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Der Drache der Wutachschlucht: Warum Veränderung das echte Leben ist

Es gibt Tage, an denen plant man eine ganz normale Wanderung durch den Schwarzwald. Festes Schuhwerk, Vesperbrot im Rucksack, die übliche Portion Zuversicht. Und dann gibt es Tage, an denen steht man tief im feuchten Dickicht der Wutachschlucht und streitet sich mit einem handgroßen, gelb-schwarz gefleckten Relikt aus der Urzeit über die Sinnhaftigkeit des menschlichen Daseins.

Die Wutachschlucht zeigt sich an diesem Tag von ihrer absolut klischeehaften Seite: Moosbewachsene Felswände, das stetige Rauschen des Wassers, kühle, leicht klamme Luft und Stufen – unzählige Stufen aus feuchtem Holz und glitschigem Stein. Ich war gerade im perfekten Wander-Trott, spulte Höhenmeter um Höhenmeter ab, als mein Fuß mitten in der Luft verharrte.

Direkt auf der Kante einer hölzernen Treppenstufe saß er. Ein Feuersalamander. Oder besser gesagt: Ein Zwergdrache mit enormer Haltungsschwäche. Er hatte die Statur einer etwas zu vollgestopften Nürnberger Rostbratwurst, glänzte wie frisch lakkiert und würdigte mich keines einzigen Blickes.

Ich balancierte auf einem Bein, um das Tierchen nicht mit meinen Profilsohlen in die ewigen Jagdgründe zu befördern, fuchtelte kurz mit den Armbandstöcken und ließ mich schließlich auf der Stufe darüber nieder.

Feuersalamander in der Wutachschlucht

„He, du kleiner Feuerdrache“, sagte ich leicht außer Atem. „Hast du nicht ein bisschen Angst, dass ich einfach über dich drüberstolpere, wenn du mitten auf dem Weg deine Pause einlegst?“

Der Kleine drehte ganz, ganz langsam den Kopf. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich an Ort und Stelle zu Asche zerfallen – da nützte mir auch der Funktionspullover nichts. Er blinzelte zweimal mit der Gelassenheit eines Wesens, das bereits die Eiszeit überlebt hat und nun wirklich keine Lust auf Smalltalk mit einem Touristen hatte.

„Ich sitze nicht auf deinem Weg“, erwiderte er. Seine Stimme klang wie zwei kühle Kieselsteine, die man unter Wasser aneinanderreibt, garniert mit einer tüchtigen Portion badisch-mürrischer Grundaggressivität. „Ich sitze vor meinem Haus. Und wenn es hier draußen nicht so verflucht kalt wäre und meine Glieder etwas wärmer wären, wäre ich auch schon längst über alle Berge. Aber im Moment brauche ich eben etwas länger. Und du mit deinen stelzigen, endlosen Beinen wirst es ja wohl auf die Reihe bekommen, einen Bogen um mich zu machen, oder?“

Ich musste unwillkürlich grinsen. Ein Amphib mit Ego-Problemen.

„Ja, ja, ist schon gut“, beschwichtigte ich den Minidrachen. „Sei nicht gleich so mürrisch. Wenn du eh hier festsitzt und auf deine Betriebstemperatur wartest: Erzähl mir lieber mal was über die Wutachschlucht.“

Wutachschlucht in Baden-Würtemberg

Der Salamander schnaubte. Ein winziger Nebelstreif entwich seiner Schnauze – vermutlich Einbildung, aber zu seinem Drachen-Image hätte es gepasst.

„Ihr Menschen nennt sie so“, sagte er und schüttelte demonstrativ den Kopf. „’Wutachschlucht‘. Für uns hat der Fluss keinen Namen. Wozu auch? Er hört sowieso nicht, wenn man ihn ruft. Ich und meine Ahnen sind schon ewig hier. Aber vorher war der Fluss schon da. Und der Berg auch. Sie spielen zusammen. Immer und immer wieder das gleiche Spiel.“

Er machte eine winzige Pause, um mit einer Vorderpfote eine mikroskopisch kleine Kletterbewegung anzudeuten, die ihn schätzungsweise drei Millimeter nach vorne brachte.

„Der Berg versperrt dem Fluss den Weg“, fuhr er fort, „und der Fluss sucht sich stur einen neuen. Dann gräbt und nagt er wieder so lange an den Füßen des Berges, bis dieser die Geduld verliert und ein paar tennisfeldgroße Felsbrocken ins Flussbett krachen lässt. Und zack – geht alles von vorne los. Das ist wunderbar! Durch die ständige Veränderung entsteht immer wieder eine völlig neue Landschaft. Uns wird hier nie langweilig.“

Ich zog die Augenbrauen hoch. „Na ja“, warf ich ein, „die Idee ist ja ganz romantisch, aber manchmal sind durch genau solche Erdrutsche hier auch schon Häuser eingestürzt. Und bei Hochwasser hat es Brücken weggespült. Das finden wir Menschen eher semitoll.“

Der Feuersalamander stieß ein Geräusch aus, das unverkennbar ein Lachen sein sollte. Es klang wie das Trocknen von feuchtem Laub.

Wutachschlucht in Baden-Würtemberg

„Ach, die Menschen!“, rief er aus und blickte gen Himmel. „Die beiden – der Berg und der Fluss – lieben die Veränderung nun mal. Sie dachten wahrscheinlich sogar, sie tun euch einen Gefallen mit der ganzen Dynamik! Aber ihr mögt keine Veränderungen, was? Ihr habt eine Mordsangst davor! Ihr baut ein Holzhaus auf ein Rutschgebiet, gebt jedem Baum, jedem Stein und jedem Bach einen Namen und behauptet dann allen Ernstes, das Zeug würde euch gehören!“

Er schüttelte erneut den Kopf, diesmal mit ehrlichem Mitleid.

„Das müsstest du dir mal aus der Vogelperspektive anhören. Das ist ja gerade so, als würde dieser kleine, grüne Käfer da drüben behaupten, ihm gehöre die dreihundertjährige Eiche, auf die er seit heute Morgen hinaufkrabbelt!“

Er zeigte mit der Schnauze auf eine Baumwurzel, auf der tatsächlich ein kleiner Waldmistkäfer eifrig unterwegs war. Ich kratzte mich am Hinterkopf. So ganz unrecht hatte der kleine Kerl ja nicht. Aber ein bisschen Ehre musste ich für meine Spezies dann doch verteidigen.

„Na hör mal“, sagte ich, „du willst doch wohl auch nicht, dass einfach jemand kommt und deine Höhle kaputtmacht!“

Wutachschlucht in Baden-Würtemberg

„Pah!“, machte der Drache und winkte gedanklich ab. „Dann baue ich mir eben eine neue! Veränderungen gehören zum Leben dazu. Wenn der Fluss das nächste Mal seine Richtung ändert und die Uferböschung wegreißt, gibt es genau dort drüben wieder wunderbare, weiche Erde, in die ich perfekte neue Gänge graben kann. Nur ihr Koryphäen kapiert das eben nicht. Menschen eben! Mit euren riesigen Plastikschuhen tretet ihr alles platt, was nicht bei Drei im Moos verschwunden ist, und euren Müll schmeißt ihr auch noch überall hin.“

Ich hob abwehrend die Hände. „Hey, hey! Ich hinterlasse keinen Müll! Du hast aber wirklich eine lausige Laune heute, du kleiner feuriger Drache.“

Der Salamander richtete sich so weit auf, wie es seine kurzen Beinchen zuließen. Er blähte die Brust auf, wodurch seine gelben Warnstreifen noch etwas knalliger wirkten.

„Sei du bloß froh, dass ich nicht größer bin!“, drohte er und funkelte mich aus seinen schwarzen Knopfaugen an. „Wäre ich so groß wie eine eurer Einbauküchen, würde ich dich auf der Stelle verspeisen! Wie einen knackigen Saftkäfer zum Frühstück! Und nun verschwinde hier, ich habe keine Zeit mehr für deine philosophischen Fragen. Ich muss mir einen Sonnenfleck suchen, um meine Muskeln auf Betriebstemperatur zu bringen.“

Damit drehte er sich mit der majestätischen Geschwindigkeit einer Schnecke im Feierabendverkehr um. Ruckartig, Schritt für Schritt, stakste er von der Holzstufe herunter und schob sich langsam, aber bestimmt in Richtung des schützenden Unterholzes.

Ich saß noch eine ganze Weile auf der Treppe und starrte auf die leere Stelle, an der eben noch das kleinste, aber lauteste Raubtier des Schwarzwaldes gesessen hatte. Das Rauschen der Wutach klang plötzlich ein wenig anders. Nicht mehr wie ein wilder Fluss, sondern eher wie das leise Glucksen von zwei alten Spielkameraden, die wieder einmal einen Felsbrocken hin und her schoben.

Langsam stand ich auf. Ich klopfte mir den Dreck von der Hose, nahm meine Wanderstöcke fest in die Hand und setzte meinen Weg fort.

Allerdings ging ich von da an deutlich aufmerksamer. Meine Schritte waren bedacht, mein Blick klebte förmlich am Boden. Ich scannte jeden Stein, jede Wurzel und jede Holzstufe.

Nicht nur, weil ich die Natur jetzt mit anderen Augen sah und das empfindliche Ökosystem der Schlucht achten wollte – sondern vor allem aus reinem Selbstschutz. Man konnte ja nie wissen, ob hinter dem nächsten Farnblatt nicht ein Cousin dieses Drachen wartete. Und ich hatte absolut keine Lust, als Snack für ein schlecht gelauntes Ursaurier-Imitat zu enden.

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