm:

‚Jeudi, Vendredi, Samedi!‘ (Donnerstag, Freitag, Samstag!)

Der Schrei wirkte wie ein Axthieb. Der Kreis der Korrigans zerbrach. Die Zeit, die sie so mühsam angehalten hatten, stürzte mit der Wucht einer Lawine auf sie herab. Die kleinen Wesen kreischten vor Entsetzen, als die Namen der fehlenden Tage ihre Magie zerrissen. Sie konnten die Vollständigkeit der Zeit nicht ertragen.

In diesem Moment brach der erste Sonnenstrahl über den Horizont von Le Ménec. Er traf die Spitzen der Menhire und tauchte das Feld in ein blutiges Rot.

Die Korrigans verschwanden augenblicklich, wie Nebel, der von der Sonne weggebrannt wird. Sie flohen zurück in ihre Erdlöcher und unter die Dolmen. Yannik und Rozenn fielen auf das feuchte Gras, erschöpft, dem Tode näher als dem Leben, aber frei.

Doch Carnac vergisst nicht.

 

Die Wächter der Anderswelt in Carnac

Als Yannik aufsah, bemerkte er, dass sich die Reihen der Steine verändert hatten. Sie standen nun starrer, drohender da. Er hatte zwar die Seele seiner Geliebten gerettet, aber er hatte den Zorn der Erde geweckt. Die Steine, die einst tanzten, waren nun für immer an ihren Platz gebunden – als Mahnmal für die Sterblichen, dass man die Anderswelt nicht ungestraft herausfordert.

Meine Ahnen, die Schlangen“, schloss Rocinante mit leiserer Stimme, „haben gesehen, wie Yannik und Rozenn das Feld verließen. Sie wurden alt, aber sie kehrten nie wieder nach Le Ménec zurück. Die Steine aber blieben. Sie sind keine Römer, die ein Papst verflucht hat. Sie sind die Wächter eines uralten Festsaals, die darauf warten, dass der Rhythmus der Erde eines Tages wieder erwacht. Sie sind versteinertes Leben, gefangen zwischen den Tagen, die Yannik aussprach.“


Ich saß noch lange auf meinem Faltrad, unfähig, mich zu bewegen. Die Sonne stand nun tief und warf lange, schmale Schatten der Menhire über den Weg. Vor mir lag das Feld von Le Ménec, friedlich und doch erfüllt von einer unheimlichen Schwere. Die Legende vom Papst wirkte plötzlich wie eine harmlose Kindergeschichte gegen das, was mir die kleine Blindschleiche durch mein Rad erzählt hatte.

Ich sah hinunter auf den Boden, wo die Schlange im Gras verschwunden war. Ein leichter Schauer lief mir über den Rücken. War es Einbildung, oder vibrierte der Boden unter meinen Reifen ganz leicht?

Ich packte meine Sachen, stieg auf Rocinante und trat in die Pedale. Während ich zurück zum Camperparkplatz fuhr, hielt ich mich strikt an den Weg. Ich vermied es, die Steine zu berühren. Denn wer weiß, welcher Rhythmus noch immer in ihrem Inneren schlummert und nur darauf wartet, dass ein unvorsichtiger Wanderer den Takt vorgibt.

In Carnac, das wusste ich nun, tanzt man nicht ungestraft. Man hört nur zu – und hofft, dass die Sonne niemals aufhört zu scheinen.

Die Wächter der Anderswelt in Carnac

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Du hast noch Tipps für Wohnmobil, Camper, Vanlifer oder sehenswerte Orte in dieser Region? Oder vielleicht eigene Erlebnisse dazu? Dann schreib sie gerne hier in die Kommentare! 

Accessibility Toolbar