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Die unfertigen Perlen des Baltikums: Pendelt der Ülemiste-Greis heimlich zwischen Tallinn und Riga?

Wer auf seiner Reise durch das Baltikum die beiden wunderschönen Hauptstädte Tallinn und Riga besucht, stolpert unweigerlich über eine der skurrilsten Gemeinsamkeiten der Region. Für jeden Backpacker mit dem Rucksack auf Entdeckungstour und jeden Camper, der sein Wohnmobil von Estland nach Lettland steuert, gehört diese jahrhundertealte Sage zum absoluten Pflichtprogramm einer jeden Stadtführung.

Es geht um die Frage: Wann ist eine Stadt eigentlich fertig? Die Antwort im Baltikum lautet seit Jahrhunderten: Hoffentlich niemals! Denn sonst droht der absolute Weltuntergang. Und wer genau hinsieht, vermutet hinter den Sagen in Tallinn und Riga denselben mürrischen, überarbeiteten Geist, der anscheinend eine Dauerkarte für den Fernbus zwischen den beiden Städten besitzt.

Tallinn Estland Baltikum

Tallinn und der meckernde Greis aus dem Ülemiste-See

Beginnen wir im Norden, in der estnischen Hauptstadt. Jede klassische Stadtführung in Tallinn führt irgendwann zur mittelalterlichen Stadtmauer. Die Legende besagt, dass im tiefen Ülemiste-See, dem Trinkwasserreservoir der Stadt, der Ülemiste-Greis (Ülemiste vanake) lebt. Dieser alte Wassergeist ist die personifizierte Schlechte-Laune-Fraktion.

Einmal im Jahr, meist in einer stürmischen, ungemütlichen Herbstnacht, schlüpft der Alte aus dem Schlamm, wandert hoch zur Stadtmauer, klopft an die Tore und stellt den Wachen die allesentscheidende Frage:

„Ist Tallinn nun endlich fertig?“

Die Wächter haben eine strikte Dienstanweisung, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Sie müssen tief Luft holen und antworten: „Um Gottes willen, nein! Hier wird noch jahrelang gebaut, die Gassen sind schief, die Häuser halb fertig und wir haben noch jede Menge Arbeit vor uns!“

Hört der Greis das, murmelt er etwas Unverständliches in seinen Bart und schlurft beleidigt zurück in seinen See. Würde jedoch ein unwissender Wächter (oder ein übereifriger Tourismus-Manager) stolz antworten: „Jawohl, alles fertig, wunderschön saniert!“, dann würde der Greis die Schleusen des Sees öffnen und ganz Tallinn in einer gigantischen Sturzflut ertränken. Deswegen gibt es in Tallinn bis heute gefühlt an jeder Ecke eine Baustelle – reine Sicherheitsmaßnahme!

Tallinn Estland Baltikum

Riga und der Teufel im Dünastrom: Ein bekanntes Muster

Wenn du nun deine Reise fortsetzt und dein Wohnmobil knapp 300 Kilometer weiter südlich in der lettischen Hauptstadt parkst, erlebst du bei der nächsten Stadtführung ein verblüffendes Déjà-vu.

In Riga erzählt man sich nämlich fast exakt dieselbe Geschichte! Nur steigt hier alle hundert Jahre ein mysteriöses Wesen – mal als kleiner Teufel, mal als unheimlicher Greis beschrieben – aus den Fluten des Flusses Daugava (Düna) empor. Er wandert nachts durch die Altstadt und fragt den ersten Passanten, den er trifft: „Ist Riga fertig?“

Auch hier gilt die eiserne Regel: Wer mit „Ja“ antwortet, sorgt dafür, dass Riga augenblicklich im Fluss versinkt. Die Letten antworten daher traditionell: „Nein, Riga wird niemals fertig sein!“

Die Urlaubs-Theorie: Der stressige Pendelverkehr des Geistes

Wenn man sich diese beiden Sagen so anschaut, liegt eine humorvolle und absolut logische Theorie auf der Hand: Es ist ein und derselbe Geist!

Man muss sich das mal aus der Sicht des armen Fabelwesens vorstellen: Jedes Jahr im See in Tallinn hocken und darauf warten, dass die Esten endlich fertig werden, ist auf Dauer doch sterbenslangweilig. Vor allem, weil die Tallinner wegen des Greises extra langsam bauen. Also was macht ein moderner Geist mit Burnout-Symptomen? Er geht auf Reise, nutzt den gut ausgebauten Pendelverkehr im Baltikum und schaut zwischendurch in Riga vorbei, um dort die Leute zu nerven.

Wahrscheinlich hat er eine gemütliche Ferienwohnung im Schlamm der Daugava und pendelt je nach Saison zwischen Estland und Lettland hin und her. Wenn ihm die Esten zu stur weigern, die Stadt fertigzustellen, packt er seine Koffer und schaut, ob die Letten in Riga vielleicht unachtsamer sind.

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Ein wichtiger Tipp für deine Reise im Wohnmobil

Egal, ob du als Backpacker den Rathausplatz in Tallinn fotografierst oder in Riga durch das Jugendstilviertel schlenderst: Sollte dir nachts eine klitschnasse, ältere Gestalt mit Algen im Haar begegnen und dich nach dem Baustatus der Stadt fragen – antworte bloß nicht, dass alles perfekt ist! Schimpf am besten ein bisschen über die Straßenbauarbeiten. Damit rettest du nicht nur die Stadt, sondern sicherst dem pendelnden Geist auch seinen unbefristeten Arbeitsplatz im Baltikum. Gute Reise!

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