Die Fußstapfen des Heiligen: Die Legende von San Juan de Gaztelugatxe
Der Morgen war noch jung, als ich meinen Bulli oben an der zerklüfteten Steilküste der Biskaya parkte. Die Luft schmeckte nach Salz, Freiheit und dem fernen Abenteuer des Atlantiks. Ich packte mein Faltrad Rocinante aus dem Heck und schob es den schmalen Pfad hinab, bis der Weg zu steil und wild für Reifen wurde. Ab hier ging es nur noch zu Fuß weiter.
Vor mir spannte sich die monumentale Steinbrücke über das tosende Meer – wie das steinerne Rückgrat eines schlafenden Drachen, das die Küste mit der mystischen Felseninsel Gaztelugatxe verbindet. Ich atmete tief durch und begann den Aufstieg. Stufe für Stufe stieg ich die 241 Treppenstufen hinauf, die sich in engen Kurven den nackten Fels emporwinden. Die Gischt klatschte weit unter mir gegen die Klippen, und die Einsamkeit des frühen Morgens hüllte mich vollkommen ein.
Fast hatte ich das obere Plateau erreicht, da passierte es. Direkt vor mir huschte eine kleine, flinke Eidechse aus einer Mauerspalte. Sie lief nicht weg. Im Gegenteil: Sie setzte sich mitten auf die graue Steinstufe, spannte ihren kleinen, grünen Körper an und versperrte mir ziemlich frech den Weg. Sie blickte mich aus unheimlich klugen, glänzenden Augen an und rührte sich keinen Millimeter.
Ich musste schmunzeln, hielt inne und sprach sie einfach an: „Hallo kleine Wächterin, lässt du mich durch?“
Zu meiner absoluten Verblüffung wich sie nicht zurück. Sie hob den Kopf, ihr Kehlkopf bebte, und plötzlich formte sich das Rauschen des Windes in meinen Ohren zu einer tiefen, flüsternden Stimme. Die Eidechse antwortete mir tatsächlich.
„Du darfst passieren, Wanderer“, zischte sie leise, und ihre Stimme klang so alt wie der Kalkstein selbst. „Aber nicht, ohne die Wahrheit dieses Berges zu kennen. Ich gebe dir die Legende dieser Insel mit auf den Weg. Und ermahne dich: Lass bloß keinen Müll hier oben zurück! Dies ist ein Ort der Wunder – behandle ihn mit Respekt.“
Ich nickte ehrfürchtig. Die kleine Echse strich mit ihrem Schwanz über den Stein, legte den Kopf schief und begann, mir die wahre, spannende Geschichte von San Juan zu erzählen…
Das Reich der Finsternis vor der Zeit
„Hör mir zu, Mensch“, raunte die Eidechse, während die Wellen unter uns im Takt ihrer Worte gegen die Insel schlugen. „Ihr glaubt immer, dieser Ort sei schon immer so friedlich gewesen. Doch vor vielen Jahrhunderten war Gaztelugatxe – die ‚Burg des Felsens‘ – ein Ort der puren Finsternis.
Wir Eidechsen lebten schon damals in diesen Spalten. Wir sahen, wie die Stürme mit einer unbändigen, bösartigen Wut das Land geißelten. Doch es war nicht das Wetter allein. In den tiefen, pechschwarzen Meereshöhlen unter dieser Insel, dorthin, wo niemals ein Sonnenstrahl dringt, hauste das Böse selbst. Die Menschen nannten es den Teufel.
Diese Kreatur genoss das Leid der Sterblichen. Sie beschwör dichten, tückischen Nebel herauf, sodass die Fischer aus den nahen Häfen von Bermeo und Ondarroa die Orientierung verloren. Sie ließ die Wellen meterhoch anschwellen und lachte mit einem markerschütternden Grollen, wenn die kleinen Holzboote an unseren messerscharfen Klippen zerschellten. Jedes Mal, wenn ein Seemann in den Fluten ertrank, erbebte die Insel vor sadistischer Freude. Für die Menschen auf dem Festland war dieser Felsen das Tor zur Hölle. Niemand wagte es, ihn zu betreten. Die Angst lähmte das ganze Land.
Doch der Himmel hört das Weinen der Mütter und Frauen, die am Ufer vergeblich warteten. Und so wurde ein Retter gesandt, ein Mann mit der unbändigen Urkraft des reinen Glaubens: San Juan – der heilige Johannes der Täufer.“
Die drei monumentalen Schritte
„Die Legende besagt, dass Johannes an einem stürmischen Tag im Hafen von Bermeo anlandete. Als er am Ufer stand und den verfluchten Felsen von Gaztelugatxe im Dunst der Gischt sah, spürte er die Herausforderung des Bösen. Er ballte die Fäuste und zögerte keine Sekunde. Er wartete auf kein Boot. Er nahm Anlauf und tat den ersten, gewaltigen Schritt.
Er stieß sich im Zentrum von Bermeo ab und flog meilenweit durch die Luft, hoch über die ersten Hügelketten der Küste hinweg. Als er auf dem ersten Felsrücken landete, war die Energie seines Aufpralls so gigantisch, dass der harte Stein unter seinen Füßen weich wurde wie warmer Ton. Er hinterließ einen tiefen, perfekten Fußabdruck im nackten Fels.
Ohne innezuhalten, nahm er Schwung für den zweiten Schritt. Wieder schoss er wie ein lebendiger Blitz über die tiefen Täler hinweg. Der Wind heulte, und das Meer tobte, um ihn aufzuhalten, doch Johannes war nicht zu stoppen. Sein zweiter Schritt landete hoch oben auf dem rauen Bergkamm der Sierra. Wieder gab der Stein nach und bewahrte den Abdruck seiner heiligen Mission.
Nun stand er auf der Klippe direkt vor der Insel – genau dort, wo du heute Morgen deinen Bulli geparkt hast. Zwischen ihm und dem Ziel lag nur noch der kochende Abgrund des Meeres. In den Höhlen unter uns spürte der Teufel seine Ankunft. Die Felsen begannen zu zittern, und eine riesige, schwarze Welle baute sich auf, um den Heiligen zu verschlingen. Doch Johannes nahm all seine Kraft zusammen und tat den dritten, den ultimativen Schritt.“
Der Triumph auf dem Felsen
„Er schwebte über die schäumende Gischt hinweg, direkt auf die letzte, steile Stufe des Felsens zu – genau dorthin, wo wir beide jetzt gerade stehen.
Als sein Fuß diese oberste Stufe berührte, gab es einen Donnerschlag, der das gesamte Baskenland erzittern ließ. Ein gleißendes, pures Licht brach aus seinem Körper hervor und flutete über den gesamten Felsen. Bei dieser Landung brannte sich sein Fuß so tief in diese steinerne Stufe, dass der Abdruck noch heute für jeden von euch sichtbar ist. Sieh mal genau hin, direkt neben meine Pfoten!
Das Böse in den Höhlen schrie vor unerträglichem Schmerz auf. Das Licht des Heiligen war wie flüssiges Feuer für die Kreatur. Die Klippen rissen auf, und mit einem unheimlichen Grollen, das den Ozean zum Kochen brachte, floh der Teufel aus den Höhlen, stürzte sich in die tiefsten Gräben des Atlantiks und kehrte nie wieder zurück.
Johannes hatte den Felsen gereinigt. Wo vorher Angst regierte, war nun heiliger Boden. Er segnete die Insel und erklärte sie zum ewigen Schutzort. Zum Dank bauten die Menschen später die kleine, weiße Kapelle auf dem Gipfel, genau an der Stelle seines Triumphs.“
Die drei Glockenschläge
Die Stimme der kleinen Eidechse verhallte langsam im Rauschen des Windes. Sie tat einen schnellen Schritt zur Seite, gab den Weg frei und huschte mit einem letzten, prüfenden Blick zurück in ihre Felsspalte.
Ich stand sprachlos da. Ich blickte nach unten – und tatsächlich: Direkt auf der Stufe war die deutliche Form eines menschlichen Fußes tief in den uralten Stein eingeprägt. Ich setzte meinen eigenen Fuß genau in den Abdruck des Heiligen, so wie es die alte Tradition verlangt. Ein warmes, kribbelndes Gefühl schoss mir durch die Beine.
Ich ging die letzten Schritte hinauf zur Kapelle und trat an das dicke Seil der alten Kirchenglocke. Ich dachte an die Worte der Eidechse, zog am Seil und ließ die Glocke dreimal laut durch die Schlucht schallen:
Der erste Schlag vertrieb die Geister meiner eigenen Alltagssorgen.
Der zweite Schlag schickte einen tiefen Wunsch hinaus auf den Ozean.
Der dritte Schlag besiegelte mein Versprechen, diesen magischen Ort im Herzen zu bewahren.
Als ich später im Bulli saß und mir einen heißen Kaffee kochte, blickte ich zurück auf den Felsen. Manchmal reist man, um schöne Orte zu sehen. Und manchmal reist man, um von einer frechen Eidechse daran erinnert zu werden, wie viel Magie in der Welt da draußen steckt. Ein absolut unvergesslicher Stopp!






































