Das Aufbäumen des Drachen: Die epische Entstehung der Gorges du Tarn

Das Aufbäumen des Drachen: Die epische Entstehung der Gorges du Tarn Wenn du mit deinem Camper die engen Serpentinen von den windgepeitschten Höhen der französischen Cevennen hinabrollst, verändert sich die Welt mit jeder Kurve. Oben, auf den kargen, endlosen Kalkstein-Hochebenen der Causses, regiert die Einsamkeit. Der Wind pfeift durch das trockene Gras, und der Horizont scheint endlos. Doch plötzlich reißt die Erde vor dir auf. Ein gigantischer, schwindelerregender Abgrund tut sich auf: die Gorges du Tarn. Wer heute durch diese monumentale Schlucht im Süden Frankreichs fährt, vorbei an tausend Meter hohen, senkrecht abfallenden Felswänden, bizarren Steinnadeln und smaragdgrünem Wasser, der sieht ein Meisterwerk der geologischen Zeitgeschichte. Die Wissenschaft spricht von Jahrmillionen der Erosion, in denen sich der Fluss Tarn unnachgiebig durch den harten Kalkstein gefressen hat. Doch die Menschen, die seit Generationen in den tiefen Falten dieses Tals leben, kennen eine andere Wahrheit. Sie wissen, dass diese Schlucht nicht langsam wuchs. Sie wurde in einer einzigen, apokalyptischen Nacht aus purem Zorn, göttlicher Macht und dem markerschütternden Brüllen eines Dämons in die Erde gerissen. Dies ist keine lose zusammengereimte Sage, die man sich bloß erzählt, um Touristen zu unterhalten. Es ist eine historisch dokumentierte Legende aus dem 6. Jahrhundert, festgehalten im Mittelalter von den Troubaduren Okzitaniens. Es ist die Chronik eines epischen Krieges zwischen der Heiligen Enimie und dem Drac – dem Teufelsdrachen der Cevennen. Eine Geschichte, die die gesamte Geografie der Schlucht von ihrem Anfang bis zu ihrem dramatischen Ende erklärt. Schnall dich an, mach den Motor deines Vans aus und lausche dem Wispern des Windes in den Klippen. Der Fluss Tarn erzählt uns, wie er zu seiner Schlucht kam. Die Flucht der Königstochter und das Wunder der Quelle Die Geschichte beginnt weit weg von den wilden Schluchten des Südens, am glanzvollen, aber kalten Hof der Merowinger-Könige im Norden Frankreichs. Enimie war nicht irgendwer. Sie war eine bildschöne Prinzessin, die Tochter des Königs Chlothar II. und die Schwester des zukünftigen Königs Dagobert I. Ihr Leben schien vorgezeichnet: Reichtum, Macht und eine strategische Heirat mit einem mächtigen Fürsten, um das Reich zu stärken. Doch Enimie trug eine andere Sehnsucht in ihrem Herzen. Sie wollte ihr Leben nicht den weltlichen Intrigen und dem Prunk des Hofes widmen. Sie hatte ihr Herz Gott versprochen und sehnte sich nach einem Leben in Armut, Gebet und Keuschheit. Als ihr Vater die Hochzeit mit einem reichen Edelmann arrangierte und keinen Widerspruch duldete, geriet Enimie in Verzweiflung. Sie betete nächtelang unter Tränen zu Gott, er möge ihre Reinheit beschützen und sie so hässlich machen, dass kein Mann auf Erden sie jemals wieder begehren würde. Ihr Gebet wurde auf schreckliche Weise erhört. Am Morgen vor der Verlobung erwachte die Prinzessin mit brennenden Schmerzen. Ihr makelloser Körper war übersät mit den grausamen, entstellenden Geschwüren der Lepra. Der Hofstaat wich entsetzt zurück, der Bräutigam floh voller Abscheu, und Enimie war frei – doch sie war eine Todgeweihte, gezeichnet vom Aussatz. Jahre der Qual vergingen, in denen die Prinzessin in Isolation lebte. Bis ihr eines Nachts im Traum ein Engel erschien. Seine Stimme war wie das Rauschen von klarem Wasser. „Geh in den Süden, Enimie“, sprach das Wesen aus Licht. „Suche im Land von Gévaudan nach dem tiefen Tal, in dem die Quelle namens Burle entspringt. Bade in ihrem Wasser, und dein Fleisch wird wieder gesund genesen.“ Enimie zögerte nicht. Gemeinsam mit einem kleinen Gefolge treuer Diener machte sie sich auf den beschwerlichen Weg nach Süden. Wochenlang schleppte sie sich durch die Wildnis, geleitet nur von ihrer unerschütterlichen Hoffnung. Als sie schließlich die rauen Hochebenen der Lozère erreichte, fand sie den verborgenen Pfad hinab in das Tal, wo ein wilder, ungezähmter Fluss namens Tarn floss. Und dort, am Fuße der riesigen Klippen, stieß sie auf die Quelle Burle. Ihr Wasser war von einem tiefen, fast unheimlichen Türkisblau, eiskalt und spiegelglatt. Mit letzter Kraft stieg die kranke Prinzessin in die Fluten. Kaum hatte das eiskalte Quellwasser ihren geschundenen Körper berührt, geschah das Wunder: Die Schmerzen schwanden, die furchtbaren Geschwüre lösten sich auf, und ihre Haut wurde so rein und schön wie am ersten Tag. Voller Dankbarkeit wollte Enimie mit ihren Dienern die Heimreise antreten. Doch kaum stiegen sie die steilen Hänge der Hochebene hinauf, kehrte die Lepra mit voller Wucht zurück. Zweimal versuchte sie zu gehen, zweimal fraß sich die Krankheit sofort wieder in ihr Fleisch. Beim dritten Mal verstand Enimie das göttliche Zeichen. „Hier ist mein Platz“, sagte sie leise. „Die Erde fordert mich, und Gott will, dass ich hier bleibe.“ Sie baute eine bescheidene Einsiedelei direkt neben der heilenden Quelle und gründete ein Kloster für Frauen, um den wahren Glauben in diese raue, heidnische Region zu bringen. Das Erwachen des Drac: Die Hölle bricht los Das Aufblühen des Klosters und die Bekehrung der Menschen blieben jedoch der Unterwelt nicht verborgen. Tief im Inneren der Felsen, in den dunkelsten Höhlen unter den Causses, hauste seit Jahrtausenden eine uralte, bösartige Kreatur. Die Einheimischen nannten sie den Drac. Er war kein gewöhnlicher Drache, der plump Feuer spie. Der Drac war eine chimärische Ausgeburt der Hölle: Eine gigantische, geflügelte Schlange mit dem gepanzerten Kopf eines Echsenmonsters, Klauen, die massiven Granit zermalmen konnten, und Augen, die im Dunkeln wie glühende Kohlen leuchteten. Er war der personifizierte Geist des Bösen, der Herrscher über das Chaos und die Finsternis in den Bergen. Der Drac spürte die Reinheit und das Gebet der Heiligen Enimie wie einen brennenden Stachel in seinem finsteren Leib. Das Singen der Nonnen vertrieb seine Dämonen, das heilige Wasser der Burle-Quelle schwächte seine Macht. Rasend vor Zorn beschloss die Bestie, die Eindringlinge zu vernichten. Es war eine schwüle, stürmische Nacht, als der Drac aus seinem unterirdischen Reich hervorbrach. Mit einem ohrenbetäubenden Brüllen, das die Grundfesten der Berge erschütterte, schoss er in den Himmel über dem Tal. Der Himmel färbte sich schwarz, und ein Hagelsturm aus Schwefel und Asche ging über dem kleinen Kloster nieder. Die Nonnen flohen voller Panik in die Kapelle, während die Bestie mit ihren gewaltigen Schwingen die Luft zerschnitt und sich auf das Dach des Klosters stürzen wollte, um es mit
Das weiße Leuchten in der Felsspalte: Die Legende von Lourdes und das Geschäft mit dem Wunder

Das weiße Leuchten in der Felsspalte: Die Legende von Lourdes und das Geschäft mit dem Wunder Wer mit dem Camper durch die sanften Ausläufer der französischen Pyrenäen steuert, steuert unweigerlich auf einen Ort zu, der die Gemüter der Menschheit spaltet wie kaum ein anderer. Lourdes. Für die einen ist es der heiligste Flecken Erde, ein Epizentrum des göttlichen Trostes und der spontanen Heilungen. Für die anderen ist es die wohl faszinierendste Kombination aus kollektiver Autosuggestion und dem lukrativsten Souvenirhandel der Religionsgeschichte. Wenn du deinen Van auf einem der riesigen Stellplätze der Stadt parkst, merkst du sofort: Hier ticken die Uhren anders. Tausende Menschen schieben sich durch die Straßen, Rollstühle prägen das Stadtbild, und an jeder Ecke kann man Plastikflaschen in Form der Jungfrau Maria kaufen, um darin das berühmte Quellwasser abzufüllen. Doch wie fing das alles an? Um das zu verstehen, müssen wir das Rad der Zeit zurückdrehen in das Jahr 1858 – in eine Epoche, in der das Leben in den Pyrenäen hart, entbehrungsreich und von tiefer Armut geprägt war. Und mitten drin: ein kränkliches, vierzehnjähriges Mädchen namens Bernadette Soubirous. Die Tristesse von Massabielle und das erste „Etwas“ Es war der 11. Februar 1858. Ein nasskalter, ungemütlicher Wintertag im Süden Frankreichs. Bernadette, die Tochter eines verarmten Müllers, die weder lesen noch schreiben konnte und wegen ihres schweren Asthmas oft schwach war, zog mit ihrer Schwester und einer Freundin los. Ihr Ziel: Holz sammeln. Geld für Heizung gab es in der feuchten, dunklen Gefängniszelle, die man der völlig verarmten Familie Soubirous aus Mitleid als Unterkunft überlassen hatte, nämlich nicht. Die Mädchen zog es zur Grotte von Massabielle. Damals war das kein prachtvoller Wallfahrtsort mit marmornem Vorplatz, sondern eine dreckige, abgelegene Felsnische am Fluss Gave de Pau. Ein Ort, an dem die Schweine gehütet wurden und an dem sich der Müll der Stadt sammelte. Während die anderen beiden Mädchen den eiskalten Fluss durchschwammen, zögerte die kränkliche Bernadette. Sie wollte ihre Schuhe nicht nass machen, aus Angst vor dem nächsten Asthmaanfall. Und genau in diesem Moment des Wartens passierte es. Bernadette berichtete später von einem Geräusch, das wie ein plötzlicher Windstoß klang – obwohl sich die Blätter der Bäume nicht bewegten. Sie blickte auf zu einer höher gelegenen Felsspalte der Grotte. Und dort sah sie es: ein Licht. Oder besser gesagt, eine Gestalt. Hier beginnt der feine, psychologische Riss in der Geschichte, der Skeptiker bis heute aufhorchen lässt. Bernadette sah damals keineswegs sofort die „Jungfrau Maria“. Sie beschrieb die Erscheinung in ihren ersten Vernehmungen als „aquéro“ – was im lokalen Dialekt schlicht und ergreifend „jene dort“ oder „das da“ bedeutet. Sie sah eine kleine, zierliche Dame, kaum größer als sie selbst, gekleidet in ein weißes Kleid mit blauer Schärpe und einer gelben Rose auf jedem Fuß. Das Wesen sprach nicht. Es lächelte nur und betete den Rosenkranz mit ihr. Als Bernadette am Abend ihren Eltern davon erzählte, gab es statt göttlicher Ehrfurcht erst einmal eine Tracht Prügel von der Mutter, die das Ganze für ausgemachten Unfug hielt. Doch die Lawine war bereits ins Rollen gebracht. Der Rausch der Massen und die Entdeckung der Goldgrube Trotz des Verbots ihrer Eltern zog es Bernadette wieder zur Grotte. Und „jene dort“ erschien wieder. Insgesamt achtzehnmal sollte sich das Schauspiel zwischen Februar und Juli 1858 wiederholen. Es dauerte nicht lange, bis das Geheimnis im Dorf die Runde machte. Bei den ersten Erscheinungen war Bernadette noch allein oder im kleinen Kreis, doch bald strömten Hunderte, später Tausende Neugierige zur Grotte von Massabielle. Man muss sich die Szenerie einmal bildlich vorstellen: Ein junges, chronisch unterernährtes Mädchen liegt auf den Knien im Schlamm einer Schweineweide, starrt mit weit aufgerissenen Augen in eine leere Felsspalte, verfällt in Trance und flüstert mit einem Wesen, das absolut niemand außer ihr sehen oder hören kann. Die Menge ringsum stand andächtig daneben, hingerissen von der puren Ekstase des Kindes. War es göttliche Eingebung? Oder vielleicht die Fluchtphantasie einer traumatisierten Teenagerin aus bitterster Armut, die plötzlich im Rampenlicht einer ganzen Region stand? Am 25. Februar erreichte das Drama seinen skurrilen Höhepunkt. Die Erscheinung befahl Bernadette: „Geh und trink aus der Quelle und wasch dich dort.“ Bernadette blickte sich um. Da war keine Quelle. Nur trockener, schlammiger Boden. Doch das Mädchen gehorchte blind. Sie begann, mit den bloßen Händen in der Erde zu scharren. Sie fraß den schlammigen Dreck, versuchte das schmutzige Wasser zu trinken und beschmierte ihr Gesicht mit Schlamm. Die umstehende Menge war schockiert. Viele hielten sie in diesem Moment für schlichtweg verrückt geworden und wandten sich ab. Doch das Blatt wendete sich rasant. Denn aus dem kleinen Loch, das Bernadette gegraben hatte, begann tatsächlich Wasser zu sickern. Erst spärlich, dann immer kräftiger. Bis zum nächsten Tag war eine sprudelnde Quelle entstanden. Und als ein blinder Steinmetz aus dem Dorf sein Auge mit dem Wasser wusch und behauptete, plötzlich wieder sehen zu können, war der Mythos von Lourdes geboren. Die vermeintliche Psychose eines armen Mädchens wurde über Nacht zum göttlichen Wunder erklärt. Die Bürokratie übernimmt das Wunder Nun traten die Akteure auf den Plan, die einer solchen Geschichte den weltlichen Stempel aufdrücken: die Kirche und der Staat. Die lokalen Behörden bekamen es mit der Angst zu tun. Sie witterten Massenhysterie, sperrten die Grotte ab und drohten Bernadette mit dem Gefängnis, wenn sie nicht aufhöre, Unruhe zu stiften. Doch der Druck der Bevölkerung war zu groß. Der örtliche Pfarrer, Abbé Peyramale, war anfangs extrem skeptisch. Er forderte von Bernadette einen handfesten Beweis: Die Dame in der Felsspalte solle ihren Namen nennen. Am 25. März lieferte Bernadette die Antwort. Die Dame hatte angeblich die Hände gefaltet, den Blick zum Himmel gerichtet und gesagt: „Que soy era immaculada councepcio“ – Ich bin die Unbefleckte Empfängnis. Für den Pfarrer war das der theologische Ritterschlag. Woher sollte ein ungebildetes Bauernmädchen dieses dogmatische Konzept kennen, das der Papst erst vier Jahre zuvor verkündet hatte? Für Gläubige der ultimative Beweis der Echtheit. Für Zweifler ein klassischer Fall von „gut souffliert“: Bernadette verbrachte viel Zeit in der Kirche, und es ist kaum vorstellbar, dass dieser Begriff in den Predigten jener Zeit
Die Sichel des Teufels (La Faux du Diable)

Die Sichel des Teufels (La Faux du Diable) – Cirque de Navacelles Die Cevennen sind ein Gebirge, das keine Eile verträgt. Jahrelang war ich hier nur durchgehastet, die Reifen meiner „Furgoneta“ fraßen den Asphalt der Serpentinen, während mein Blick fest auf den Süden gerichtet war – Spanien war das Ziel, die Pyrenäen die Hürde. Doch dieses Mal entschied ich mich anders. Ich wollte nicht nur durch die Landschaft gleiten, ich wollte in sie eintauchen. Ich wollte wissen, was sich hinter den schroffen Kalksteinwänden der Causses verbirgt, wenn man den Motor abstellt und die Wanderschuhe schnürt. Mein Weg führte mich tief hinunter in den gewaltigen Kessel von Navacelles. Ich stellte mein Auto unten im Tal ab, dort, wo die Vis wie ein glitzerndes Band durch das grüne Hufeisen fließt. Von dort aus nahm ich den steilen Pfad in Angriff, der sich mühsam die senkrechten Wände hinauf zur Kante windet. Es ist ein Weg, der einem den Atem raubt – nicht nur wegen der Steigung, sondern wegen der schieren Größe dieses geologischen Wunders, das sich unter einem entfaltet. Oben angekommen, am Aussichtspunkt beim Touristenzentrum, bot sich mir ein Panorama, das fast unwirklich erschien. Inmitten der Scharen von Touristen, die mit ihren Kameras und bunten Outdoorkleidern nach dem besten Motiv suchten, saß ein Mann auf einer Steinmauer. Er trug eine derbe Arbeitshose, ein verwaschenes Hemd und hatte Hände, die aussahen, als hätten sie den Kalkstein der Causses eigenhändig geformt. In diesem Moment wurde mir klar: Wir Touristen waren die Fremdkörper. Er war der Einzige, der wirklich hierher gehörte. Ich setzte mich mit meinem Kaffee zu ihm und sprach ihn an. „Sie wirken, als ob Sie diesen Ausblick schon ein paar Mal genossen hätten“, sagte ich. Er sah mich aus hellen, wachen Augen an und nickte langsam. „Ich bin hier geboren. Mein Vater auch. Und dessen Vater ebenfalls. Wir sind Teil dieses Felses.“ Als ich ihm erzählte, dass ich für meine „Legendenbox“ auf der Suche nach den wahren Geschichten der Region sei, legte er seine Mütze ab und blickte hinunter in die Tiefe des Cirque. „Die Leute im Besucherzentrum erzählen dir von Erosion und Wasserläufen“, begann er mit einer rauen, aber warmen Stimme. „Aber mein Vorfahre, der alte Jean-Pierre, der genau hier oben auf der Kante stand, als es geschah… der wusste es besser. Er hat gesehen, wie dieses Tal seine Form bekam. Setz dich, Fremder. Ich erzähle dir von der Nacht, in der die Sichel den Fels schnitt.“ „Du musst wissen“, begann er, und sein Blick wurde fern, „das Leben hier oben auf dem Causse de Blandas war früher ein ständiger Kampf. Der Boden war trocken, der Wind peitschte über die Hochebene, und unten im Tal gab es zwar Wasser, aber das Land war unwegsam und voller Felsbrocken. Mein Vorfahre Jean-Pierre war ein eigensinniger Mann. Er besaß ein Stück Land unten an der Vis, aber es war mühsam zu bewirtschaften. Die Wiesen waren wild, und der Fluss änderte nach jedem Unwetter seinen Lauf. Eines Abends, es war eine jener Nächte, in denen die Luft so elektrisch aufgeladen ist, dass einem die Haare zu Berge stehen, saß Jean-Pierre genau hier an der Klippe. Er war verzweifelt. Die Ernte war mager, und er wusste nicht, wie er den Winter überstehen sollte. In seiner Bitterkeit rief er in die Dunkelheit hinaus: ‚Ich würde meine Seele demjenigen geben, der mir dieses Tal bändigt und mir eine Wiese schafft, die groß genug für zehntausend Schafe ist!‘ Kaum war der letzte Laut verhallt, hörte er ein hinkendes Geräusch hinter sich. Ein Mann trat aus dem Schatten der Pinien. Er war elegant gekleidet, doch sein Lächeln war so scharf wie eine Rasierklinge. ‚Ein fairer Handel, Jean-Pierre‘, sagte der Fremde. ‚Ich schaffe dir ein Tal, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Eine perfekte Arena aus Gras, mit einem Fluss, der gehorsam im Kreis fließt, damit du jeden Winkel bewässern kannst. Und das alles in einer einzigen Nacht.‘ Jean-Pierre war ein Mann der Berge – er war misstrauisch. Er sah den hinkenden Fuß des Fremden und wusste sofort, wen er vor sich hatte. Doch er war auch ein Spieler. ‚Schön‘, sagte er. ‚Aber es gibt eine Bedingung. Du musst fertig sein, bevor der erste Hahn im Dorf Navacelles den Morgen verkündet. Wenn du versagst, gehört das Tal mir, und meine Seele bleibt mein.‘ Der Teufel lachte ein trockenes, hohles Lachen und zog etwas hinter seinem Rücken hervor. Es war eine Sense, Jean-Pierre schwörte es später beim heiligen Geist, deren Blatt so lang war wie die Schlucht tief ist. Sie glühte in einem unheimlichen, bläulichen Licht. Was dann geschah, überstieg alles Menschliche. Der Teufel sprang mit einem gewaltigen Satz hinunter in den Talgrund. Jean-Pierre lag hier oben auf dem Bauch, den Kopf über die Kante hängend, und starrte in die Finsternis. Er sah, wie die gewaltige Sichel durch die Luft schnitt. Jedes Mal, wenn das Blatt den Fels berührte, sprühten Funken, so hell wie Blitze. Der Lärm war ohrenbetäubend – ein Kreischen von Metall auf Stein, das durch die ganze Welt zu hallen schien. Der Teufel arbeitete mit einer rasenden Wut. Er schwang die Sichel in einem weiten Bogen um sich herum. Wo die Klinge einschlug, wich der Kalkstein zurück, als wäre er weiche Butter. Er schnitt das Plateau förmlich aus, tiefer und tiefer. Der Fluss Vis, der zuvor ziellos durch das Gestein gesickert war, stürzte sich gierig in die neue, kreisrunde Furche, die die Sense riss. Es war kein Mähen von Gras, es war ein Mähen von Bergen. Jean-Pierre sah, wie der zentrale Hügel, der ‚Rocher de la Vierge‘, in der Mitte stehen blieb, während der Teufel das Land um ihn herum wegsäbelte. Die Zeit rannte. Der Teufel war fast am Ziel. Er hatte fast den gesamten Kreis vollendet, nur ein schmales Stück Fels fehlte noch, um den Lauf der Vis perfekt zu schließen und das Meisterwerk zu vollenden. Der Schweiß floss dem Gehörnten in Strömen von der Stirn, und sein Atem roch nach brennendem Schwefel. Mein Vorfahre wusste: Wenn er jetzt nichts unternahm, würde er den nächsten Morgen
Das Blut des Riesen (Le Sang du Géant de l’Escandorgue)

Das Blut des Riesen (Le Sang du Géant de l’Escandorgue) Der Lac du Salagou ist ein Ort, der keinen Mittelweg kennt. Entweder man verfällt seinem unwirklichen Zauber sofort, oder man fühlt sich in dieser purpurroten Stille seltsam unwillkommen. Als ich meine „Furgoneta“ auf einem der staubigen Parkplätze direkt am Ufer abstellte, war ich unsicher. Die Verbotsschilder für Camper leuchteten in der tiefstehenden Wintersonne fast so aggressiv wie die Erde selbst. Doch die Erfahrung lehrt: Im Winter, wenn die Touristenströme versiegt sind, drückt das Schicksal oft ein Auge zu. Am kiesigen Ufer, dort, wo das tiefblaue Wasser leise gegen die roten Felsen klatscht, sah ich einen Segler. Er wirkte, als gehöre er schon ewig hierher; seine Haut war gegerbt, sein Haar vom Wind zerzaust. Mühsam zog er sein kleines Boot auf den roten Strand. Ich trat näher und fragte ihn nach der Situation – ob man hier für eine Nacht geduldet würde. Er hielt inne, richtete sich langsam auf und sah mich aus Augen an, die so dunkel waren wie der vulkanische Basalt der umliegenden Gipfel. Ein schiefes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. „Übernachten?“, wiederholte er und deutete mit einer ausladenden Geste über den See. „Pass auf, Fremder. Dieser See hat Wächter, die älter sind als die Gesetze der Menschen. Sie haben einst einen Riesen besiegt, der mächtiger war als alles, was du dir vorstellen kannst. Wenn du nicht willst, dass dein Blut den Boden hier noch röter färbt, als er ohnehin schon ist, dann such dir lieber den Campingplatz da vorne. Zahl die Gebühr wie alle anderen – das ist ein kleiner Preis für deinen Frieden.“ Ich tat es als Seemannsgarn ab, doch die Ernsthaftigkeit in seiner Stimme ließ mich frösteln. Ich wanderte erst einmal los, am Ufer entlang, wo der Wind in den kargen Sträuchern pfiff. Schließlich fand ich weiter hinten tatsächlich eine Lücke – einen kleinen, versteckten Platz, auf dem mein unauffälliger Bulli fast mit der Landschaft verschmolz. Doch als ich später am Abend, während die Sonne das Tal in ein blutiges Orange tauchte, wieder auf den Segler traf, lud er mich ein, auf einer alten Bank aus Treibholz Platz zu nehmen. „Du hast dein Versteck gefunden, was?“, brummte er. „Na schön. Aber da du nun hierbleibst, solltest du wissen, auf wessen Blut du eigentlich schläfst.“ Er zündete sich eine Pfeife an, der Rauch kräuselte sich in der kühlen Abendluft, und er begann zu erzählen. „Schau dir diese Farbe an“, begann er und stieß mit der Stiefelspitze in den rissigen, roten Boden. „Die Geologen nennen es Perm-Sediment, Eisenoxid. Aber für uns, die wir hier leben, ist das kein Gestein. Das ist das Erbe des Riesen vom Escandorgue. In den Zeiten, als die Welt noch aus Feuer und instabilem Gestein bestand, lebte hoch oben auf dem Plateau de l’Escandorgue ein Riese. Er war kein Wesen aus Fleisch und Bein, sondern ein Geschöpf der Tiefe – eine Kreatur aus kochendem Magma und schwarzem Basalt. Wenn er sich bewegte, bebten die Hügel des Languedoc, und wenn er zornig war, spuckten die Berge Feuer. Er war einsam, so einsam, wie es nur ein unsterblicher Berg sein kann. Eines Tages blickte er hinunter in dieses Tal. Damals gab es den See noch nicht, nur den Fluss Salagou, der sich durch eine grüne Oase schlängelte. Und dort, im Dorf Celles – das du da drüben am Hang als Ruine sehen kannst –, sah er ein Mädchen. Sie war wunderschön, mit Haut so hell wie der Kalkstein und Augen, die das Blau des Himmels eingefangen hatten. Der Riese, dessen Herz ein glühender Stein war, verliebte sich. Es war eine Liebe, die nicht sein durfte. Er versuchte, sanft zu sein, doch wenn er flüsterte, lösten sich Steinschläge. Wenn er weinte, verdampften die Bäche. Er kam den Hang hinunter, Schritt für Schritt, und jeder Tritt hinterließ einen Krater. Er wollte sie für sich gewinnen, wollte sie hinauf in seine schwarzen Paläste aus Basalt entführen. Doch das Mädchen hatte Angst. Wer würde nicht zittern, wenn ein wandelnder Berg vor der Haustür steht? Sie floh vor ihm, versteckte sich in den tiefen Höhlen und Wäldern des Tals. Die Menschen von Celles beteten zu den alten Göttern, zum Himmel selbst, um Schutz vor diesem Ungetüm, das ihre Ernte zertrat und ihre Quellen austrocknete. Der Riese wurde rasend vor Schmerz und unerwiderter Sehnsucht. Er glaubte, wenn er das gesamte Tal vernichten würde, gäbe es kein Versteck mehr für sie. Er begann, die Berge um uns herum – den Mont Liausson und den l’Escandorgue – mit seinen gewaltigen Fäusten zu zertrümmern. Er wollte das Tal mit seinem eigenen Körper ausfüllen, alles unter sich begraben, damit nichts mehr zwischen ihm und seinem Wunsch stand. Aber die Erde lässt sich nicht ungestraft Gewalt antun. Als der Riese seine Hand erhob, um den letzten entscheidenden Schlag gegen das Dorf Celles zu führen, antwortete der Himmel. Es heißt, ein Blitz von unvorstellbarer Gewalt, weißer und heißer als das Innere eines Vulkans, schlug herab. Er traf den Riesen genau in die Brust, dorthin, wo sein glühendes Herz schlug. Der Riese schrie auf – ein Laut, den man heute noch im Heulen des Windes hören kann. Er stürzte. Sein gewaltiger Körper schlug auf den Boden des Tals auf und zerbarst. Doch er verging nicht wie Asche. Da er ein Wesen des Feuers war, war sein Blut flüssiges Purpur. Es quoll aus seinen Wunden, heiß und unaufhaltsam. Es strömte über die Hügel, sickerte in jede Spalte, tränkte jedes Sandkorn. Dort, wo das Blut des Riesen floss, verbrannte das Grün. Die Erde färbte sich tiefrot, verbrannt von der Hitze seiner Leidenschaft und seines Zorns. Das Blut trocknete den Boden so sehr aus, dass er rissig wurde, als würde das Land selbst vor Durst schreien. Diese roten ‚Ruffes‘, auf denen wir hier stehen, sind nichts anderes als das geronnene Leben dieses gefallenen Giganten. Der Riese selbst wurde zu Stein. Die schwarzen Basaltkuppen, die du dort oben wie eine Krone auf den roten Hügeln siehst, das sind die Überreste seiner Rüstung, seine erstarrten Knochen. Er bewacht das Tal noch immer,
Lourdes und Pyrenäen

2/22 Wasser der Hoffnung, warme Nächte und einsame Pyrenäen
Tarnschlucht in den Cevennen

1/22 Aufbruch, unfassbare Landschaft, Kontrolllicht und kalte Pfoten





































