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Die Legende vom Schreiber von Anges

Ein Schrei erstirbt in Holz. Mitten im Herzen von Angers, wo das gewaltige Fachwerkhaus „Maison d’Adam“ seine geschnitzten Fratzen in die engen Gassen reckt, lauert ein Gefangener der Ewigkeit. Unter den hunderten Figuren, die die Balken bevölkern, sticht eine besonders hervor: der Greffier, der Stadtschreiber. Doch dies ist kein Denkmal der Ehre, sondern ein Käfig aus Eichenholz.

Die Legende besagt, dass dieser Mann einst die Macht besaß, über Wohl und Wehe der Bürger zu entscheiden. Er war gierig, fälschte Urkunden und verkaufte die Gerechtigkeit an den Meistbietenden. In einer stürmischen Nacht, als er gerade einen unschuldigen Witwer um sein letztes Hab und Gut betrog, schlug ein Blitz in das Haus ein. Doch statt zu brennen, geschah etwas weitaus Schrecklicheres. Die Glieder des Schreibers wurden schwer und starr, seine Haut verfärbte sich dunkel wie altes Holz, und seine Schreie wurden vom Knarren des Gebälks verschluckt.

Gott oder der Teufel selbst hatte ihn zum ewigen Chronisten der Schande gemacht. Seither hockt er dort oben an der Fassade, ein Buch fest in seine hölzernen Krallen gepresst. Wer heute im fahlen Mondlicht am Maison d’Adam vorbeigeht, sollte seine Gedanken rein halten. Die Einheimischen flüstern, dass man bei heftigem Wind das Kratzen einer Feder hören kann – ein trockenes, rhythmisches Scharren auf dem harten Eichenholz. Es ist der Greffier, der die heimlichen Sünden jedes Passanten notiert. Er wartet darauf, dass sein Buch vollendet ist, denn erst wenn die letzte Schandtat der Stadt dokumentiert ist, wird der hölzerne Bann brechen. Bis dahin bleibt er ein stummer, mahnender Zeuge an einem Haus, das mehr Augen hat, als man auf den ersten Blick vermutet.
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