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Die kampferprobte Kombi-Seejungfer: Hier kommt Warschaus Syrenka!

Wer als Backpacker auf einer  Rucksackreise durch Mitteleuropa tourt, landet unweigerlich irgendwann in Polen. Meinen Roller „Sanco Pansa“ habe ich im Kapselhotel geparkt, weil ich praktisch direkt neben der Altstadt nächtige. Polen ist ein absoluter Traum für Individualurlauber. Ich bin schon zum dritten Mal im Land und will jetzt auch noch die Hauptstadt besuchen. 

Am großen Marktplatz in der Altstadt steht die wichtigste Frau der Stadt!

Mitten auf diesem Platz steht sie: Die Warschauer Meerjungfrau, lokal liebevoll Syrenka genannt. Aber vergesst Arielle und diesen ganzen Disney-Kitsch! Die Warschauer Version ist nicht hier, um mit Muscheln zu spielen oder sehnsüchtig auf einem Stein zu sitzen. Sie hält ein massives Schwert in der rechten Hand, einen Schild in der linken und sieht aus, als würde sie jeden Moment den gesamten Platz im Alleingang aufmischen. Diese Sage ist das unangefochtene Geheimnis und der Stolz der lokalen Kultur. Und wie es sich für eine ordentliche Legende gehört, gibt es da draußen so viele verwirrende Versionen, dass selbst gestandene Historiker nach dem dritten polnischen Bier kapitulieren.

Warschau Syrenka Meerjungfrau

Eine Urlaubsreise mit ungeahnten Folgen

Fangen wir ganz vorne an. Die klassische Version der Geschichte besagt, dass diese bildschöne Meerjungfrau vor vielen Jahrhunderten in der Ostsee lebte. Irgendwann wurde ihr das ewige Salzgitter-Dasein dort oben wohl zu langweilig, und sie beschloss, eine ausgedehnte Reise zu unternehmen. Sie schwamm in die Weichselmündung und folgte dem Flusslauf immer weiter ins Landesinnere. Als sie die Höhe der heutigen Warschauer Altstadt erreichte, schaute sie sich um. Sie sah die sanften Hügel, die dichten Wälder der Region Masowien und dachte sich: „Mensch, herrlich hier. Kein Massentourismus, nette Natur – hier schlage ich mein Lager auf.“

Sie quartierte sich also in den Weichselauen ein. Und wie es sich für eine anständige Seejungfer gehört, vertrieb sie sich die Zeit mit Singen. Ihre Stimme war so göttlich, dass die lokalen Fischer anfangs dachten, sie hätten zu tief in den Wodka-Kelch geschaut. Die Fische tanzten in den Netzen, die Wellen beruhigten sich, und die Natur hielt den Atem an.

Doch wo Idylle ist, ist der gierige Kapitalismus meistens nicht weit. Ein reicher, notorisch unsympathischer Kaufmann aus der Stadt bekam Wind von der Sache. Er dachte sich: „Eine singende Fischfrau? Das ist die perfekte Geschäftsidee!“ Er schlich sich nachts mit ein paar Schlägern an den Fluss, warf ein schweres Netz über die schlafende Syrenka und sperrte sie in einen finsteren, stinkenden Holzschuppen. Sein Plan: Sie auf den Jahrmärkten gegen Eintritt herzeigen und schreiend reich werden.

Warschau Syrenka Meerjungfrau

Das große Crossover: Wenn die Meerjungfrau den Fischer heiratet

Die Rechnung des Kaufmanns war jedoch ohne den Warschauer Gerechtigkeitssinn gemacht. Die herzzerreißenden Klagelieder der gefangenen Meerjungfrau drangen durch die Ritzen des Schuppens. Ein junger Fischer hörte ihr Weinen, trommelte seine Kumpels zusammen, und bewaffnet mit Mistgabeln und Rudern stürmten sie das Gefängnis. Sie jagten den gierigen Kaufmann aus der Stadt und schnitten die Fesseln der Syrenka durch.

Aus purer Dankbarkeit schwor die Meerjungfrau den Bewohnern ein Gelübde: „Weil ihr mich gerettet habt, werde ich von nun an diese Stadt und ihre Menschen bis ans Ende aller Tage mit Schwert und Schild beschützen!“ Deshalb das wehrhafte Design auf dem Marktplatz.

Und jetzt kommt der absolut geniale, humorvolle Plot-Twist, den man in manchen uralten, regionalen Überlieferungen findet. Die polnische Sagenwelt liebt anscheinend Crossover-Episoden, genau wie moderne Superheldenfilme! In diesen speziellen Versionen überschneidet sich die Geschichte der Meerjungfrau nämlich direkt mit der Gründungslegende von Wars und Sawa.

Warschau Syrenka Meerjungfrau

In dieser Variante war die Meerjungfrau, nachdem sie befreit wurde, das ewige Single-Leben im kalten Flusswasser endgültig leid. Und wer könnte es ihr verdenken? Ständig nasse Haare, keine Heizung und das Dating-Angebot unter Wasser beschränkt sich auf Karpfen. Sie verliebte sich unsterblich in ihren Retter – den jungen, herzensguten Fischer namens Wars.

Durch ein Wunder (oder einfach durch sehr viel masowische Willenskraft) verwandelte sich ihr Fischschwanz in zwei wunderschöne Beine, und sie nahm den Namen Sawa an. Die beiden heirateten, gründeten eine kleine, gastfreundliche Fischerhütte am Flussufer und lebten glücklich bis an ihr Lebensende. Als Jahre später ein verirrter Fürst bei ihnen Unterschlupf fand und von ihrer Herzlichkeit so begeistert war, taufte er die entstehende Siedlung nach dem glücklichen Paar: Wars-Sawa (Warszawa).

Ehrlich gesagt, das ist doch die viel bessere Geschichte! Es erklärt nicht nur, warum die Meerjungfrau die Stadt beschützt – wer verteidigt nicht gerne sein eigenes Eigenheim? –, sondern es rückt die ganze Gründungsgeschichte in ein herrlich humorvolles Licht. Warschau wurde quasi von einer Ex-Meerjungfrau und einem Fischer gegründet, die einfach eine extrem gut laufende Pension an der Weichsel betrieben haben.

Warschau Syrenka Meerjungfrau

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