Europäisches Parlament und die Stimme an der Route des Crêtes
Der späte Nachmittag tauchte die Wellen der Vogesen in ein warmes, samtiges Licht. Ich war unterwegs auf der Route des Crêtes, der berühmten Kammstraße. Eigentlich war ich ohne festes Ziel unterwegs – schlichtweg aus der tiefen Sehnsucht heraus, in Frankreich zu sein. Wer das Elsass liebt, kennt dieses unbeschreibliche Gefühl von Leichtigkeit. Mit meinem Camper, ein umgebautes Postauto, rollte ich entspannt von einer Bergkuppe zur nächsten. Heute nutzten hunderte Touristen auf Motorrädern und Fahrrädern diese spektakuläre Panoramastrecke, um die Freiheit der Natur zu spüren. Doch die Geschichte dieser Straße ist düster: Einst wurde sie von Menschenhand in den Fels gemeißelt, aus keinem anderen Grund, als im Großen Krieg Nachschub und Munition direkt an die blutige Front zu karren.
Weil ich die Straße nur aus purem Genuss befuhr, hielt ich oft an. Ich wollte die raue Schönheit der Landschaft in mich aufsaugen. An einem kleinen, einsamen Parkplatz rollte ich mein Wohnmobil an den Rand. Direkt neben einer verwitterten Steinmauer stand ein schlichtes Denkmal, errichtet für die hier gefallenen Soldaten. Der kalte Wind der Höhenzüge strich durch das dichte Gras. Ich schaltete den Motor aus, trat ins Freie und packte mein einfaches Mittagessen aus.
Obwohl weit und breit kein anderer Mensch zu sehen war, überkam mich plötzlich eine eigenartige Gänsehaut. Eine Stimme – nicht laut, aber durchdringend wie das Rascheln des Windes im Geäst – schien direkt aus dem Schatten des Denkmals zu kommen.
„Fremder!“, raunte es hinter mir. „Sag mir… was gibt es Neues da draußen?“
Ich fuhr herum. Niemand war da. Nur der unendliche Blick über die Täler. Doch die Präsenz war greifbar. „Ich erfahre hier oben kaum etwas“, fuhr die Stimme sanft fort. „Die meisten fahren nur hastig vorüber. Kaum jemand hält noch an, den ich nach Neuigkeiten aus der Welt fragen könnte.“
Ich schluckte, fasste mich aber rasch. „Was… was möchtest du denn wissen?“, antwortete ich leise in die Stille hinein. „Ich weiß selbst nicht viel. Ich bin nur ein einfacher Vanlifer. Ich reise durch Europa, lebe mein Leben so unkompliziert wie möglich, ohne Ballast, ohne Schnickschnack. Was könnte ich dir schon Großes erzählen?“
„Du bist ein Deutscher, nicht wahr?“, fragte der unsichtbare Gesprächspartner. Seine Stimme klang jung, erstaunlich jung.
„Naja… ich bin dort geboren, ja“, antwortete ich zögernd. „Aber die meiste Zeit bin ich irgendwo draußen in Europa unterwegs.“
Ein langes Schweigen folgte, ehe die Stimme mit einer tiefen Unruhe fragte: „Habt ihr uns von hier vertrieben? Oder gar ausgerottet? Sag es mir!“
Ich stutzte. „Wovon sprichst du?“
„Von den Kriegen!“, rief er, und in der Stille lag plötzlich das Echo von Kanonendonner. „Irgendwer muss doch am Ende den Sieg über alle anderen errungen haben! Wer hat gesiegt? Die Deutschen? Die Franzosen? Die Engländer, Spanier oder Belgier? Wer hat die Oberhand über das Land behalten?“
Ein schwerer Stein legte sich mir auf die Brust. Jetzt verstand ich, mit wem ich hier sprach – oder worüber meine Gedanken stolperten.
„Wenn du als Deutscher hier stehst…“, raunte die Stimme zitternd, „ist hier etwa wieder Deutschland?“
„Nein“, sagte ich klar und bestimmt. „Hier ist Frankreich. Und das ist auch gut so.“
„Aber wie kann das sein?“, fragte der Gefallene ungläubig.
„Die Menschen haben nach dem letzten großen Krieg gelernt, dass es so nicht mehr weitergehen kann“, antwortete ich friedvoll. „Die Länder in Europa haben endlich Frieden geschlossen.“
Ein bitteres Auflachen drang aus dem Fels. „Frieden haben sie schon oft geschlossen! Das hat nie lange gehalten. Es kamen doch immer wieder jene empor, die ihr eigenes Land für wichtiger hielten als alle anderen. Es mussten auch immer die Opfer der vorangegangenen Kriege gerächt werden, sonst wären diese ja sinnlos gestorben.“
„Genau deshalb haben sie etwas völlig Neues geschaffen“, erwiderte ich und blickte auf die schimmernde Silhouette der Landschaft. „Sie haben beschlossen, sich ein gemeinsames Europäisches Parlament zu geben. Eine Volksvertretung, die sie alle vereint.“
„Die Franzosen… und die Deutschen zusammen?“, die Stimme klang wie betäubt.
„Ja. Und noch viele andere Nationen. Dieses Europäische Parlament vertritt heute über 450 Millionen Menschen aus 27 Staaten. In seinen Hallen werden offiziell 24 verschiedene Sprachen gesprochen.“
„WAS?“, entfuhr es dem Geist des Soldaten. „Und… und so etwas funktioniert?“
„Meistens schon“, schmunzelte ich leise. „Natürlich gibt es oft Streit und Debatten. Bei 450 Millionen Menschen und 27 Ländern ist das vollkommen normal. Aber das allerwichtigste Fundament steht felsenfest: Es gibt keinen Krieg mehr unter uns.“
„Es gibt überhaupt keinen Krieg mehr?“
„Auf der Welt gibt es leider noch immer zu viele Kriege“, gestand ich bedrückt. „Aber nicht mehr zwischen diesen 27 Ländern. Wir achten und respektieren die Grenzen unserer Nachbarn. Wir haben die Schlagbäume abgebaut, die Zölle abgeschafft und die Soldaten von den Posten abgezogen. Wir reisen in Freiheit, und viele von uns bezahlen sogar mit derselben Währung.“
Ein langes, tiefes Ausatmen ging durch den Wind. „Das ist… das ist kaum zu glauben. Einfach so über Grenzen gehen? Ohne Pass? Ohne Furcht?“
„Ja!“, sagte ich mit Nachdruck. „Ich bin ständig mit meinem Camper in Frankreich und anderen Ländern unterwegs. Unten in Straßburg, wo der Hauptsitz für das Europäische Parlament steht, fahren die Menschen heute ganz selbstverständlich mit der Straßenbahn über den Rhein – von Frankreich nach Deutschland und wieder zurück. Franzosen arbeiten in Deutschland, Deutsche leben in Frankreich. Junge Menschen studieren überall auf dem Kontinent, lernen sich kennen, verlieben sich, heiraten, bauen sich eine gemeinsame Zukunft auf.“
Es wurde mäuschenstill auf dem Bergpass. Dann kehrte die Stimme zurück, von einer unendlichen Traurigkeit erfüllt.
„Aber… wenn die Menschen einfach beschließen konnten, in Frieden zu leben… dann war mein Sterben hier im Schlamm völlig sinnlos! Wir haben doch gekämpft, um die Opfer der früheren Kriege zu rächen…“
Ich blickte auf das Mahnmal hinab. Die Steine waren stumm. „Diese Frage kann ich dir nicht beantworten“, murmelte ich ergriffen. „Aber ich weiß eines: Seit über 80 Jahren herrscht in unserer Heimat Frieden. Keine Bomben, keine Schützengräben.“
„Dann…“, die Stimme stockte vor Emotion, „dann habe ich zumindest die Gewissheit, dass meine Kinder und Enkel niemals mehr in den Krieg ziehen mussten. Weißt du… von uns ist keiner freiwillig in diesen Schlachtenwahnsinn gezogen. Und vom Feind drüben auch keiner. Ich bin mir ganz sicher. Wir waren junge Männer mit Familien. Keiner verlässt freiwillig seine Frau und seine Kinder, um in eisigen Gräben zu krepieren.“
Eine lange Pause schwebte über der Route des Crêtes. Die Sonne neigte sich dem Horizont zu und tauchte die Berghänge in ein tiefes Purpur.
„Aber sag mir, Fremder…“, tuschelte die Stimme mit banger Sorge. „Was wird aus meinen Urenkeln? Wird dieser Frieden halten? Werden die Menschen in Europa immer zusammenhalten und sich den Krieg vom Hals halten?“
Ich senkte den Kopf. „Es gibt leider auch heute wieder graue Stimmen, die die alten Parolen brüllen. Menschen, die behaupten, die eigene Nation sei besser als die der Nachbarn. Es gibt Gruppen, die dieses gemeinsame Europa der Freiheit wieder zerschlagen wollen, weil sie glauben, alleine egoistischer zu profitieren.“
„Haben sie denn alles vergessen?“, schrie die Stimme plötzlich auf, erschüttert und voller Schmerz. „Haben sie das unendliche Leid und das Blutvergießen der vergangenen Jahrhunderte einfach vergessen?! Verstehen sie denn nicht, dass das Sterben von Millionen Soldaten nur dann überhaupt irgendeinen Sinn hatte, wenn man endlich daraus lernt und in Frieden zusammenlebt?!“
„Du meinst… dein Sterben hatte genau diesen Sinn?“, fragte ich leise.
„Einen anderen sehe ich nicht!“, rief der Soldat. „Ihr müsst darum kämpfen! Ihr müsst dafür sorgen, dass dieses Europäische Parlament und diese Gemeinschaft bestehen bleiben! Ihr habt so ein unendliches Glück, in Freiheit und Frieden aufwachsen zu dürfen! Vergiss das niemals! Hörst du mich?! Das Kostbarste an eurem Europa ist, dass die Waffen schweigen. All das sinnlose Sterben muss für immer aufhören. Ich habe das Grauen gesehen… Ich gehe jetzt. Und ich danke dir… danke, dass ihr Menschen es heute so viel besser macht.“
Ein dröhnendes Knattern schoss plötzlich über die Passstraße. Das laute Aufheulen eines vorbeifahrenden Motorrads riss mich abrupt aus meiner Trance. Die Kälte des Windes fuhr mir durch Mark und Bein.
War da eben wirklich eine Stimme gewesen? Oder waren es nur meine eigenen, intensiven Gedanken an diesem historischen Ort gewesen?
Ich sah hinab auf das kalte Denkmal. Mein Herz war schmerzhaft schwer, aber auch erfüllt von einer tiefen, ernsten Dankbarkeit. Ich bückte mich, pflückte eine kleine, wilde Bergblume vom Wegesrand und legte sie behutsam auf den Stein des Mahnmals.
Dann stieg ich zurück in meinen Camper, drehte den Schlüssel um und rollte langsam weiter durch das freie, friedliche Europa.







































