Die Sichel des Teufels (La Faux du Diable)

Die Sichel des Teufels (La Faux du Diable) – Cirque de Navacelles Die Cevennen sind ein Gebirge, das keine Eile verträgt. Jahrelang war ich hier nur durchgehastet, die Reifen meiner „Furgoneta“ fraßen den Asphalt der Serpentinen, während mein Blick fest auf den Süden gerichtet war – Spanien war das Ziel, die Pyrenäen die Hürde. Doch dieses Mal entschied ich mich anders. Ich wollte nicht nur durch die Landschaft gleiten, ich wollte in sie eintauchen. Ich wollte wissen, was sich hinter den schroffen Kalksteinwänden der Causses verbirgt, wenn man den Motor abstellt und die Wanderschuhe schnürt. Mein Weg führte mich tief hinunter in den gewaltigen Kessel von Navacelles. Ich stellte mein Auto unten im Tal ab, dort, wo die Vis wie ein glitzerndes Band durch das grüne Hufeisen fließt. Von dort aus nahm ich den steilen Pfad in Angriff, der sich mühsam die senkrechten Wände hinauf zur Kante windet. Es ist ein Weg, der einem den Atem raubt – nicht nur wegen der Steigung, sondern wegen der schieren Größe dieses geologischen Wunders, das sich unter einem entfaltet. Oben angekommen, am Aussichtspunkt beim Touristenzentrum, bot sich mir ein Panorama, das fast unwirklich erschien. Inmitten der Scharen von Touristen, die mit ihren Kameras und bunten Outdoorkleidern nach dem besten Motiv suchten, saß ein Mann auf einer Steinmauer. Er trug eine derbe Arbeitshose, ein verwaschenes Hemd und hatte Hände, die aussahen, als hätten sie den Kalkstein der Causses eigenhändig geformt. In diesem Moment wurde mir klar: Wir Touristen waren die Fremdkörper. Er war der Einzige, der wirklich hierher gehörte. Ich setzte mich mit meinem Kaffee zu ihm und sprach ihn an. „Sie wirken, als ob Sie diesen Ausblick schon ein paar Mal genossen hätten“, sagte ich. Er sah mich aus hellen, wachen Augen an und nickte langsam. „Ich bin hier geboren. Mein Vater auch. Und dessen Vater ebenfalls. Wir sind Teil dieses Felses.“ Als ich ihm erzählte, dass ich für meine „Legendenbox“ auf der Suche nach den wahren Geschichten der Region sei, legte er seine Mütze ab und blickte hinunter in die Tiefe des Cirque. „Die Leute im Besucherzentrum erzählen dir von Erosion und Wasserläufen“, begann er mit einer rauen, aber warmen Stimme. „Aber mein Vorfahre, der alte Jean-Pierre, der genau hier oben auf der Kante stand, als es geschah… der wusste es besser. Er hat gesehen, wie dieses Tal seine Form bekam. Setz dich, Fremder. Ich erzähle dir von der Nacht, in der die Sichel den Fels schnitt.“ „Du musst wissen“, begann er, und sein Blick wurde fern, „das Leben hier oben auf dem Causse de Blandas war früher ein ständiger Kampf. Der Boden war trocken, der Wind peitschte über die Hochebene, und unten im Tal gab es zwar Wasser, aber das Land war unwegsam und voller Felsbrocken. Mein Vorfahre Jean-Pierre war ein eigensinniger Mann. Er besaß ein Stück Land unten an der Vis, aber es war mühsam zu bewirtschaften. Die Wiesen waren wild, und der Fluss änderte nach jedem Unwetter seinen Lauf. Eines Abends, es war eine jener Nächte, in denen die Luft so elektrisch aufgeladen ist, dass einem die Haare zu Berge stehen, saß Jean-Pierre genau hier an der Klippe. Er war verzweifelt. Die Ernte war mager, und er wusste nicht, wie er den Winter überstehen sollte. In seiner Bitterkeit rief er in die Dunkelheit hinaus: ‚Ich würde meine Seele demjenigen geben, der mir dieses Tal bändigt und mir eine Wiese schafft, die groß genug für zehntausend Schafe ist!‘ Kaum war der letzte Laut verhallt, hörte er ein hinkendes Geräusch hinter sich. Ein Mann trat aus dem Schatten der Pinien. Er war elegant gekleidet, doch sein Lächeln war so scharf wie eine Rasierklinge. ‚Ein fairer Handel, Jean-Pierre‘, sagte der Fremde. ‚Ich schaffe dir ein Tal, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Eine perfekte Arena aus Gras, mit einem Fluss, der gehorsam im Kreis fließt, damit du jeden Winkel bewässern kannst. Und das alles in einer einzigen Nacht.‘ Jean-Pierre war ein Mann der Berge – er war misstrauisch. Er sah den hinkenden Fuß des Fremden und wusste sofort, wen er vor sich hatte. Doch er war auch ein Spieler. ‚Schön‘, sagte er. ‚Aber es gibt eine Bedingung. Du musst fertig sein, bevor der erste Hahn im Dorf Navacelles den Morgen verkündet. Wenn du versagst, gehört das Tal mir, und meine Seele bleibt mein.‘ Der Teufel lachte ein trockenes, hohles Lachen und zog etwas hinter seinem Rücken hervor. Es war eine Sense, Jean-Pierre schwörte es später beim heiligen Geist, deren Blatt so lang war wie die Schlucht tief ist. Sie glühte in einem unheimlichen, bläulichen Licht. Was dann geschah, überstieg alles Menschliche. Der Teufel sprang mit einem gewaltigen Satz hinunter in den Talgrund. Jean-Pierre lag hier oben auf dem Bauch, den Kopf über die Kante hängend, und starrte in die Finsternis. Er sah, wie die gewaltige Sichel durch die Luft schnitt. Jedes Mal, wenn das Blatt den Fels berührte, sprühten Funken, so hell wie Blitze. Der Lärm war ohrenbetäubend – ein Kreischen von Metall auf Stein, das durch die ganze Welt zu hallen schien. Der Teufel arbeitete mit einer rasenden Wut. Er schwang die Sichel in einem weiten Bogen um sich herum. Wo die Klinge einschlug, wich der Kalkstein zurück, als wäre er weiche Butter. Er schnitt das Plateau förmlich aus, tiefer und tiefer. Der Fluss Vis, der zuvor ziellos durch das Gestein gesickert war, stürzte sich gierig in die neue, kreisrunde Furche, die die Sense riss. Es war kein Mähen von Gras, es war ein Mähen von Bergen. Jean-Pierre sah, wie der zentrale Hügel, der ‚Rocher de la Vierge‘, in der Mitte stehen blieb, während der Teufel das Land um ihn herum wegsäbelte. Die Zeit rannte. Der Teufel war fast am Ziel. Er hatte fast den gesamten Kreis vollendet, nur ein schmales Stück Fels fehlte noch, um den Lauf der Vis perfekt zu schließen und das Meisterwerk zu vollenden. Der Schweiß floss dem Gehörnten in Strömen von der Stirn, und sein Atem roch nach brennendem Schwefel. Mein Vorfahre wusste: Wenn er jetzt nichts unternahm, würde er den nächsten Morgen
Das Blut des Riesen (Le Sang du Géant de l’Escandorgue)

Das Blut des Riesen (Le Sang du Géant de l’Escandorgue) Der Lac du Salagou ist ein Ort, der keinen Mittelweg kennt. Entweder man verfällt seinem unwirklichen Zauber sofort, oder man fühlt sich in dieser purpurroten Stille seltsam unwillkommen. Als ich meine „Furgoneta“ auf einem der staubigen Parkplätze direkt am Ufer abstellte, war ich unsicher. Die Verbotsschilder für Camper leuchteten in der tiefstehenden Wintersonne fast so aggressiv wie die Erde selbst. Doch die Erfahrung lehrt: Im Winter, wenn die Touristenströme versiegt sind, drückt das Schicksal oft ein Auge zu. Am kiesigen Ufer, dort, wo das tiefblaue Wasser leise gegen die roten Felsen klatscht, sah ich einen Segler. Er wirkte, als gehöre er schon ewig hierher; seine Haut war gegerbt, sein Haar vom Wind zerzaust. Mühsam zog er sein kleines Boot auf den roten Strand. Ich trat näher und fragte ihn nach der Situation – ob man hier für eine Nacht geduldet würde. Er hielt inne, richtete sich langsam auf und sah mich aus Augen an, die so dunkel waren wie der vulkanische Basalt der umliegenden Gipfel. Ein schiefes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. „Übernachten?“, wiederholte er und deutete mit einer ausladenden Geste über den See. „Pass auf, Fremder. Dieser See hat Wächter, die älter sind als die Gesetze der Menschen. Sie haben einst einen Riesen besiegt, der mächtiger war als alles, was du dir vorstellen kannst. Wenn du nicht willst, dass dein Blut den Boden hier noch röter färbt, als er ohnehin schon ist, dann such dir lieber den Campingplatz da vorne. Zahl die Gebühr wie alle anderen – das ist ein kleiner Preis für deinen Frieden.“ Ich tat es als Seemannsgarn ab, doch die Ernsthaftigkeit in seiner Stimme ließ mich frösteln. Ich wanderte erst einmal los, am Ufer entlang, wo der Wind in den kargen Sträuchern pfiff. Schließlich fand ich weiter hinten tatsächlich eine Lücke – einen kleinen, versteckten Platz, auf dem mein unauffälliger Bulli fast mit der Landschaft verschmolz. Doch als ich später am Abend, während die Sonne das Tal in ein blutiges Orange tauchte, wieder auf den Segler traf, lud er mich ein, auf einer alten Bank aus Treibholz Platz zu nehmen. „Du hast dein Versteck gefunden, was?“, brummte er. „Na schön. Aber da du nun hierbleibst, solltest du wissen, auf wessen Blut du eigentlich schläfst.“ Er zündete sich eine Pfeife an, der Rauch kräuselte sich in der kühlen Abendluft, und er begann zu erzählen. „Schau dir diese Farbe an“, begann er und stieß mit der Stiefelspitze in den rissigen, roten Boden. „Die Geologen nennen es Perm-Sediment, Eisenoxid. Aber für uns, die wir hier leben, ist das kein Gestein. Das ist das Erbe des Riesen vom Escandorgue. In den Zeiten, als die Welt noch aus Feuer und instabilem Gestein bestand, lebte hoch oben auf dem Plateau de l’Escandorgue ein Riese. Er war kein Wesen aus Fleisch und Bein, sondern ein Geschöpf der Tiefe – eine Kreatur aus kochendem Magma und schwarzem Basalt. Wenn er sich bewegte, bebten die Hügel des Languedoc, und wenn er zornig war, spuckten die Berge Feuer. Er war einsam, so einsam, wie es nur ein unsterblicher Berg sein kann. Eines Tages blickte er hinunter in dieses Tal. Damals gab es den See noch nicht, nur den Fluss Salagou, der sich durch eine grüne Oase schlängelte. Und dort, im Dorf Celles – das du da drüben am Hang als Ruine sehen kannst –, sah er ein Mädchen. Sie war wunderschön, mit Haut so hell wie der Kalkstein und Augen, die das Blau des Himmels eingefangen hatten. Der Riese, dessen Herz ein glühender Stein war, verliebte sich. Es war eine Liebe, die nicht sein durfte. Er versuchte, sanft zu sein, doch wenn er flüsterte, lösten sich Steinschläge. Wenn er weinte, verdampften die Bäche. Er kam den Hang hinunter, Schritt für Schritt, und jeder Tritt hinterließ einen Krater. Er wollte sie für sich gewinnen, wollte sie hinauf in seine schwarzen Paläste aus Basalt entführen. Doch das Mädchen hatte Angst. Wer würde nicht zittern, wenn ein wandelnder Berg vor der Haustür steht? Sie floh vor ihm, versteckte sich in den tiefen Höhlen und Wäldern des Tals. Die Menschen von Celles beteten zu den alten Göttern, zum Himmel selbst, um Schutz vor diesem Ungetüm, das ihre Ernte zertrat und ihre Quellen austrocknete. Der Riese wurde rasend vor Schmerz und unerwiderter Sehnsucht. Er glaubte, wenn er das gesamte Tal vernichten würde, gäbe es kein Versteck mehr für sie. Er begann, die Berge um uns herum – den Mont Liausson und den l’Escandorgue – mit seinen gewaltigen Fäusten zu zertrümmern. Er wollte das Tal mit seinem eigenen Körper ausfüllen, alles unter sich begraben, damit nichts mehr zwischen ihm und seinem Wunsch stand. Aber die Erde lässt sich nicht ungestraft Gewalt antun. Als der Riese seine Hand erhob, um den letzten entscheidenden Schlag gegen das Dorf Celles zu führen, antwortete der Himmel. Es heißt, ein Blitz von unvorstellbarer Gewalt, weißer und heißer als das Innere eines Vulkans, schlug herab. Er traf den Riesen genau in die Brust, dorthin, wo sein glühendes Herz schlug. Der Riese schrie auf – ein Laut, den man heute noch im Heulen des Windes hören kann. Er stürzte. Sein gewaltiger Körper schlug auf den Boden des Tals auf und zerbarst. Doch er verging nicht wie Asche. Da er ein Wesen des Feuers war, war sein Blut flüssiges Purpur. Es quoll aus seinen Wunden, heiß und unaufhaltsam. Es strömte über die Hügel, sickerte in jede Spalte, tränkte jedes Sandkorn. Dort, wo das Blut des Riesen floss, verbrannte das Grün. Die Erde färbte sich tiefrot, verbrannt von der Hitze seiner Leidenschaft und seines Zorns. Das Blut trocknete den Boden so sehr aus, dass er rissig wurde, als würde das Land selbst vor Durst schreien. Diese roten ‚Ruffes‘, auf denen wir hier stehen, sind nichts anderes als das geronnene Leben dieses gefallenen Giganten. Der Riese selbst wurde zu Stein. Die schwarzen Basaltkuppen, die du dort oben wie eine Krone auf den roten Hügeln siehst, das sind die Überreste seiner Rüstung, seine erstarrten Knochen. Er bewacht das Tal noch immer,
Lourdes und Pyrenäen

2/22 Wasser der Hoffnung, warme Nächte und einsame Pyrenäen
Tarnschlucht in den Cevennen

1/22 Aufbruch, unfassbare Landschaft, Kontrolllicht und kalte Pfoten





































