HOME

Vom Schandfleck zur Republik der Träumer: Das Geheimnis von Užupis

Ich verabschiede mich von den anderen Backpackern im Hostel-Gemeinschaftsraum, ziehe mir die Jacke über und trete wieder hinaus in die kühlen Straßen von Vilnius. Mein Ziel liegt auf der anderen Seite des Flusses Vilnia. Ich überquere eine schmale, gusseiserne Brücke, die über und über mit Vorhängeschlössern von Verliebten behängt ist. Als ich den Fuß auf das andere Ufer setze, passiere ich ein hölzernes Schild, das wie ein offizielles Grenzkontrollhäuschen aussieht. Darauf steht: Užupio Res Publika.

Willkommen in der verrücktesten, kreativsten und autonomsten Hippie-Republik Europas. Mitten in der litauischen Hauptstadt existiert seit den späten 1990er Jahren ein staatliches Gebilde im Staate, das eine absolut faszinierende Kultur und eine moderne, historisch belegte Legende hütet.

Republik Užupis

Vom Schandfleck zum Paradies der Freigeister

Um das Geheimnis von Užupis zu verstehen, muss man wissen, wie das Viertel früher aussah. Der Name „Užupis“ bedeutet im Litauischen schlicht „hinter dem Fluss“. Jahrhundertelang war diese isolierte, vom Wasser umschlossene Halbinsel das Viertel der Müller, Handwerker und Prostituierten. Zu Sowjetzeiten und kurz nach der Unabhängigkeit Litauens war Užupis der gefährlichste Schandfleck von Vilnius. Die historischen Häuser verfielen, es gab kaum Strom oder fließendes Wasser, und die Kriminalitätsrate war so hoch, dass selbst die Polizei nachts einen großen Bogen um die finsteren Gassen machte. Die Mieten waren quasi nicht existent – und genau das lockte die ersten mutigen Freigeister an.

Mitte der 1990er Jahre besetzten obdachlose Künstler, Dichter, Musiker und Studenten die verlassenen Wohnungen. Sie brachten Farbe an die grauen Wände, richteten Galerien in den Hinterhöfen ein und füllten das verrufene Viertel mit Leben. Užupis atmete plötzlich pure Freiheit, Kreativität und Anarchie.

Am 1. April 1997 – und das Datum ist der wohl genialste Schachzug der Stadtgeschichte – beschlossen die Künstler, dass es Zeit für radikale Veränderungen war. Sie gründeten einfach ihre eigene, unabhängige Republik: Die Republik Užupis. Was als gigantischer Aprilscherz begann, entwickelte sich zu einer der faszinierendsten Kulturbewegungen des Baltikums. Sie wählten einen Präsidenten (den Regisseur Romas Lileikis), ernannten Minister, entwarfen eine eigene Flagge mit einer offenen Hand (das Symbol für Toleranz und Friedfertigkeit) und druckten sogar eine eigene Währung, den Euro Už.

Republik Užupis

Die Verfassung des Glücks und der Katzen

Das unumstrittene, weltberühmte Herzstück dieser modernen Sage ist die Verfassung von Užupis. Die Künstler schrieben ein Manifest der Menschlichkeit, das bis heute an einer langen Wand in der Paupio-Straße auf großen, glänzenden Metalltafeln in über 30 Sprachen zu lesen ist. Als Backpacker steht man staunend davor und liest Sätze, die man sich am liebsten auf den Rucksack sticken möchte.

Unter den 41 Artikeln finden sich Perlen wie:

  • Artikel 1: Jeder Mensch hat das Recht, am Fluss Vilnia zu leben, und der Fluss Vilnia hat das Recht, an jedem vorbeizufließen.

  • Artikel 12: Eine Katze ist nicht verpflichtet, ihren Besitzer zu lieben, aber in schweren Zeiten muss sie ihm helfen.

  • Artikel 16: Jeder Mensch hat das Recht, glücklich zu sein.

  • Artikel 17: Jeder Mensch hat das Recht, unglücklich zu sein.

  • Artikel 30: Niemand hat das Recht auf Ewigkeit.

Es ist die wohl humorvollste, philosophischste und empathischste Verfassung der Welt. Sie regelt nicht die Steuern oder die Müllabfuhr, sondern das menschliche Miteinander und das Recht, einfach man selbst zu sein.

Republik Užupis

Das ausgebrütete Ei und der bronzene Engel

Mitten auf dem zentralen Platz der Republik ragt eine mächtige Säule empor, auf deren Spitze ein Bronze-Engel steht, der lautstark in eine Posaune bläst. Der Engel von Užupis ist das Wahrzeichen des Viertels und symbolisiert das Wiedererwachen der künstlerischen Freiheit. Doch seine Entstehung ist untrennbar mit einer herrlich skurrilen Legende verknüpft.

Als das Viertel 1997 seine Unabhängigkeit erklärte, sollte zeitnah dieser große Schutzengel feierlich enthüllt werden. Der beauftragte Bildhauer wurde jedoch bis zum festgesetzten Tag der feierlichen Zeremonie einfach nicht fertig. Der Platz drohte leer zu bleiben, was für die stolzen Užupianer eine Katastrophe gewesen wäre. Kurzentschlossen erfand die Künstler-Community eine kongeniale Notlüge: Sie stellten ein riesiges, bunt bemaltes Ei aus Gips auf die Säule und verkündeten den angereisten Journalisten und Bürgern mit ernster Miene, der Engel müsse erst noch „ausbrüten“.

Das Gipsei stand tatsächlich jahrelang als echtes, geliebtes Kunstobjekt mitten auf dem Platz, bevor im Jahr 2002 schließlich der echte Bronze-Engel enthüllt werden konnte. Das Ei wurde daraufhin nicht etwa weggeworfen – es wurde ebenfalls in Bronze gegossen und steht heute als Denkmal für den kreativen Improvisationsgeist in der nahegelegenen Pylimo-Straße.

Republik Užupis

Das Schicksal unter der Brücke

Wenn du von der Säule aus wieder zurück zum Fluss schlenderst, musst du unbedingt unter die hölzerne Kaimauer blicken. Dort sitzt eine kleine, bronzene Meerjungfrau in einer steinernen Nische über dem Wasser. Die Einwohner von Užupis erzählen jedem Reisenden eine eindringliche Warnung: Wer ihr beim Überqueren der Brücke zu tief in die Augen schaut, verfällt augenblicklich dem Zauber des Viertels, wird sich unsterblich in diese anarchische Republik verlieben und Vilnius niemals wieder verlassen können.

Dass diese Meerjungfrau der absolute Beschützer des Viertels ist, bewies sie bei einem verheerenden Hochwasser im Jahr 2004. Die reißenden Wassermassen der Vilnia rissen die schwere Bronzefigur aus ihrer Verankerung und spülten sie flussabwärts. Die Künstler und Bewohner waren am Boden zerstört. Tagelang tauchten sie im eiskalten, trüben Flusswasser, suchten fieberhaft jeden Meter des Flussbettes ab und fanden sie schließlich unversehrt im Schlamm. Sie brachten sie zurück an ihren Platz, wo sie bis heute sitzt und mit einem verschmitzten Lächeln die Rucksackreisenden beobachtet.

Republik Užupis

Der perfekte Ausklang einer weiten Reise

Ich drehe mich um, gehe in das berühmte Café Užupio Kavinė, das direkt am Flussufer liegt und gleichzeitig das inoffizielle Parlamentsgebäude der Republik ist. Ich bestelle mir ein lokales litauisches Bier, stempel meine Postkarten mit dem offiziellen Stempel der Republik Užupis ab und lasse die Atmosphäre auf mich wirken.

Užupis beweist, dass Sagen und Legenden nicht immer Jahrhunderte alt sein müssen. Manchmal werden sie von ein paar visionären Freigeistern mit Pinseln, Gitarren und einer gehörigen Portion Humor mitten im Hier und Jetzt erschaffen.

Für uns Individualreisende – ganz egal, ob du mit dem Camper auf einem Stellplatz an den Außenbezirken der Stadt stehst oder wie ich im Hostel übernachtest – ist diese Hippie-Republik das absolute Highlight von Vilnius. Es ist ein Ort, der dir zeigt, dass Freiheit und Kreativität mächtiger sind als jede graue Betonwand.

Ich trinke mein Bier aus und mache mich auf den Weg zurück über den Fluss in mein Hostel-Bett. Es lohnt sich definitiv, ab und zu auf meiner Seite vorbeizuschauen, denn die Straßen des Baltikums stecken voller solcher unvergesslichen Geschichten. Gute Nacht, lasst euch nicht von der Meerjungfrau verzaubern und Buen Camino auf eurer eigenen Entdeckungstour!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Du hast noch Tipps für Wohnmobil, Camper, Vanlifer oder sehenswerte Orte in dieser Region? Oder vielleicht eigene Erlebnisse dazu? Dann schreib sie gerne hier in die Kommentare! 

Accessibility Toolbar