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Kloster Montserrat – die Buchhaltung des Himmels

Kloster Montserrat – die Buchhaltung des Himmels Wir müssen kurz über Parkscheinautomaten sprechen. Es gibt diese Tage im Vanlife, da läuft alles wie am Schnürchen. Und dann gibt es Dienststage am Fuße des Montserrat. Ich stand mit meinem gelben Postauto vor der Schranke des Tagesparkplatzes, die Schlange hinter mir wurde ungeduldig, und das wuchtige Blechmonstrum von einem Kassenautomaten weigerte sich standhaft, meine Kreditkarte zu akzeptieren. „Karte ungültig“, blinkte das verpixelte Display. Ich seufzte. „Come on, Kumpel. Ich will doch nur ein paar Stunden unter den zackigen Felsen parken, meine Beine vertreten und vielleicht herausfinden, warum die Leute seit tausend Jahren auf diesen Berg pilgern.“ Ich schlug mit der flachen Hand gegen die metallene Gehäusewand. Ein hohles Scheppern drang durch die kühle Bergluft. Ich schüttelte den Automaten ein wenig am Kartenschlitz – nur das übliche, fachmännische Nachhelfen, das jeder Autofahrer beherrscht. Ein fieses, hochfrequentes Surren setzte ein. Das Display begann wild zu flackern, zeigte Hieroglyphen, gefolgt von einer Fehlermeldung, die definitiv nicht auf Spanisch oder Katalanisch geschrieben war. „Error 0x880: Temporale Schleife aktiviert.“ „Was zum…?“ Bevor ich den Gedanken zu Ende führen konnte, zog sich die Realität zusammen wie ein altes Gummiband. Das Klackern des Diesels meines Van verstummte. Der Geruch von Abgasen und feuchtem Kiefernnadelboden wich schlagartig dem beißenden Gestank von ungewaschener Wolle, kaltem Kerzenwachs und sehr altem Käse. Ich blinzelte. Der Parkplatz war weg. Mein Postauto war weg. Ich stand nicht mehr vor einer Schranke, sondern mitten in einem zugigen, düsteren Raum mit dicken Steinmauern. Vor mir saßen drei Männer an einem massiven Eichentisch, beleuchtet vom spärlichen Schein zweier rußender Talgkerzen. Sie trugen schweres Tuch, lange Gewänder und schauten mich schockiert an. „Wo… wo ist der Scannnerschlitz?“, stammelte ich, die blaue Mütze tief ins Gesicht gezogen, während ich versuchte, die Situation rational zu verarbeiten. Möglicherweise war im Frühstücks-Müsli doch kein Zimt, sondern halluzinogene Pilze gewesen. Oder die Hitze Kataloniens hatte mein Gehirn endlich endgültig frittiert. „Wer seid Ihr, Fremder?“, rief der Mann in der Mitte. Er trug eine etwas schief sitzende Bischofsmütze und hielt ein halbes Hähnchenbein wie ein Zepter umklammert. „Und was ist das für eine seltsame blaue Kopfbedeckung? Ist das eine Ketzerei aus Saragossa?“ „Ich… ich wollte nur zehn Euro bezahlen“, sagte ich vorsichtig. „Zehn Euro?“, schaltete sich der Mann zu seiner Linken ein. Er war dünn wie eine Dörrpflaume und saß vor einer recht überschaubaren Ansammlung von Silbermünzen. „Was ist ein Euro? Klingt das nach einer harten Währung? Wenn ja, her damit! Das Bistum Manresa ist pleite!“ Ich blinzelte erneut. Manresa? Pleite? Bischof? Der Bischof seufzte tief, vergaß mich für einen Moment und fuchtelte mit dem Hähnchenknochen in der Luft herum. „Wir haben ein Loch im Haushalt, das größer ist als die Schluchten dieses verdammten Berges hinter uns! Die Bauern zahlen den Zehnten in ranziger Butter, die Händler umgehen unsere Mautbrücken, und der Papst droht, mir die Mitre abzuerkennen, wenn wir nicht bald das Dach der Kathedrale reparieren. Berenguer, sag mir, dass wir noch Gold haben!“ Der dünne Mann – offensichtlich der Finanzminister – schüttelte betrübt den Kopf und schnippte gegen die kleine Holzschatulle vor sich. Sie klang deprimierend hohl. „Nichts, Eure Eminenz. Wenn wir nicht innerhalb des nächsten Monats ein Wunder aufgreifen, müssen wir die Messe auf Sparflamme halten und das Abendmahlwasser strecken.“ „Ein Wunder…“, murmelte der dritte Mann im Bunde. Er hatte gepflegte Hände, ein schlaues Funkeln in den Augen und rollte gerade ein Stück Pergament auf. Er war zweifellos der mittelalterliche PR-Manager. „Wir brauchen kein kleines Wunder. Eine heilende Quelle reicht heutzutage keinem Bauern mehr zum Geldausgeben. Die Leute wollen das volle Programm: Lichter, Musik, unnahbare Mystik!“ Ich lehnte mich vorsichtig an die kalte Steinwand. Okay, Selbstgespräch an mein Gehirn: Entweder du bist gerade ohnmächtig auf dem Asphalt kollabiert und träumst den größten Blödsinn deines Lebens, oder du wohnst gerade der Geburtsstunde einer der größten Legenden Europas bei. „Pass auf“, sagte der PR-Spezialist und schnippte begeistert mit den Fingern. „Wir nehmen ein paar Hirtenkinder. Die glauben alles, wenn man ihnen einen Laib Brot verspricht. Wir schicken sie an einem Samstagabend an den Fuß des Montserrat. Wir verstecken ein paar Männer im Gebüsch, die Fackeln schwenken und Flöte spielen.“ „Flöte?“, fragte der Bischof skeptisch. „Meinst du, das überzeugt die Massen?“ „Engelsgesang, Eure Eminenz!“, korrigierte der PR-Mann mit breitem Grinsen. „Wir nennen es himmlische Melodien. Die Kinder rennen zum Dorf, erzählen vom Licht und den Stimmen. Am nächsten Samstag kommst du, der Bischof von Manresa, höchstselbst in voller Montur vorbei. Wir tun so, als würden wir in einer Höhle eine geschnitzte Muttergottes-Statue finden.“ Der Finanzminister horchte auf. Seine Augen wurden gierig. „Und dann? Wie schlagen wir daraus Kapital?“ „Ganz einfach, Berenguer! Wir tun so, als wollten wir die Statue nach Manresa tragen. Aber direkt nach zehn Metern bleibst du stehen, machst ein schmerzverzerrtes Gesicht und rufst: ’Oh Weh! Sie wird so schwer wie der Berg selbst!’ Wir behaupten, die Heilige Jungfrau weigere sich, den Montserrat zu verlassen. Sie WILL genau hier bleiben!“ Der Bischof schlug begeistert mit der Faust auf den Tisch, dass die Kerzen wackelten. „Genial! Wenn die Statue nicht zu den Gläubigen kommt, müssen die Gläubigen zur Statue kommen! Wir bauen eine Kapelle! Nein, ein Kloster! Wir verlangen Wegzoll, verkaufen Devotionalien, brennen Kerzen für Bares ab und lassen die Stadt Florenz später sogar das Öl für die Lampen bezahlen!“ „Genial“, flüsterte der Finanzminister mit Tränen der Rührung in den Augen. „Das wird die Kassen auf Jahrhunderte füllen! Ein Meisterwerk des Marketings!“ Sie grinsten sich an, völlig berauscht von ihrem eigenen Coup. Der PR-Manager zückte eine Feder, um den Einsatzplan für die Hirtenkinder zu notieren, während der Finanzminister strahlend beide Hände auf seine kleine Schatzkiste legte. „Auf das Wunder vom Montserrat!“, rief der Bischof. Der Finanzminister klappte den Deckel der Holzschatulle mit einem lautstarken, trockenen KLACK zu. KLACK. Das Geräusch hallte nicht im Steinraum wider. Es schallte metallisch. Schlagartig wurde das kühle Kerzenlicht vom gleißenden, katalanischen Sonnenlicht abgelöst. Der Geruch nach kaltem Käse verflog, ersetzt vom vertrauten Duft von warmem Asphalt und Dieselabgasen. Ich Blinzelte. Ich stand wieder auf dem Parkplatz. Meine Hand

Lleida – der Schatten über der Porta dels Apòstols

Castell del Rei

Lleida – der Schatten über der Porta dels Apòstols Die heiße Nachmittagssonne brannte erbarmungslos auf die Gassen von Lleida herab, doch ich gedachte keineswegs, mich beim Aufstieg zur mächtigen Kathedrale Seu Vella ins Schwitzen zu bringen. Warum auch? Spanien ist das gelobte Land für all jene, die steile Altstadthügel ohne Schweißperlen auf der Stirn überwinden wollen. Ein leises, metallisches Schnurren kündigte den urbanen Luxus an: die städtischen Rolltreppen. Während die Stufen sanft unter mir dahinverschmolzen und mich Meter um Meter den Burgberg hinaufbeförderten, schickte ich ein stummes Stoßgebet des Dankes an die weitsichtigen Stadtbaumeister Lleidas. Es gibt kaum etwas Eleganteres, als schwebend, mit den Händen in den Taschen, an den mühsam keuchenden Fußgängern vorbeizugleiten und zuzusehen, wie die gewaltige Sandsteinmauern der Kathedrale langsam aus dem Dächermeer auftauchen. Oben angekommen, schlenderte ich hinüber zur Porta dels Apòstols, dem imposanten Hauptportal. Schon von Weitem hörte ich eine getragene, wohlgeschulte Stimme. Ein Reiseführer, gehüllt in die unumstößliche Wichtigkeit seines Amtes, stand mit erhobenem Zeigefinger vor einer Traube von Touristen, die ihm ergeben an den Lippen hingen. Ich passte meine Schrittgeschwindigkeit unauffällig an, verschränkte die Arme und reihte mich mit der beiläufigen Miene eines zahlenden Gastes am Rand der Gruppe ein. Der Führer hielt bei einer besonders kunstvoll ausgearbeiteten Nische inne und senkte dramatisch die Stimme: „Blickt auf diese Steine, Senyores y Senyores! Wir schreiben das 14. Jahrhundert. Der große Steinmetzmeister Bartomeu wurde damit beauftragt, dieses Portal zu erschaffen. Jahre seines Lebens steckten in den Figuren der Apostel, doch als es um das Meisterstück ging – die Vertiefung im Bogen und die Figur der Jungfrau Maria –, verließ ihn das Glück. Seine Hände wurden schwer, der Geist müde. Die Figur blieb starr, kalt, unvollendet. Schließlich übernahm sein junger Lehrling heimlich das Werkzeug. In nur einer einzigen Nacht, getrieben von göttlicher Inspiration, meißelte der Jüngling das Gesicht der Madonna. Als Bartomeu am nächsten Morgen das Gerüst betrat, traute er seinen Augen nicht. Es war eine Figur von so unbegreiflicher, makelloser Schönheit, dass der Stein zu leben schien. Doch statt Ehrfurcht stieg dunkle Galle in Meister Bartomeu auf. Der Neid zerfraß sein Herz. Er ertrug den Gedanken nicht, von seinem eigenen Schüler übertroffen worden zu sein. In blindem Watz griff er nach seinem schwersten Fäustel und schlug dem Jüngling mitten ins Gesicht. Der Lehrling taumelte, verlor den Halt und stürzte vor den Augen der Entsetzten vom höchsten Gerüst in den Tod auf diesen Pflastersteinen.“ Der Führer machte eine wohlberechnete Kunstpause. Doch während die Gruppe ehrfurchtsvoll raunte, wandte sich der Stadtführer langsam um. Sein Blick fixierte mich. Schon während des gesamten Vortrags hatte er mir immer wieder kleine, missbilligende Blicke zugeworfen. Ihm war keineswegs entgangen, dass ich mich ohne den Obolus einer Eintrittskarte unter seine zahlenden Zuhörer gemischt hatte. Nun sah er seine Chance gekommen, den Schmarotzer vor versammelter Mannschaft bloßzustellen. Er schenkte mir ein herablassendes, süffisantes Lächeln, deutete mit dem Zeigefinger auf mich und sagte laut genug, dass es auch der Letzte in der Reihe hörte: „Nun ja… ich muss schon sagen, ich hatte in meiner Laufbahn definitiv schon bessere Zuhörer als diesen Herrn hier mit der blauen Mütze!“ Ein paar Köpfe drehten sich schmunzelnd zu mir um. Die Gruppe wartete auf meine Verlegenheit. Doch ich zuckte nicht einmal mit der Wimper. Ich trat einen halben Schritt vor, tippte mir gelassen an den Rand meiner Mütze und erwiderte mit ruhiger, tragefähiger Stimme: „Nun, mein Lieber – und ich habe definitiv schon bessere Legenden gehört als genau diese hier. Die kenne ich nämlich schon. Ich habe sie vor exakt drei Monaten an einer Kirche in Vilnius gehört, der Hauptstadt von Litauen. Auch dort war es zufällig der allerletzte Stein an der Fassade, den der Lehrling viel schöner ausarbeitete als sein Meister. Und auch dort stürzte der Meister den Armen aus lauter Neid vom Gerüst.“ Ich ließ den Satz kurz im Raum stehen und fügte lächelnd hinzu: „Scheint so, als hätten die Steinmetze im Mittelalter überall in Europa dasselbe kleine PR-Problem gehabt.“ Ein lautes Prusten brach das Eis. Erst lachte ein älterer Herr in der ersten Reihe, dann stimmte die halbe Gruppe in ein herzhaftes Gelächter ein. Der Führer lief augenblicklich rot an. Sein herablassendes Lächeln fror ihm im Gesicht ein. Er räusperte sich hastig, blickte kurz auf seine Armbanduhr und schlug mit den Händen zusammen: „Nun denn! Gehen wir weiter zum Kreuzgang, wir haben wenig Zeit!“ Schnellen Schrittes trieb er seine Gruppe davon. Ich blieb allein an der Porta dels Apòstols zurück, lehnte mich entspannt an die kühle Sandsteinwand und genoss den Ausblick über die Stadt – im sicheren Wissen, dass man auch ohne Ticket manchmal die beste Unterhaltung hat.

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