Das Flüstern der Rue Maillard

Das Flüstern der Rue Maillard https://youtube.com/shorts/cokZRJVFhQ0 Mauern rücken näher. Atem stockt. In der Rue Maillard scheint die Zeit zwischen den schweren Eichenbalken der Fachwerkhäuser gefangen zu sein. Im 16. Jahrhundert lebte dort eine Frau, deren Herz so verbittert war wie der Essig in den Kellern der Stadt. Sie verbrachte ihre Nächte am Fenster, das so nah an dem ihres Nachbarn lag, dass sie dessen Atem hören konnte. Ihr Ziel war das junge Glück von Julien und Marie, die sich in den gegenüberliegenden Kammern heimliche Versprechen zuflüsterten. Eines Abends fing die Alte ein missverstandenes Wort auf. Mit einer Stimme, die wie trockenes Laub raschelte, flüsterte sie am nächsten Morgen Lügen in die offenen Fenster der Gasse: Marie habe einen anderen, Julien plane die Flucht. Das Gift verbreitete sich in der Enge der Rue Maillard schneller als die Pest. Misstrauen kroch durch die Ritzen der Lehmwände. Julien, von Eifersucht zerfressen, forderte seinen vermeintlichen Nebenbuhler zum Duell im Schatten der Kirche Saint-Pantaléon. Erst als die Klingen bereits gezogen waren, erkannte Marie den Verrat. Sie rannte in die Gasse und schrie die Wahrheit gegen die überhängenden Fassaden, bis das Echo die Kämpfenden innehalten ließ. Die alte Frau jedoch, so sagt man, wurde vom Fluch der Gasse getroffen: Sie verlor ihre Stimme und musste fortan in ewiger Stille zusehen, wie die Liebe, die sie vernichten wollte, durch die bloße Kraft der Wahrheit siegte. Wer heute durch die Rue Maillard geht und ganz leise ist, meint immer noch das bösartige Zischeln im Gebälk zu hören. „Hier“, flüsterte er, während er sein Schwert in den weichen Boden stieß, „wird das Fundament für ein Gotteshaus entstehen.“ Doch ein Kloster in dieser Einöde war mehr als nur ein Bauprojekt – es war eine spirituelle Festung. Um ihr Kraft zu verleihen, brauchte Silach etwas, das die Brücke zwischen dem wilden Germanien und dem heiligen Rom schlug. Er entsandte seine Söhne, Toto und Gauzibert, auf eine gefährliche Reise über die Alpen. Wochenlang kämpften sie sich durch eisige Pässe und überstanden die Angriffe von Wegelagerern. Ihr Ziel: Die Ewige Stadt. Dort angekommen, gelang ihnen das Unglaubliche: Sie erhielten die Reliquien des heiligen Märtyrers Alexander. In ein kostbares orientalisches Seidentuch gehüllt – jenen sagenumwobenen Alexandermantel –, trugen sie die Gebeine wie einen Schatz zurück in die Heimat. Die Legende besagt, dass bei ihrer Rückkunft die Glocken von selbst zu läuten begannen. Als die Reliquien den Boden von Ottobeuren berührten, wich die Dunkelheit des Waldes. Silach sah darin das Zeichen Gottes. Sein Sohn Toto legte das Schwert ab, tauschte die Rüstung gegen die Kutte und wurde der erste Abt. Doch der Aufbau war ein Kampf gegen die Natur. Bären streiften durch die Baustelle, und man sagt, die Mönche mussten die Kraft des Waldes erst „zähmen“, bevor die erste steinerne Kirche stehen konnte. Die zwei Bärentatzen im Wappen des Klosters erinnern bis heute an diesen heroischen Sieg der Zivilisation über die Wildnis. So entstand aus dem Mut einer Familie und einem heiligen Versprechen eines der prächtigsten Klöster der Welt. Wo einst nur Wölfe heulten, erhob sich bald ein Monument des Glaubens, das Kriege, Brände und Jahrhunderte überdauern sollte – beschützt durch den Geist des heiligen Alexander.
Die Legende von Troyes

Die Legende von Troyes https://youtube.com/shorts/7M_jvsYsbWU Staubwolken am Horizont. Panik. Untergang. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Gassen des antiken Troyes: Attila, die „Geißel Gottes“, marschierte mit seinem unbezwingbaren Reiterheer auf die Stadt zu. Wo seine Krieger vorbeikamen, blieb nur verbrannte Erde zurück. Die Stadtmauern von Troyes waren schwach, die Vorräte gering. Die Bewohner bereiteten sich auf ihr Ende vor.Doch ein Mann weigerte sich, zu fliehen. Bischof Lupus, ein Mann von tiefer Spiritualität und Mut, legte sein Ornat an, nahm seinen Bischofsstab und ließ die Stadttore öffnen. Während die Hunnen bereits die Vororte plünderten, schritt er ihnen allein entgegen. Die Legende besagt, dass eine seltsame Stille eintrat, als Lupus vor das Pferd Attilas trat.„Wer bist du?“, soll Attila herablassend gefragt haben. „Ich bin Lupus, der die Herde Gottes hütet“, antwortete der Bischof ohne Zittern. „Und ich bin Attila, die Geißel Gottes!“, donnerte der König. „Willkommen, Geißel Gottes“, entgegnete Lupus sanft, „aber wisse, dass du nur zerstören kannst, was Gott dir erlaubt.“Von der Furchtlosigkeit des Bischofs beeindruckt, verschonte Attila die Stadt – unter der Bedingung, dass Lupus ihn als Geisel begleitete, bis sein Heer die Region verlassen hatte. Troyes blieb als einzige Stadt im weiten Umkreis unversehrt.Folge mir für mehr spannende Legenden aus aller Welt! Die ganze Legende bei www.gruenundblau.de Diese Rettungstat wurde zum Gründungsmythos der Kathedrale. Man sagte, dass Gott selbst seine Hand über den Ort hielt, an dem Lupus gebetet hatte. Als Jahrhunderte später die heutige gotische Kathedrale erbaut wurde, sahen die Menschen in den unvorstellbar hohen Gewölben und den leuchtenden Glasfenstern ein steinernes Abbild dieses Schutzes.Noch heute wird in Troyes oft eine weitere, dunklere Legende erzählt: Die des „Graoully“ (ähnlich wie in Metz) oder der „Chair de la Bête“. Ein Drache, der in den Sümpfen der Seine lebte und die Wäscherinnen angriff. Er soll das Böse symbolisiert haben, das Lupus durch seinen Glauben vertrieben hatte. An manchen Wasserspeiern der Kathedrale glaubt man noch heute, die Fratze dieses besiegten Monsters zu erkennen.
Der weiße Hirsch von Montier-en-Der

Der weiße Hirsch von Montier-en-Der https://youtube.com/shorts/n2U8TQ5nFeI Dunkle Sumpfmasken. Flüstern. Der Tod. Bercharius stemmte sich gegen das undurchdringliche Dickicht des Der-Waldes, während der modrige Schlamm gierig nach seinen Beinen griff. Er war ein Getriebener Gottes, auf der Suche nach einem Ort, der bisher nur dem Vergessen gehörte. Plötzlich zerriss ein Ästenknacken die unheimliche Stille. Aus dem dichten Nebel trat ein gewaltiger Hirsch hervor, sein Geweih glänzte wie poliertes Silber im fahlen Licht der Eichen. Das Tier floh nicht. Es sah Bercharius aus tiefschwarzen Augen an, drehte sich um und schritt mit einer Leichtigkeit über den tückischen Boden, die jedem Sterblichen verwehrt blieb. Bercharius folgte dem schimmernden Fell tiefer in das Herz der Wildnis, vorbei an tückischen Strudeln und uralten Baumriesen. Nach Stunden der Erschöpfung hielt der Hirsch an einer verborgenen Lichtung inne. Dort, wo seine Hufe den Boden berührten, entsprang eine kristallklare Quelle. Der Hirsch verneigte sein Haupt vor dem heiligen Mann und verschwand in der Dunkelheit. Bercharius wusste: Das war kein Tier, sondern ein Wegweiser des Himmels. Genau hier, wo das Wasser das Land heilt, legte er den Grundstein für die Abtei Montier-en-Der. Wo einst das Grauen herrschte, wuchs nun Stein auf Stein – ein Bollwerk des Glaubens gegen die Urgewalt des Waldes. Folge mir für mehr spannende Legenden aus aller Welt! Die ganze Legende bei www.gruenundblau.de
Das Wunder des Herrn von Réchicourt

Das Wunder des Herrn von Réchicourt https://youtube.com/shorts/y8LeOi9AFA0 Die Mittagssonne brannte unbarmherzig auf das Asphaltband der lothringischen Landstraßen, als ich meinen Bulli nach Saint-Nicolas-de-Port steuerte. Eigentlich war die Stadt nur als strategischer Zwischenstopp auf meinem langen Weg in die Bretagne geplant – ein schöner, kostenloser Stellplatz direkt am Fluss hatte den Ausschlag gegeben. Doch schon bei der Einfahrt raubte mir die Silhouette der Basilika den Atem. Ihre zwei gewaltigen Türme ragten wie steinerne Finger der Hoffnung aus dem Meurthe-Tal empor, so majestätisch, dass ich meine Reisepläne sofort hintenanstellte. In der Kirche empfing mich eine segensreiche Stille. Die Luft war kühl und roch nach jahrhundertealtem Weihrauch und feuchtem Stein. Erschöpft von der Hitze und der monotonen Fahrt, sank ich in eine der hölzernen Bänke. Die Pracht der Flamboyant-Gotik verschwamm vor meinen Augen, und ich döste langsam ein. Ein metallisches Geräusch riss mich aus dem Halbschlaf. Es war kein gewöhnliches Geräusch. Es war das schwere, rhythmische Klirren von Eisen auf Stein. Direkt neben mir. Ich schreckte auf und drehte den Kopf. Dort, am Ende der Kirchenbank, saß ein Mann, der so gar nicht in diese Zeit zu passen schien. Er trug einen zerschlissenen Waffenrock, der mit dem Staub ferner Länder bedeckt war. Sein Gesicht war hohlwängig, ausgezehrt von Hunger und gezeichnet von einer Erschöpfung, die tiefer saß als bloße Müdigkeit. Seine Handgelenke waren blutig gescheuert, und daneben lagen – ich traute meinen Augen kaum – schwere, gebrochene Eisenketten. „Woher kommen Sie?“, flüsterte ich, noch immer benommen. Der Mann hob langsam den Kopf. Seine Augen brannten mit einem Feuer, das zwischen Wahnsinn und tiefer Frömmigkeit flackerte. Er sah mich an, als käme ich aus einer anderen Welt, und seine Stimme klang wie brüchiges Pergament. „Ich bin Cunon“, sagte er. „Herr von Réchicourt. Und ich bin gerade erst angekommen. Nach zehn Jahren der Finsternis.“ Er begann zu sprechen, und während er erzählte, schien sich die Basilika um uns herum aufzulösen. „Du siehst mich heute, wie ich bin, doch stell dir vor, wie ich einst war“, begann Cunon. „Ich war ein Ritter Lothringens, stolz und tapfer. Im Jahr 1230 folgte ich dem Ruf des Kreuzes in das Heilige Land. Ich kämpfte für Gott, doch Gott schien mich in der Wüste vergessen zu haben. In einer blutigen Schlacht bei Gaza fiel ich in die Hände der Sarazenen. Sie warfen mich in einen Kerker, der tief unter der Erde lag. Zehn Jahre lang sah ich kein Tageslicht. Zehn Jahre lang waren diese Ketten, die du hier siehst, meine einzigen Gefährten. Ich vergaß das Gesicht meiner Frau, den Geruch der Wälder meiner Heimat und den Klang der Glocken von Port. Mein Körper verfiel, meine Hoffnung wurde zu Staub. Die Peitsche der Wärter war mein tägliches Brot. Dann kam der Vorabend des Nikolaustages. Ich wusste es nur, weil ich die Kerben in den Stein ritzte. Die Wachen lachten mich aus. Sie sagten, am nächsten Morgen würde mein Kopf auf den Zinnen der Festung rollen. Der Emir hatte mein Todesurteil unterzeichnet. In jener Nacht, als die Ratten an meinen Füßen nagten und die Kälte des Kerkers mir das Mark aus den Knochen saugte, warf ich mich in meinen Fesseln in den Staub. Ich betete nicht mehr um mein Leben – ich war bereit zu sterben. Ich betete zum Heiligen Nikolaus, dem Schutzpatron meines Volkes. ‚Großer Heiliger‘, schrie ich in meinem Geist, ‚lass mich nicht in diesem gottlosen Boden verrotten. Wenn ich sterben muss, dann lass mich lothringische Erde unter meinen Füßen spüren. Einmal noch. Nur einen Atemzug lang.‘ Ich weinte, bis keine Tränen mehr kamen. Das Rasseln meiner Ketten begleitete mein Schluchzen, bis ich in einen tiefen, unnatürlichen Schlaf sank. Es war ein Schlaf, der sich anfühlte, als würde meine Seele aus meinem Körper gerissen. Plötzlich spürte ich Wärme. Ein sanftes Licht drang durch meine geschlossenen Lider. Ich hörte keine Schreie der Gefangenen mehr, kein Peitschenknallen. Stattdessen hörte ich… das Rauschen von Wasser. Den Wind in den Weiden am Ufer der Meurthe. Ich schlug die Augen auf und glaubte, ich sei bereits im Jenseits. Doch die Steine unter mir waren nicht golden, sie waren grau und vertraut. Ich lag auf der Schwelle der Kapelle von Port. Die Luft war feucht und kühl, genau wie heute. Über mir ragte der Turm auf, den ich so oft in meinen Träumen gesehen hatte. Ich wollte mich aufrichten, doch das Gewicht an meinen Armen hielt mich fest. Die Ketten aus dem Orient waren noch da. Doch während ich sie ansah, geschah das Unmögliche. Mit einem lauten, singenden Klang sprangen die Schlösser auf. Das schwere Eisen, das mich ein Jahrzehnt lang gefesselt hatte, fiel einfach ab. Es polterte über die Stufen, genau dort, wo du jetzt sitzt. Ich war tausende Meilen gereist – in einem einzigen Augenblick. Die Distanzen von Kontinenten, die Gefahren der Meere, die Mauern der Festung… alles war durch den Willen des Heiligen in einer Nacht überwunden worden. Die Glocken begannen zu läuten, obwohl niemand am Seil zog. Die Menschen aus dem Ort liefen zusammen und sahen mich an, als wäre ich ein Gespenst. Und vielleicht war ich das auch. Ich war der Mann, der aus dem Grab zurückgekehrt war. Ich habe mein Leben danach Gott gewidmet. Ich habe geschworen, dass diese Ketten niemals diesen Ort verlassen dürfen. Sie sind kein Schrott, Fremder. Sie sind der Beweis, dass keine Mauer zu dick und keine Kette zu stark ist, wenn der Glaube eine Brücke baut.“ Seine Stimme wurde leiser, fast zu einem Flüstern. „Diese Basilika hier… sie wurde später auf den Fundamenten der kleinen Kapelle gebaut, um diesem Wunder ein würdiges Haus zu geben. Die Säulen, die du hier siehst, stehen auf der Dankbarkeit eines Mannes, der heimkehren durfte.“ Ich starrte auf die Ketten neben ihm, unfähig, ein Wort zu sagen. Die Geschichte war so lebendig, so voller Schmerz und Erlösung, dass ich den Schweiß der Wüste und die Kälte des Kerkers förmlich riechen konnte. Ich wollte ihn fragen, wie er sich danach fühlte, wie er sein Leben weiterführte, doch meine Augenlider wurden wieder schwer. Die Anstrengung der Fahrt und die emotionale Wucht
Die Legende vom Prinz-Karl-Sprung in Zabern

Die Legende vom Prinz-Park-Sprung in Zabern Die Vogesen lagen in einem sanften, dunstigen Blau vor mir, als ich meine „Furgoneta“ auf der Passhöhe kurz vor Zabern zum Stehen brachte. Die Serpentinen hatten dem alten Postauto einiges abverlangt, und auch ich brauchte einen Moment, um den Blick schweifen zu lassen. Direkt am Straßenrand markierte ein weiß-roter Balken den Beginn eines Wanderwegs, der tief in den dichten Mischwald führte. Es war der GR 53, jener legendäre Pfad, der die Kämme der Nordvogesen verbindet. Ich war erst wenige Minuten unterwegs, den Duft von feuchtem Moos und würzigem Nadelholz in der Nase, als der Wald plötzlich zurückwich. Ohne Vorwarnung riss der Boden vor mir auf. Ich stoppte abrupt, nur eine Handbreit vor einer schwindelerregenden Kante aus rosa Sandstein. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen. „Verdammt“, murmelte ich leise vor mich hin, „gut, dass hier diese Kette gespannt ist. Der Abgrund kommt ja wirklich aus dem Nichts!“ Ich streckte die Hand aus und umfasste das kalte, schwere Eisen der Absperrung, die zwischen zwei Pfosten über dem Abgrund hing. In diesem Moment geschah etwas Sonderbares. Ein feines Zittern ging durch das Metall, als würde ein elektrischer Impuls direkt in meine Handfläche fließen. „Man hat mich hierher gemacht, damit ihr achtsam seid“, erklang eine Stimme in meinem Kopf, die so rau und metallisch klang wie das Reiben von Kettengliedern auf Stein. „Aber ich war nicht immer hier. Früher gab es nur den nackten Fels, den Wind und den Tod. Und nicht jeder hatte so viel Glück wie damals dieser Karl.“ Ich hielt den Atem an, die Hand fest um das Eisen geschlossen. Die Kette begann zu erzählen, und während ihre Worte in mir widerhallten, verschwamm der moderne Wanderweg vor meinen Augen. „Ich bin nur Eisen“, begann die Kette, „geschmiedet, um zu warnen. Doch meine Glieder sind verbunden mit der Erinnerung dieses Berges. Der Sandstein hier vergisst nichts. Er erinnert sich an den Tag im Jahr 1744, als die Luft hier oben nicht nach Pinien roch, sondern nach Pulverdampf, Schweiß und purer, nackter Angst. Karl von Lothringen – ein Name, den ihr heute in Geschichtsbüchern lest – war damals kein Denkmal. Er war ein Gejagter. Die Franzosen hatten ihn in die Enge getrieben. Es war die Zeit der großen Kriege, in denen das Elsass und Lothringen wie Spielbälle zwischen den Mächten hin und her geworfen wurden. Karl war ein stolzer Mann, ein Feldherr, doch an jenem Nachmittag war er nichts weiter als ein Reiter, der um sein nacktes Leben rannte. Ich sehe es noch heute vor mir, wie er aus dem Dickicht dort drüben brach. Sein Pferd, ein gewaltiger Schimmel, war über und über mit Schaum bedeckt. Die Flanken des Tieres bebten, seine Nüstern waren weit aufgerissen und blutig rot vom verzweifelten Ringen nach Luft. Hinter ihm, kaum einen Steinwurf entfernt, hörte man das hasserfüllte Gebrüll der französischen Dragoner. Das Klirren ihrer Säbel und das Donnern der Hufe auf dem Waldboden klangen wie das nahende Ende der Welt. Karl jagte auf diesen Felsen zu, genau hierher, wo du jetzt stehst. Er wusste wohl nicht, dass der Weg hier endet. Er suchte einen Pfad hinab in das Tal von Zabern, eine Fluchtmöglichkeit in die schützende Tiefe. Doch als er die Bäume hinter sich ließ, gab es kein Vor und kein Zurück mehr. Er riss die Zügel so hart herum, dass der Schimmel auf die Hinterbeine stieg. Direkt vor ihm: der gähnende Abgrund. Zwölf Meter freier Fall auf den unerbittlichen Sandstein. Hinter ihm: der Wald, aus dem bereits die ersten blauen Uniformen blitzten. Die Dragoner verlangsamten ihr Tempo. Sie lachten. Sie wussten, dass sie ihn hatten. Ein Prinz von Lothringen als Gefangener – das wäre ein Triumph für den König von Frankreich gewesen. ‚Ergib dich, Karl!‘, schrie ihr Anführer, ein Mann mit einem vernarbten Gesicht, der seinen Säbel bereits triumphierend in die Höhe reckte. ‚Hinter dir ist der Tod, vor dir ist der Kerker. Wähle weise!‘ Karl sah über seine Schulter. Er sah die Gier in ihren Augen, die Kälte ihres Stahls. Dann sah er hinunter in die Tiefe. Dort unten, weit unter den schroffen Felskanten, lag Zabern im Dunst. Er wusste, dass ein Sturz aus dieser Höhe das Ende bedeutete. Kein Mensch, kein Tier konnte diesen Sprung überleben. Doch Karl war ein Mann, dessen Seele so fest war wie der Fels unter ihm. Er flüsterte seinem Pferd etwas ins Ohr – ein letztes Wort der Liebe, ein Versprechen für die Ewigkeit. Er betete nicht um sein Leben, er betete um die Freiheit. Und dann geschah das Unvorstellbare. Anstatt vom Pferd zu steigen und den Degen zu senken, gab Karl seinem Schimmel die Sporen. Es war ein einziger, verzweifelter Stoß. Das Tier bäumte sich ein letztes Mal auf, ein Schrei aus der Kehle der Kreatur mischte sich mit dem Wind, und dann… dann sprangen sie. Die Dragoner stürzten an die Kante, genau dorthin, wo ich heute hänge. Sie starrten hinunter, bereit, das Zerschmettern von Leibern auf dem Stein zu hören. Stille herrschte für einen Herzschlag, der sich wie eine Stunde anfühlte. Sogar der Wind schien den Atem anzuhalten. Man sagt, in diesem Moment habe der Himmel über den Vogesen kurz in einem seltsamen, goldenen Licht aufgeflackert. Der Schimmel segelte durch die Luft, die Beine weit von sich gestreckt, Karl fest im Sattel verankert, die Augen geschlossen, bereit für den Aufprall. Was dann geschah, widerspricht allen Gesetzen, die ihr Menschen kennt. Das Pferd schlug nicht wie ein Sack Fleisch auf dem harten Boden auf. Es war, als hätte die Luft selbst die Last getragen, als hätte der Stein des Elsass Mitleid mit seinem Prinzen. Das Tier landete mit einer Wucht, die Funken sprühen ließ, aber es brach nicht zusammen. Ein gewaltiger Schlag hallte durch das Tal, ein Geräusch wie das Bersten einer Welt. Die Hufe des Schimmels schlugen so hart auf den rosa Sandstein auf, dass sie sich tief in das Gestein brannten. Der Fels gab nach, als wäre er weiches Wachs. Die Dragoner oben am Abgrund bekreuzigten sich. Sie sahen, wie Karl von Lothringen unten im Tal den Kopf
Tour des 7 sources – II.Teil

Motorradtour des 7 sources – II.Teil Es ist heiß in Nancy und bevorzuge es mich der Architektur, rund um den Place Stanislas hinzugeben. Wie oft auf solchen Motorradtouren zieht es mich in Richtung schöner Landstraßen und eher weg von den großen Städten… …und genau solche Straßen gibt es in dieser Region genug. Es geht wieder nach Osten und der nächsten Quelle entgegen. Genau hier trifft die weiße auf die rote Saar. Die beiden Quellflüsse bilden somit die Saar und wir sind Fluss technisch an der Nordsee. Dieser Bach wird Grenzfluss werden und sogar ein ganzes Bundesland wird nach ihm benannt werden. Und um alles richtig zu machen finde ich mich auch noch an er Quelle der roten Saar ein. Damit also Quelle Nummer 6 der Tour! Wald in den Vogesen In großen Schritten gehts wieder Richtung Osten und so schön langsam dem Ende der Tour entgegen. Und sehe mich in Obernai um. Das ganze Jahr ist für mich dadurch geprägt, dass ich stark abnehmen wollte. Von April bis Oktober werden es insgesamt 27 kg, die meine Honda Transalp weniger schleppen muss. Und so sitze ich auch diesen Mittag mit krachendem Hunger, einer Tomate und zwei Blättern Salat da und staune, dass man von so wenig Nahrung überleben kann. Doch die Erlebnisse dieser Tour, die Sonne und die gefundene Freiheit lassen mich zum glücklichsten Menschen weit und breit werden und so genieße ich mein spärliches Essen, als wenn es ein königliches Festmahl wäre und bin rundum zufrieden. Auf dem Aussichtspunkt über Obernai schaue ich zurück in die Vogesen, denke an die schönen Pässe und fahre noch einmal zurück, um auch noch das Kloster Sanctuaire du Mont Sainte Odile zu besuchen. Nach einer weiteren ruhigen Nacht in meinem Lieblingsbauwagen im Schwarzwald komme ich, nach nur wenigen Stunden Fahrzeit, zurück von meiner 7 Tage – 7 Quellen – Tour.
Tour des 7 sources – I.Teil

Die Tour geht durch den Schwarzwald, die Vogesen bis Besançon und Nancy und wieder zurück nach Augsburg







































