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Die Mumie von St. Nikolai: Tallinns skurrilste historische Touristenattraktion

Wer auf seiner Reise durch das Baltikum die imposante St. Nikolaikirche (Niguliste) im Herzen von Tallinn ansteuert, sucht meist nach mittelalterlicher Sakralkunst oder dem berühmten Gemälde „Totentanz“. Doch für jeden neugierigen Backpacker, der Estland mit dem Rucksack durchstreift, und jeden Camper, der mit dem Wohnmobil unterwegs ist, birgt die Geschichte dieser Kirche ein makabres und herrlich skurriles Geheimnis, das auf keiner Stadtführung fehlen darf: Die Geschichte einer echten, jahrhundertealten Mumie, die unfreiwillig zum größten Kassenknüller der Stadt wurde.

Mumie von St. Nikolai estland tallinn Baltikum

Ein Herzog auf der Flucht vor den Gläubigern

Die Geschichte beginnt im Jahr 1700 mit Herzog Charles Eugène de Croy, einem adligen Feldherrn in russischen Diensten. Bei der berühmten Schlacht von Narva verlor er kläglich gegen die Schweden und geriet in Tallinn (damals Reval) in Gefangenschaft.

Die Haftbedingungen für den adeligen Herrn waren recht entspannt, was sich als verhängnisvoll erweisen sollte. De Croy liebte das süße Leben, teure Kleidung, exquisites Essen und vor allem: Unmengen an Alkohol. Er feierte rauschende Feste und pumpte sich bei den örtlichen Kaufleuten, Metzgern und Brauern gigantische Summen Geld. Als der Herzog im Jahr 1702 plötzlich verstarb, hinterließ er einen gigantischen Schuldenberg.

Hier griff das damalige, knallharte Recht der Hansestadt: Ein Schuldner durfte nicht beerdigt werden, solange seine Gläubiger nicht vollständig ausbezahlt waren. Da der Herzog pleite war und niemand für die Schulden aufkommen wollte, weigerten sich die Rigaer und Tallinner Kaufleute stur, die Leiche zur Ruhe zu betten.

Das biologische Wunder im Kirchenkeller

Da man den adligen Leichnam aber schlecht auf der Straße liegen lassen konnte, deponierte man ihn kurzerhand in einer Holzkiste im feuchten Keller der Nikolaikirche. Und hier passierte das Unvorhersehbare: Das einzigartige Mikroklima des Kellers – eine Kombination aus konstanter Kälte, Salzluft und bestimmten Bodengasen – verwuste den Körper nicht. Statt zu verwesen, mumifizierte der Herzog perfekt. Seine Haut wurde zu Leder, seine Haare blieben erhalten und sogar seine prunkvolle Samtkleidung überstand die Zeit.

Als man die Mumie Jahrzehnte später bei Aufräumarbeiten wiederentdeckte, erkannten die Kirchenväter das enorme wirtschaftliche Potenzial des toten Herzogs.

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Die Mumie als Cashcow für die Kirche

Anstatt ihn endlich christlich zu bestatten, stellte die Kirche den mumifizierten Herzog in einer Vitrine mit Glasdeckel in einer Seitenkapelle aus. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war die Mumie von St. Nikolai die absolute Top-Sehenswürdigkeit Tallinns.

Reisende aus ganz Europa strömten herbei und zahlten bereitwillig Eintrittsgeld, um einen Blick auf den betrunkenen Herzog in seinem Prunkgewand zu werfen. Sogar der russische Zar soll vorbeigekommen sein, um den skurrilen Dauergast zu begutachten. Erst im Jahr 1897 – nach fast 200 Jahren als Ausstellungsstück – hatte die Regierung ein Einsehen und ließ den Herzog endlich in einer Gruft beisetzen.

Wenn du heute auf deiner Reise nach Tallinn kommst, ist die Nikolaikirche ein absolutes Must-See. Die Mumie ist zwar längst unter der Erde, aber die skurrile Geschichte des Herzogs de Croy ist bis heute ein fester und faszinierender Bestandteil jeder historischen Stadtführung!

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