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Stadtführung Tallinn: Mystische Sagen & Legenden an einem Tag zu Fuß entdecken

Auf meiner großen Rucksacktour um die Ostsee bin ich wieder ganz ohne Erwartungen nach Tallinn gekommen. Und was soll ich sagen? Diese Stadt zieht einen sofort in ihren Bann! Sie besitzt eine wunderschöne, mittelalterliche Altstadt, die genau die perfekte Größe hat: Sie ist groß genug, um unglaublich viel zu sehen, aber gleichzeitig klein genug, um alles bequem zu Fuß erreichen zu können. Das Beste daran? An jeder Ecke warten faszinierende Geschichten, dunkle Geheimnisse und alte Legenden auf dich.

Wenn du das erste Mal hier bist und das Beste aus deiner Zeit herausholen willst, ist diese selbstgeführte Führung durch Tallinn der perfekte Leitfaden. Erlebe die Highlights von Tallinn an einem Tag und tauche tief ein in die geheimnisvolle Kultur und Geschichte des Baltikums!

Station 1: Der 20.-August-Platz – Die Fußabdrücke der Menschenkette

Unsere historische Entdeckungstour beginnt knapp oberhalb des zentralen Freiheitsplatzes (Vabaduse väljak). Auf dem gepflasterten Plateau des 20.-August-Platzes, direkt hinter dem großen, gläsernen Freiheitkreuz-Denkmal, triffst du auf ein Stück lebendige Zeitgeschichte.

Hier im Boden eingelassen ist eine rötlich-graue Granitplatte mit bronzenen Fußabdrücken. Sie erinnert an den „Baltischen Weg“ von 1989, als zwei Millionen Menschen eine 650 km lange Menschenkette für die Freiheit bildeten. Das Besondere: Du kannst dich selbst in die Abdrücke hineinstellen.

Schritte, die ein Imperium bezwangen: Die geheime Trilogie der baltischen Freiheits-Fliesen

Der Weg zum Domhügel

Vom 20.-August-Platz halten wir uns links und folgen den von Bäumen gesäumten Wegen hinauf auf die historischen Festungswälle. Wir betreten nun das geschichtsträchtige Pflaster des Toompea.

Station 2: Der Domhügel (Toompea) & der Lindaberg

Der mächtige Domhügel ist das Herz der estnischen Macht. Doch bevor hier Burgen und das heutige Schloss Toompea gebaut wurden, war der Hügel laut der estnischen Mythologie ein riesiges Grabmal. Die Riesin Linda schichtete die gewaltigen Felsbrocken eigenhändig für ihren verstorbenen Gemahl, den König Kalev, auf. Als sie vor Erschöpfung weinte, entstanden aus ihren Tränen der nahegelegene Ülemiste-See und der heutige Lindaberg (Lindamägi).

Der Hügel der Tränen und die vergessene Welt unter der Stadt

Der Domberg in Tallinn Estland Baltikum

Der Weg zur Domkirche

Wir spazieren weiter über das Plateau des Domhügels, vorbei am imposanten Schloss Toompea mit seinem Turm „Langer Hermann“, bis wir im Zentrum des Hügels vor der strahlend weißen Domkirche stehen.

Station 3: Der traurige Geist in der Domkirche

Die wunderschöne evangelische Domkirche St. Marien birgt direkt hinter ihrer Türschwelle ein skurriles Geheimnis. Wer hier eintritt, tritt unweigerlich auf die Grabplatte des adligen Sünders Otto Johann Thuve. Der reiche Lebemann bereute auf dem Sterbebett sein ausschweifendes Leben so sehr, dass er genau dort begraben werden wollte – in der Hoffnung, dass die Füße der gläubigen Kirchenbesucher seine Sünden symbolisch in den Staub treten.

Der traurige Geist der Domkirche: Warum ein Sünder unter der Türschwelle liegt

Der Weg zu den Wehrtürmen

Wir verlassen die Domkirche und gehen in südlicher Richtung entlang der alten Festungsmauern zum dänischen Königsgarten. Hier ragen die mächtigen Wehrtürme der Stadt in den Himmel.

Station 4: Der Jungfrauenturm (Neitsitorn)

Im malerischen dänischen Königsgarten treffen wir auf den viereckigen Jungfrauenturm. Jahrhundertelang diente er als berüchtigtes Gefängnis für Prostituierte und heiratsunwillige junge Frauen. Eine tragische Sage berichtet von einem Mädchen, das hier oben aus Verzweiflung einen Pakt mit dem Teufel schloss. Heute ist der Turm ein charmantes Museumscafé, in dem bis heute ein ziemlich anspruchsvoller Geist spuken soll, der gerne mal an den Weingläsern der Gäste nippt.

Der schwebende Becher und das große Klischee: Die Geisterjagd im Jungfrauenturm von Tallinn

Jungfrauenturm von Tallinn Estland Baltikum

Station 5: Kiek in de Kök

Gleich nebenan steht der gigantische, runde Kanonenturm Kiek in de Kök (Mittelspace-Deutsch für „Guck in die Küche“). Die bekannteste Sage besagt, dass die Soldaten von oben durch die Schornsteine direkt in die Kochtöpfe der Bürger schauen konnten. Die historische Wahrheit ist für Kulturinteressierte aber noch spannender: Der Turm war Tallinns wichtigster Feuerwehrturm und die Wachen mussten peinlich genau kontrollieren, ob die Brandherde in den Küchen der Unterstadt nachts gelöscht waren.

Kiek in de Kök: Der mächtige Kanonenturm und sein strenger Blick in Tallinns Küchen

Der Abstieg in die Unterstadt

Wir verlassen den Domhügel über die historische Treppe des „Kurzen Beins“ (Lühike jalg) und steigen hinab in die bürgerliche Unterstadt. Wir halten uns links und gehen direkt auf die mächtige St. Nikolaikirche zu.

Station 6: Die Mumie in der St. Nikolaikirche (Niguliste)

Die St. Nikolaikirche ist weltberühmt für ihre Kunstschätze, doch im 18. und 19. Jahrhundert zog sie Besucher wegen einer weitaus makabren Attraktion an: Der echten Mumie des Herzogs Charles Eugène de Croy. Weil der adlige Feldherr so immense Schulden bei Tallinner Kaufleuten hinterlassen hatte, verweigerte man ihm die Beerdigung. Im feuchten Kirchenkeller verwuste die Leiche jedoch nicht, sondern mumifizierte perfekt – und wurde prompt zur bestbezahlten Touristenattraktion der Kirche.

Die Mumie von St. Nikolai: Tallinns skurrilste historische Touristenattraktion

Mumie von St. Nikolai estland tallinn Baltikum

Der Weg zur Rataskaevu-Straße

Von der Nikolaikirche sind es nur wenige Schritte durch die engen Gassen nach Norden, bis wir vor dem berühmten Haus mit der Nummer 16 in der Rataskaevu-Straße stehen.

Station 7: Die Teufelshochzeit in der Rataskaevu 16

Dieses unscheinbare Haus in der Altstadt war einst Schauplatz der unheimlichsten Party der Stadtgeschichte. Ein Wirt in großer Geldnot vermietete seine oberste Etage für astronomisch viel Gold an einen mysteriösen Fremden unter der Bedingung, dass niemand spioniert. Ein neugieriger Hausdiener blickte dennoch durch das Schlüsselloch und sah den Teufel persönlich Hochzeit feiern. Das betroffene Fenster ist bis heute als Mahnung zugemauerte (aber täuschend echt bemalt!).

Die Teufelshochzeit in der Rataskaevu 16: Tallinns schaurig-schönste Promi-Party

Der Weg zum Rathausplatz

Wir folgen der Rataskaevu-Straße direkt hinein in das pulsierende Zentrum der Altstadt: den großen, kopfsteingepflasterten Rathausplatz (Raekoja plats).

Station 8: Die Rathausapotheke & die Erfindung des Marzipans

An der Nordostecke des Platzes befindet sich die Rathausapotheke (geöffnet seit mindestens 1422). Während man hier im Mittelalter noch getrocknete Krötenaugen und Hirschpenisse als Medizin verkaufte, erfand der findige Apothekerlehrling Mart hier eine ganz besondere Wundermedizin gegen die Magenkrämpfe eines Ratsherrn: Aus Mandeln und Zucker knetete er das „Martsbrot“ – das heute weltberühmte Marzipan, das damals als echtes Heilmittel wegging.

Die süße Pille von Tallinn: Wie die Rathausapotheke und das Marzipan die Medizin revolutionierten

Rathausapotheke Marzipan in Tallinn Baltikum Estland

Der Weg zur Olaikirche

Vom Rathausplatz schlendern wir durch die belebte Pikk-Straße nach Norden, vorbei an den prächtigen Gildehäusern, bis uns der gigantische, nadelspitze Turm der Olaikirche den Weg weist.

Station 9: Die Sage vom Kirchenbau (St. Olai / Oleviste)

Die majestätische Olaikirche war um das Jahr 1500 das höchste Bauwerk der Welt. Die Sage erzählt von dem riesenhaften Baumeister Olev, der versprach, die Kirche umsonst zu bauen, falls die Ratsherren seinen geheimen Namen erraten würden. Als ihm dies am Tag der Fertigstellung gelang, stürzte Olev vor Schreck von der Turmspitze in den Tod – und aus seinem Mund krochen eine Schlange und eine Kröte als Zeichen seines Paktes mit dunklen Mächten.

Die Sage von St. Olai: Der Pakt mit dem riesigen Baumeister

Zum Abschluss: Der Blick auf die Stadtentwicklung

Wir beenden unsere Stadtrundfahrt zu Fuß an einem der Aussichtspunkte oder direkt an der alten Stadtmauer, wo wir über die Zukunft dieser ewigen Baustelle nachdenken können.

Station 10: Ist Tallinn jemals fertig?

Zum Abschluss unserer Führung durch Tallinn begegnen wir dem mürrischen Geist des Ülemiste-Sees. Die Legende besagt, dass der Ülemiste-Greis jedes Jahr aus dem See steigt und die Wachen fragt: „Ist Tallinn fertig?“ Die Wächter müssen stets mit „Nein!“ antworten, denn laut der Sage wird die Stadt sonst in einer riesigen Sturzflut versinken. Eine verblüffend ähnliche Sage gibt es übrigens auch im lettischen Riga – es scheint fast so, als ob derselbe mürrische Geist heimlich zwischen den beiden Städten hin und her pendelt!

Die unfertigen Perlen des Baltikums: Pendelt der Ülemiste-Greis heimlich zwischen Tallinn und Riga?

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