Lleida - der Schatten über der Porta dels Apòstols
Die heiße Nachmittagssonne brannte erbarmungslos auf die Gassen von Lleida herab, doch ich gedachte keineswegs, mich beim Aufstieg zur mächtigen Kathedrale Seu Vella ins Schwitzen zu bringen. Warum auch? Spanien ist das gelobte Land für all jene, die steile Altstadthügel ohne Schweißperlen auf der Stirn überwinden wollen.
Ein leises, metallisches Schnurren kündigte den urbanen Luxus an: die städtischen Rolltreppen. Während die Stufen sanft unter mir dahinverschmolzen und mich Meter um Meter den Burgberg hinaufbeförderten, schickte ich ein stummes Stoßgebet des Dankes an die weitsichtigen Stadtbaumeister Lleidas. Es gibt kaum etwas Eleganteres, als schwebend, mit den Händen in den Taschen, an den mühsam keuchenden Fußgängern vorbeizugleiten und zuzusehen, wie die gewaltige Sandsteinmauern der Kathedrale langsam aus dem Dächermeer auftauchen.
Oben angekommen, schlenderte ich hinüber zur Porta dels Apòstols, dem imposanten Hauptportal. Schon von Weitem hörte ich eine getragene, wohlgeschulte Stimme. Ein Reiseführer, gehüllt in die unumstößliche Wichtigkeit seines Amtes, stand mit erhobenem Zeigefinger vor einer Traube von Touristen, die ihm ergeben an den Lippen hingen. Ich passte meine Schrittgeschwindigkeit unauffällig an, verschränkte die Arme und reihte mich mit der beiläufigen Miene eines zahlenden Gastes am Rand der Gruppe ein.
Der Führer hielt bei einer besonders kunstvoll ausgearbeiteten Nische inne und senkte dramatisch die Stimme:
„Blickt auf diese Steine, Senyores y Senyores! Wir schreiben das 14. Jahrhundert. Der große Steinmetzmeister Bartomeu wurde damit beauftragt, dieses Portal zu erschaffen. Jahre seines Lebens steckten in den Figuren der Apostel, doch als es um das Meisterstück ging – die Vertiefung im Bogen und die Figur der Jungfrau Maria –, verließ ihn das Glück. Seine Hände wurden schwer, der Geist müde. Die Figur blieb starr, kalt, unvollendet.
Schließlich übernahm sein junger Lehrling heimlich das Werkzeug. In nur einer einzigen Nacht, getrieben von göttlicher Inspiration, meißelte der Jüngling das Gesicht der Madonna. Als Bartomeu am nächsten Morgen das Gerüst betrat, traute er seinen Augen nicht. Es war eine Figur von so unbegreiflicher, makelloser Schönheit, dass der Stein zu leben schien. Doch statt Ehrfurcht stieg dunkle Galle in Meister Bartomeu auf. Der Neid zerfraß sein Herz. Er ertrug den Gedanken nicht, von seinem eigenen Schüler übertroffen worden zu sein. In blindem Watz griff er nach seinem schwersten Fäustel und schlug dem Jüngling mitten ins Gesicht. Der Lehrling taumelte, verlor den Halt und stürzte vor den Augen der Entsetzten vom höchsten Gerüst in den Tod auf diesen Pflastersteinen.“
Der Führer machte eine wohlberechnete Kunstpause. Doch während die Gruppe ehrfurchtsvoll raunte, wandte sich der Stadtführer langsam um. Sein Blick fixierte mich. Schon während des gesamten Vortrags hatte er mir immer wieder kleine, missbilligende Blicke zugeworfen. Ihm war keineswegs entgangen, dass ich mich ohne den Obolus einer Eintrittskarte unter seine zahlenden Zuhörer gemischt hatte.
Nun sah er seine Chance gekommen, den Schmarotzer vor versammelter Mannschaft bloßzustellen. Er schenkte mir ein herablassendes, süffisantes Lächeln, deutete mit dem Zeigefinger auf mich und sagte laut genug, dass es auch der Letzte in der Reihe hörte:
„Nun ja… ich muss schon sagen, ich hatte in meiner Laufbahn definitiv schon bessere Zuhörer als diesen Herrn hier mit der blauen Mütze!“
Ein paar Köpfe drehten sich schmunzelnd zu mir um. Die Gruppe wartete auf meine Verlegenheit. Doch ich zuckte nicht einmal mit der Wimper. Ich trat einen halben Schritt vor, tippte mir gelassen an den Rand meiner Mütze und erwiderte mit ruhiger, tragefähiger Stimme:
„Nun, mein Lieber – und ich habe definitiv schon bessere Legenden gehört als genau diese hier. Die kenne ich nämlich schon. Ich habe sie vor exakt drei Monaten an einer Kirche in Vilnius gehört, der Hauptstadt von Litauen. Auch dort war es zufällig der allerletzte Stein an der Fassade, den der Lehrling viel schöner ausarbeitete als sein Meister. Und auch dort stürzte der Meister den Armen aus lauter Neid vom Gerüst.“
Ich ließ den Satz kurz im Raum stehen und fügte lächelnd hinzu: „Scheint so, als hätten die Steinmetze im Mittelalter überall in Europa dasselbe kleine PR-Problem gehabt.“
Ein lautes Prusten brach das Eis. Erst lachte ein älterer Herr in der ersten Reihe, dann stimmte die halbe Gruppe in ein herzhaftes Gelächter ein.
Der Führer lief augenblicklich rot an. Sein herablassendes Lächeln fror ihm im Gesicht ein. Er räusperte sich hastig, blickte kurz auf seine Armbanduhr und schlug mit den Händen zusammen: „Nun denn! Gehen wir weiter zum Kreuzgang, wir haben wenig Zeit!“
Schnellen Schrittes trieb er seine Gruppe davon. Ich blieb allein an der Porta dels Apòstols zurück, lehnte mich entspannt an die kühle Sandsteinwand und genoss den Ausblick über die Stadt – im sicheren Wissen, dass man auch ohne Ticket manchmal die beste Unterhaltung hat.







































