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Die Legende vom Prinz-Park-Sprung in Zabern

Die Vogesen lagen in einem sanften, dunstigen Blau vor mir, als ich meine „Furgoneta“ auf der Passhöhe kurz vor Zabern zum Stehen brachte. Die Serpentinen hatten dem alten Postauto einiges abverlangt, und auch ich brauchte einen Moment, um den Blick schweifen zu lassen. Direkt am Straßenrand markierte ein weiß-roter Balken den Beginn eines Wanderwegs, der tief in den dichten Mischwald führte. Es war der GR 53, jener legendäre Pfad, der die Kämme der Nordvogesen verbindet.

Ich war erst wenige Minuten unterwegs, den Duft von feuchtem Moos und würzigem Nadelholz in der Nase, als der Wald plötzlich zurückwich. Ohne Vorwarnung riss der Boden vor mir auf. Ich stoppte abrupt, nur eine Handbreit vor einer schwindelerregenden Kante aus rosa Sandstein. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen. „Verdammt“, murmelte ich leise vor mich hin, „gut, dass hier diese Kette gespannt ist. Der Abgrund kommt ja wirklich aus dem Nichts!“

Ich streckte die Hand aus und umfasste das kalte, schwere Eisen der Absperrung, die zwischen zwei Pfosten über dem Abgrund hing. In diesem Moment geschah etwas Sonderbares. Ein feines Zittern ging durch das Metall, als würde ein elektrischer Impuls direkt in meine Handfläche fließen.

„Man hat mich hierher gemacht, damit ihr achtsam seid“, erklang eine Stimme in meinem Kopf, die so rau und metallisch klang wie das Reiben von Kettengliedern auf Stein. „Aber ich war nicht immer hier. Früher gab es nur den nackten Fels, den Wind und den Tod. Und nicht jeder hatte so viel Glück wie damals dieser Karl.“

Ich hielt den Atem an, die Hand fest um das Eisen geschlossen. Die Kette begann zu erzählen, und während ihre Worte in mir widerhallten, verschwamm der moderne Wanderweg vor meinen Augen.

Prinz Karl Sprung in Zabern

„Ich bin nur Eisen“, begann die Kette, „geschmiedet, um zu warnen. Doch meine Glieder sind verbunden mit der Erinnerung dieses Berges. Der Sandstein hier vergisst nichts. Er erinnert sich an den Tag im Jahr 1744, als die Luft hier oben nicht nach Pinien roch, sondern nach Pulverdampf, Schweiß und purer, nackter Angst.

Karl von Lothringen – ein Name, den ihr heute in Geschichtsbüchern lest – war damals kein Denkmal. Er war ein Gejagter. Die Franzosen hatten ihn in die Enge getrieben. Es war die Zeit der großen Kriege, in denen das Elsass und Lothringen wie Spielbälle zwischen den Mächten hin und her geworfen wurden. Karl war ein stolzer Mann, ein Feldherr, doch an jenem Nachmittag war er nichts weiter als ein Reiter, der um sein nacktes Leben rannte.

Ich sehe es noch heute vor mir, wie er aus dem Dickicht dort drüben brach. Sein Pferd, ein gewaltiger Schimmel, war über und über mit Schaum bedeckt. Die Flanken des Tieres bebten, seine Nüstern waren weit aufgerissen und blutig rot vom verzweifelten Ringen nach Luft. Hinter ihm, kaum einen Steinwurf entfernt, hörte man das hasserfüllte Gebrüll der französischen Dragoner. Das Klirren ihrer Säbel und das Donnern der Hufe auf dem Waldboden klangen wie das nahende Ende der Welt.

Karl jagte auf diesen Felsen zu, genau hierher, wo du jetzt stehst. Er wusste wohl nicht, dass der Weg hier endet. Er suchte einen Pfad hinab in das Tal von Zabern, eine Fluchtmöglichkeit in die schützende Tiefe. Doch als er die Bäume hinter sich ließ, gab es kein Vor und kein Zurück mehr.

Er riss die Zügel so hart herum, dass der Schimmel auf die Hinterbeine stieg. Direkt vor ihm: der gähnende Abgrund. Zwölf Meter freier Fall auf den unerbittlichen Sandstein. Hinter ihm: der Wald, aus dem bereits die ersten blauen Uniformen blitzten. Die Dragoner verlangsamten ihr Tempo. Sie lachten. Sie wussten, dass sie ihn hatten. Ein Prinz von Lothringen als Gefangener – das wäre ein Triumph für den König von Frankreich gewesen.

‚Ergib dich, Karl!‘, schrie ihr Anführer, ein Mann mit einem vernarbten Gesicht, der seinen Säbel bereits triumphierend in die Höhe reckte. ‚Hinter dir ist der Tod, vor dir ist der Kerker. Wähle weise!‘

Karl sah über seine Schulter. Er sah die Gier in ihren Augen, die Kälte ihres Stahls. Dann sah er hinunter in die Tiefe. Dort unten, weit unter den schroffen Felskanten, lag Zabern im Dunst. Er wusste, dass ein Sturz aus dieser Höhe das Ende bedeutete. Kein Mensch, kein Tier konnte diesen Sprung überleben.

Doch Karl war ein Mann, dessen Seele so fest war wie der Fels unter ihm. Er flüsterte seinem Pferd etwas ins Ohr – ein letztes Wort der Liebe, ein Versprechen für die Ewigkeit. Er betete nicht um sein Leben, er betete um die Freiheit.

Und dann geschah das Unvorstellbare.

Prinz Karl Sprung in Zabern

Anstatt vom Pferd zu steigen und den Degen zu senken, gab Karl seinem Schimmel die Sporen. Es war ein einziger, verzweifelter Stoß. Das Tier bäumte sich ein letztes Mal auf, ein Schrei aus der Kehle der Kreatur mischte sich mit dem Wind, und dann… dann sprangen sie.

Die Dragoner stürzten an die Kante, genau dorthin, wo ich heute hänge. Sie starrten hinunter, bereit, das Zerschmettern von Leibern auf dem Stein zu hören. Stille herrschte für einen Herzschlag, der sich wie eine Stunde anfühlte. Sogar der Wind schien den Atem anzuhalten.

Man sagt, in diesem Moment habe der Himmel über den Vogesen kurz in einem seltsamen, goldenen Licht aufgeflackert. Der Schimmel segelte durch die Luft, die Beine weit von sich gestreckt, Karl fest im Sattel verankert, die Augen geschlossen, bereit für den Aufprall.

Was dann geschah, widerspricht allen Gesetzen, die ihr Menschen kennt. Das Pferd schlug nicht wie ein Sack Fleisch auf dem harten Boden auf. Es war, als hätte die Luft selbst die Last getragen, als hätte der Stein des Elsass Mitleid mit seinem Prinzen. Das Tier landete mit einer Wucht, die Funken sprühen ließ, aber es brach nicht zusammen.

Ein gewaltiger Schlag hallte durch das Tal, ein Geräusch wie das Bersten einer Welt. Die Hufe des Schimmels schlugen so hart auf den rosa Sandstein auf, dass sie sich tief in das Gestein brannten. Der Fels gab nach, als wäre er weiches Wachs.

Die Dragoner oben am Abgrund bekreuzigten sich. Sie sahen, wie Karl von Lothringen unten im Tal den Kopf hob, seinem Pferd über den Hals strich und im gestreckten Galopp im Unterholz verschwand. Unverletzt. Unbesiegbar.

Sie ließen ihre Waffen sinken. Keiner wagte es, den Abgrund auf einem anderen Weg zu umgehen. Sie wussten, dass sie nicht gegen einen Menschen gekämpft hatten, sondern gegen ein Wunder.

Noch heute, wenn die Sonne tief steht und den Sandstein in dieses unheimliche, blutige Rosa taucht, kannst du dort unten die Spuren sehen. Vier tiefe Löcher im Fels, geformt wie die Hufeisen eines riesigen Rosses. Sie sind die Zeugen jenes Tages.

Ich wurde viel später hierhergebracht, um Menschen wie dich zu halten. Ich bin das Eisen, das dich schützt, aber der Fels unter mir… der bewahrt die Erinnerung an den Sprung, der niemals hätte gelingen dürfen. Karl von Lothringen ist längst Staub, sein Pferd ist Legende, aber der Mut – der Mut lebt in diesem Abgrund weiter.“

Prinz Karl Sprung in Zabern

Die Stimme der Kette erstarb. Das feine Zittern in meinem Arm ließ nach. Ich stand immer noch da, die Finger fest um das kalte Metall geschlossen, und starrte hinunter. Tatsächlich, etwa zwölf Meter tiefer, auf einem Vorsprung, der heute bei Kletterern so beliebt ist, meinte ich in der unebenen Struktur des rosa Steins die vier markanten Vertiefungen zu erkennen.

Ich atmete tief ein. Der Wald war wieder still, nur das ferne Rauschen der Stadt Zabern drang zu mir herauf. Ich ließ die Kette los, doch die Kälte des Metalls schien noch in meiner Haut zu brennen.

„Danke“, flüsterte ich dem Abgrund zu.

Ich setzte meine Wanderung fort, doch jeder Schritt auf dem GR 53 fühlte sich nun schwerer und bedeutungsvoller an. Ich dachte an meinen Bulli auf dem Pass, an meine eigene Freiheit auf dieser Reise und an den Prinzen, der lieber in den Tod sprang, als sie zu verlieren.

Wenn man durch die Vogesen reist, sucht man oft nach der Aussicht, nach dem perfekten Foto. Aber manchmal, wenn man eine einfache Kette berührt, findet man stattdessen die Seele eines Landes – eingebrannt in den harten, ewigen Sandstein.

Prinz Karl Sprung in Zabern

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