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Das Wunder der Virgen de Guadalupe von Hondarribiko im Baskenland

Ich überquerte die unsichtbare Grenze von Frankreich nach Spanien, geleitet von der rauen Schönheit der Biskaya, und lenkte mein Wohnmobil hinein in die historischen Gassen von Hondarribia. Nachdem ich meinen Wagen auf einem schattigen Platz mit Blick auf die Flussmündung des Bidasoa abgestellt hatte, atmete ich tief durch. Es war ein herrliches Gefühl, wieder einmal in diesem lebendigen Land zu sein. Doch kaum hatte ich die Tür meines Campers geschlossen, explodierte die Stadt förmlich um mich herum: Überall wehten grün-rot-weiße Baskenflaggen, Trommeln dröhnten, und der Geruch von frischen Pintxos lag in der Luft. Feste sind hier im Baskenland schließlich an der Tagesordnung; es scheint, als gäbe es immer einen Grund, das Leben zu feiern. Neugierig auf die tief verwurzelte Kultur dieser Region, sprach ich am Rande des bunten Treibens einen älteren Bewohner der Stadt an. Er trug eine traditionelle baskische Baskenmütze, blickte mich aus hellwachen Augen an, schmunzelte über meine Faszination und begann zu erzählen:

„Ah, amigo, du bist also mitten in unseren Alarde geplatzt! Du denkst, wir feiern hier nur zum Spaß? Nun, ein bisschen schon, wir Basken trinken gerne einen guten Txakoli-Wein. Aber dieses Fest ist kein normaler Jahrmarkt. Es ist das lebendige Gedächtnis unserer Stadt. Hinter diesem ohrenbetäubenden Lärm aus Trommeln und Flintenschüssen verbirgt sich die stolzeste, spannendste und historisch lückenlos belegte Sage von ganz Gipuzkoa. Setz dich zu mir, und ich lüfte für dich das große Geheimnis dieses Spektakels.

Hondarribiko im Baskenland

Wir schreiben das Jahr 1638. Europa steckte im Dreißigjährigen Krieg, und unsere schöne Festungsstadt, die du hier siehst, war der absolute Zankapfel zwischen den Kronen von Spanien und Frankreich. Schau dich um: Diese mächtigen, dicken Stadtmauern, die du heute so fotogen findest, waren damals die wichtigste Verteidigungslinie des Reiches. Und im Juni dieses Jahres rollte die Katastrophe auf uns zu. Eine gigantische französische Armee unter dem Kommando des Prinzen von Condé – 18.000 schwer bewaffnete Soldaten – überquerte den Fluss und kesselte unsere kleine Stadt komplett ein. Wir in der Festung waren gerade einmal ein paar Hundert Soldaten und ein Haufen mutiger Bürger.

Die Belagerung war kein ritterliches Scharmützel, es war die pure Hölle auf Erden. 69 Tage lang schossen die Franzosen unaufhörlich glühende Eisenkugeln auf unsere Häuser. Die Mauern, an denen dein Wohnmobil da drüben parkt, bebten Tag und Nacht. Schnell gingen uns die Vorräte aus. Weißt du, was echter Hunger ist? Wenn die Ratten im Keller plötzlich wie ein Festmahl aussehen! Die Seuchen brachen aus, das Wasser wurde knapp, und die Leichen stapelten sich in den Gassen. Jede militärische Logik besagte: Wir sind verloren. Die französische Obrigkeit rieb sich schon die Hände und wartete nur darauf, dass wir die weiße Flagge hissen.

Aber sie hatten die Rechnung ohne den baskischen Dickkopf und ein echtes Himmelswunder gemacht!

Als die Not am größten war, im August 1638, schleppten sich die überlebenden, hungernden Bürger in unsere Pfarrkirche Santa María de la Asunción – die Kirche mit dem großen Turm da oben, den du von deiner Reise sicher schon kennst. Die Menschen lagen auf den Knien, weinten vor Erschöpfung und schworen der Schutzpatronin der Stadt, der Virgen de Guadalupe, einen heiligen, feierlichen Eid. Sie versprachen: ‚Wenn du uns aus diesem eisernen Würgegriff befreist, werden wir dir und deiner Kapelle auf dem Berg Jaizkibel bis in alle Ewigkeit jeden September mit einer feierlichen Prozession danken!‘

Hondarribiko im Baskenland

Nun, man kann über die Kirche und die himmlischen Heerscharen denken, was man will, und wir Basken nehmen die Obrigkeit gerne mal auf die Schippe – aber was am 7. September geschah, lässt bis heute jeden Historiker kopfschüttelnd zurück.

Gerade als die Franzosen zum finalen, alles vernichtenden Sturm ansetzen wollten, tauchte am Horizont wie aus dem Nichts ein spanisches Entsatzheer unter dem Marquis de Los Vélez auf. Unsere Retter griffen die Belagerer mit einer solchen Wut an, dass bei den Franzosen die nackte Panik ausbrach. Sie ließen ihre Kanonen stehen, rannten um ihr Leben und flohen Hals über Kopf zurück über den Fluss Bidasoa nach Frankreich. Die Belagerung war durchbrochen! Wir hatten überlebt!

Als die Nachricht vom Sieg durch die rauchenden Trümmer der Gassen hallte, brachen die Menschen in Freudentränen aus. Sie fielen sich in die Arme, tanzten zwischen den Ruinen und dachten sofort an ihren Schwur. Schon am nächsten Tag, dem 8. September 1638, putzten sich die Überlebenden so gut es ging heraus, nahmen ihre alten Waffen und zogen laut johlend hinauf zur Einsiedelei von Guadalupe auf dem Jaizkibel-Höhenzug – genau dorthin, wo heute die Reisenden mit ihrem Camper stehen, um die beste Aussicht auf den Ozean zu genießen.

Und genau das, mein junger Freund, ist das Geheimnis des Festes, in das du vorhin hineingestolpert bist. Seit fast 400 Jahren halten wir Wort. Jedes Jahr am 8. September verwandelt sich Hondarribia in ein lebendiges Geschichtsbuch. Unsere Bürger ziehen keine modernen Kleider an, sondern historische Uniformen. Die Männer formieren sich als Soldaten, die Frauen als Cantineras (Marketenderinnen), und wir marschieren mit Trommeln und Querpfeifen durch das alte Stadttor Puerta de Santa María. Und wenn die Kompanien ihre alten Vorderlader-Flinten abfeuern, dann scheppern in der ganzen Altstadt die Fensterscheiben! Das ist unsere Art zu sagen: ‚Wir sind immer noch hier!‘“

Der alte Baske klopfte mir lachend auf die Schulter, drückte mir ein Glas des spritzigen lokalen Weißweins in die Hand und verabschiedete sich, um sich wieder unter die feiernde Menge zu mischen.

 

Hondarribiko im Baskenland

Ich stand noch eine Weile da, blickte auf die bunten Holzbalkone der Fischerhäuser im Viertel La Marina und trank einen Schluck. Wenn du eine Reise durch das Baskenland unternimmst, suchst du oft nach spektakulärer Natur. Doch es sind diese lückenlos belegten Sagen und die lebendige Kultur, die einen Ort unvergesslich machen. Hondarribia ist nicht einfach nur schön – diese Stadt hat eine Seele, die aus den Ruinen eines Krieges geboren und durch ein Versprechen unsterblich wurde.

Als ich am Abend zu meinem Wohnmobil zurückkehrte, die Vorhänge schloss und das ferne, rhythmische Trommeln der Stadtmusikanten hörte, wusste ich, dass dieser Stopp im Norden von Spanien für immer einen ganz besonderen Platz in meinem Reisetagebuch haben würde. Ein absoluter Pflichtstopp für jeden Camper, der das Echte und Mystische sucht!

Hondarribiko im Baskenland

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