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Das Konklave der Wortgewaltigen: Eine Mittagsruhe an Dantes Grab

Reisen macht müde. Besonders, wenn man stundenlang durch das Pflasterlabyrinth von Ravenna gelaufen ist, Mosaik für Mosaik bestaunt hat und der kühle Wind der Adria allmählich einer drückenden Nachmittagssonne weicht. Nach meinem Abstecher zur Tomba di Dante – dem schlichten, weißen Mausoleum, in dem Italiens größter Dichterfürst seine schier unendliche Ruhe gefunden hat – brauchte ich eine Auszeit. Ich knipste noch ein paar Fotos von der brennenden Öllampe, deren Brennstoff bis heute als symbolische Buße von der Stadt Florenz gestiftet wird, und schlich um das Gebäude herum.

An der Rückseite der Grabstätte fand ich ein schattiges Plätzchen auf einer alten, von der Sonne erwärmten Ziegelmauer. Ich lehnte den Kopf an das kühle Gemäuer, ließ die Kamera auf meinen Schoß gleiten und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Das leise Murmeln der Passanten, das friedliche Taubengegurre und die warme Luft wiegten mich augenblicklich in einen Zustand zwischen Wachen und Träumen.

Plötzlich veränderte sich die Atmosphäre. Die Geräusche der modernen Stadt – das Klackern von Plastiksohlen, das Surren von E-Scootern – schienen hinter einer dichten, unsichtbaren Wand zu verdunsten. Stattdessen drang ein rhythmisches, pathetisches Rascheln von schwerem Stoff an mein Ohr, begleitet von tiefen, getragenen Stimmen.

Ich schlug die Augen nicht ganz auf. Durch meine Wimpern, getrübt vom Schimmer der gleißenden Sonne, nahm ich vier Gestalten wahr, die direkt neben mir im Schatten der Klostermauer standen. Sie fielen völlig aus der Zeit. Keine Touristen in Funktionskleidung, sondern Männer in wallenden, schweren Gewändern, Spitzenkrägen und dunklen Mänteln, die im leichten Wind wogten.

„Unglaublich“, brummte eine raue, tiefe Stimme auf Deutsch, die nach Thüringer Wald, Tinte und altem Pergament klang. „Schon wieder ist ein ganzes Jahr ins Land gezogen, seit wir uns das letzte Mal an diesem Ort versammelten.“

Dantes Grab

„Die Zeit im Jenseits fließt wie der Arno in den Spätsommerdaten, mein lieber Martin“, antwortete eine melodische, unverkennbar italienische Stimme voller Stolz und Melancholie. „Doch solange mein Fleisch in dieser Erde ruht und mein Geist über den Gesängen der Menschen schwebt, ist dieser Ort unser Heiligtum.“

Ich hielt den Atem an. Ich traute meinen Augen und Ohren nicht, traute mich aber auch nicht, mich zu bewegen, aus Angst, die Vision zu vertreiben.

„Ah, Signor Alighieri“, schaltete sich eine dritte Stimme ein, deren Satzbau von feiner, spanischer Ironie und dem sanften Klang von Castilia durchdrungen war. „Ihr Italiener neigt stets zur Dramatik. Aber Ihr habt recht. Wir sind nicht hier, um über die Asche der Vergangenheit zu trauern, sondern um das Wort zu feiern. Schaut euch diese Menschen an, die da drüben vorbeilaufen. Sie sprechen, sie fluchen, sie dichten – und sie ahnen nicht, wer ihnen die Werkzeuge dafür in die Hand gedrückt hat.“

Der vierte Mann, gehüllt in einen feinen englischen Faltenkragen, trat vor. Sein Blick war wüst, voller Poesie und messerscharfer Beobachtungsgabe. „Sie nutzen unsere Phrasen, ohne unseren Namen zu kennen, mein lieber Miguel“, murmelte er auf elisabethanischem Englisch, das dennoch für jeden verständlich schien. „To be or not to be – sie tragen unsere Gedanken auf ihren Zungen, als wären es ihre eigenen. Wir haben ihnen keine bloßen Wörter gegeben; wir haben ihnen ihre Welt erschaffen.“

Da stand sie – die unbegreiflichste Runde der Weltliteratur.

Dante Alighieri, der Vater der italienischen Schriftsprache, der das Toskanische aus den Fesseln des lateinischen Monopols riss und mit seiner Göttlichen Komödie die Seele eines ganzen Volkes formte.

Martin Luther, der dem Volk aufs Maul schaute, die Bibel übersetzte und dem Deutschen überhaupt erst eine gemeinsame Grammatik und Bildgewalt schenkte.

Miguel de Cervantes, der mit seinem traurigen Ritter Don Quijote die moderne spanische Sprache schuf und den Humor der Menschheit für immer veränderte.

Und William Shakespeare, der Tausende neue Begriffe in die englische Sprache webte und die menschliche Psyche so tief ergründete wie keiner vor oder nach ihm.

„Bedenkt, was wir getan haben“, sprach Luther und ballte eine kräftige Faust. „Wir fanden Dialekte vor, ein Chaos aus Splittern! Man verstand sich von einem Dorf zum nächsten kaum. Wir griffen in den Schlamm der Alltagssprache und formten daraus Eisen und Gold. Ich wählte das Wort des einfachen Mannes, um Gott selbst sprechen zu lassen.“

„Und ich wählte die Sprache der Hölle, des Läuterungsbergs und des Paradieses“, erwiderte Dante, während sein scharfes Profil im Sonnenlicht aufleuchtete. „Ich zeigte ihnen, dass die Volkssprache – das Volgare – fähig ist, die höchsten Höhen der Philosophie und die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele zu tragen. Florenz hat mich verbannt, doch meine Sprache hat ganz Italien geeint!“

Dantes Grab

Cervantes lachte leise, ein trockenes, weises Lachen. „Wir schenkten ihnen den Verstand, Dante. Ich gab den Spaniern den Wahn und die Vernunft in einem Atemzug. Don Quijote und Sancho Panza – durch ihre Dialoge lernte eine ganze Nation, wie man zweifelt, hofft und liebt. Wir haben nicht nur Wörter erfunden. Wir haben die Identität von Millionen von Seelen geschaffen.“

„Wir sind die Architektur ihres Denkens“, fügte Shakespeare hinzu und blickte hoch zum klaren blauen Himmel über Ravenna. „Jedes Mal, wenn ein Liebender schwört, jedes Mal, wenn ein Tyrann zögert, jedes Mal, wenn ein Mensch um Vergebung bittet – nutzen sie die Pfade, die wir in das Dickicht des menschlichen Geistes geschlagen haben. Unsere Körper sind Staub, doch unsere Sprache ist unsterblich.“

Die vier Giganten traten enger zusammen. Sie legten sich gegenseitig die Hände auf die Schultern – ein stummes, jahrhundertealtes Bündnis der Wortgewaltigen, die das Fundament der modernen Welt gelegt hatten. Ihre Gestalten begannen im gleißenden Licht des Nachmittags zu leuchten, während die Worte Dante, Luther, Cervantes, Shakespeare wie ein erhabenes Echo zwischen den alten Ziegeln der Klosterwand widerhallten.

Das Licht wurde immer heller, die Konturen ihrer Mythenhaften Mäntelein begannen verschwommen zu flimmern –

Dantes Grab

„WUFF! WUFF!“

Ein schrilles, freches Bellen riss mich schlagartig aus dem Halbschlaf. Ich schreckte auf, fuhr hoch und rieb mir wie wild die Augen.

Direkt vor meiner Mauer stand ein kleiner, brauner Mischlingshund an der Leine, der mich aufgeregt ankläffte. Seine Besitzerin – eine ältere Dame mit Einkaufsbeutel – lächelte mich entschuldigend an. „Scusi, signore! Er wollte Sie nicht erschrecken.“

N-no, niente… tutto bene“, stammelte ich noch völlig verblüfft.

Ich blickte nach links. Ich blickte nach rechts. Die Beschwörer der Weltliteratur waren verschwunden. Der Schatten unter der Arkade war leer. Vor mir auf dem Platz schnatterte eine Reisegruppe auf Englisch, ein Paar stritt sich auf Spanisch über den Weg zur Tankstelle, und aus einem Café drang das laute, lebendige Italienisch des Baristas.

Ich strich mir über das Gesicht und sah hinüber zur kleinen Tomba di Dante. Die Öllampe brannte friedlich vor sich hin. Ich lächelte leise, griff nach meinem Notizbuch und stieg wieder aufs Rad. Die Welt sprach weiter – und ich hatte gerade gehört, wer ihr die Worte dafür geschenkt hatte.

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