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Das Orakel am Gemüsestand: Wie mich der Platzregen von Comacchio das Geisterschiff von Spina lehrte

Eigentlich wollte ich Comacchio nur streifen, den Camper stur auf Kurs halten und weiterziehen. Doch dann blitzte aus dem Augenwinkel dieser eine Kanal auf: spiegelglattes Wasser, gesäumt von bunten Häuserzeilen und überspannt von einer imposanten, gemauerten Bogenbrücke. Ich warfe das Lenkrad herum, steuerte den nächstbesten Parkplatz an und schwang mich in den Sattel, um dieses kleine, beschaulichere Venedig der Emila-Romagna zu erkunden.

Ich war kaum ein paar Hundert Meter am Ufer entlanggerollt, als der Himmel ohne jede Vorwarnung seine Schleusen öffnete. Es schüttete nicht nur – es kübelte. Auf der Suche nach Schutz hechtete ich unter das schützende Stoffdach eines kleinen, farbenfrohen Gemüsestandes am Kanalufer.

Comacchio

Gegenüber von mir stand eine energische Italienerin mittleren Alters, die gerade gelassen ihre Tomaten kistenweise ins Trockene rückte. Ich wischte mir das Regenwasser aus dem Gesicht, sah sie etwas spöttisch an und meinte grinsend: „So, das ist also das berühmte italienische Wetter! Immer nur Sonne, blaue Himmel und heiße Tage, was? Und stattdessen gießt es wie aus Eimern!“

Die Frau hielt inne, sah mich an und brach in ein herzhaftes, tiefes Lachen aus.

„Ach, mein Lieber!“, rief sie und winkte ab. „Regen ist gar nichts! Das Wetter hier in den Lagunen kann noch viel ungemütlicher, viel dunkler und viel unheimlicher werden. Wenn im Spätherbst la nebbia – unser berüchtigter Nebel – über das Po-Delta zieht, siehst du die eigene Hand vor den Augen nicht mehr. Da verliert sich selbst der erfahrene Fischer im Labyrinth der Kanäle. Aber weißt du was? Genau so einem Nebel verdanken wir unsere berühmteste Geschichte!“

Comacchio

Sie stützte beide Hände auf eine Kiste voller Apfelsinen, lehnte sich zu mir vor und begann mit funkelnden Augen zu erzählen:

„Es ist viele Hundert Jahre her, da starb im 4. Jahrhundert unser heiliger Cassianus. Seine Getreuen luden seinen Leichnam auf ein einfaches Holzboot, um ihn über die Kanäle zu uns nach Comacchio zu bringen. Doch mitten auf den Gewässern zog eine Nebelwand auf, so dicht und schwarz, wie sie selbst die ältesten Männer der Lagune noch nie erlebt hatten. Die Ruderer verloren völlig die Orientierung. Sie trieben hilflos im Kreis, während das Moor und der Schlamm der alten, versunkenen Etruskerstadt Spina nach ihnen zu greifen schienen. Sie dachten, ihr letztes Stündlein hätte geschlagen.

Comacchio

Doch plötzlich geschah das Wunder: Mitten aus der weißen Finsternis tauchte ein gewaltiges Schiff auf. Es brannte nicht, aber es glühte von innen heraus in einem überirdischen, goldenen Licht. Kein einziges Geräusch war zu hören – kein Knarren der Planken, kein Plätschern der Wellen. Und auf dem Deck stand kein einziger Seemann! Dieses flammende Geisterschiff von Spina schwebte lautlos wie ein Schutzengel vor dem kleinen Boot her. Sein helles Licht schnitt eine schimmernde Schneise durch den dichtesten Nebel und wies den Männern mit den Reliquien des Heiligen sicher den Weg bis direkt an die Ufer von Comacchio. Kaum hatten sie festgemacht, löste sich das leuchtende Schiff im Nichts auf.“

Die Gemüsefrau lächelte verschmitzt und klopfte auf die Kiste vor sich. „Wenn du also das nächste Mal hier im Nebel feststeckst, such nicht nach Schildern – halte Ausschau nach dem glühenden Licht!“

Comacchio

Genau in diesem Moment, als sie ihre Geschichte beendete, geschah das nächste kleine Wunder: Der Regenguss hörte schlagartig auf. Die Wolken rissen auf und die Sonne tauchte die Nassgespritzten Ziegel der Brücke in ein warmes, goldene Licht.

Ich bedankte mich anständig für die wunderbare Geschichte, kaufte ihr als kleines Dankeschön ein Netz saftiger Orangen ab und schwang mich wieder auf mein Rad. So hatte der Platzregen doch noch sein Gutes – ein trockenes Plätzchen, frisches Vitamin C und eine fantastische neue Legende für mein Logbuch!

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