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Die Sage von St. Olai: Der Pakt mit dem riesigen Baumeister

Wer heute durch die engen Gassen der Tallinner Altstadt blickt, sieht fast überall die markante, nadelspitze Silhouette der Olaikirche (Oleviste kirik). Um das Jahr 1500 herum war dieser gigantische Turm mit seinen über 150 Metern das höchste Gebäude der gesamten bekannten Welt. Für die Seefahrer auf der Ostsee diente er als gigantischer Leuchtturm ohne Feuer. Doch die Geschichte seines Baus ist untrennbar mit einer düsteren Sage verbunden – einer Geschichte über menschlichen Ehrgeiz, ein riskantes Namensspiel und einen tragischen Sturz in die Tiefe.

Olaikirche (Oleviste kirik) Tallinn estland baltikum

Das unbezahlbare Angebot des Fremden

Die Stadtväter des mittelalterlichen Tallinn hatten eine kühne Vision: Sie wollten die prächtigste und höchste Kirche der Welt errichten, um den Seehandel anzukurbeln. Doch das Projekt schien unmöglich. Kein Baumeister der Region besaß den Mut oder das handwerkliche Geschick, ein solches Wagnis einzugehen. Die Verzweiflung wuchs, bis eines Tages ein mysteriöser Fremder in der Stadt auftauchte. Er war von fast riesenhafter Gestalt und behauptete, den Turm im Alleingang bauen zu können.

Es gab jedoch einen Haken – und der war astronomisch. Der Fremde verlangte eine Summe an Goldmünzen, die die Schatzkammer der Stadt augenblicklich in den Ruin getrieben hätte. Als er die bleichen Gesichter der Ratsherren sah, grinste er düster und schlug eine Wette vor:

„Ich werde die Kirche bauen. Wenn ihr es schafft, bis zum Tag der Fertigstellung meinen Namen zu erraten, müsst ihr mir keinen einzigen Cent bezahlen. Gelingt es euch nicht, gehört das Gold – und eure Seele – mir.“

Die Stadtväter, die das Risiko eingingen, willigten ein. Sie dachten, es würde ein Leichtes sein, den Namen eines einzelnen Mannes herauszufinden.

Olaikirche (Oleviste kirik) Tallinn estland baltikum

Der rasende Bau und die Spionin

Der Bau begann, und der Fremde arbeitete mit einer übermenschlichen Geschwindigkeit. Während die Bürger ungläubig zusähen, wie der Turm Tag für Tag höher in den Himmel ragte, versuchten die Spione der Stadt verzweifelt, das Geheimnis des Baumeisters zu lüften. Doch der Riese war ein Geist. Er sprach mit niemandem, trank in keiner Schenke und verschwand nach der Arbeit spurlos.

Der Tag der Fertigstellung rückte unbarmherzig näher, und im Stadtrat brach nackte Panik aus. In ihrer Not schickten sie einen besonders listigen Spion aus, der sich an das einsame Haus des Riesen heranschlich, das dieser vor den Toren der Stadt bewohnte. Der Spion legte sein Ohr an die Wand und lauschte. Drinnen saß eine Frau, die ein Kind in den Schlaf wiegte und leise ein Wiegenlied sang:

„Schlaf, mein Kindlein, schlaf ein, bald kommt Olev nach Haus, mit viel Gold im Sackfein…“

Der Spion hielt den Atem an. Er hatte den Namen: Olev!

Olaikirche (Oleviste kirik) Tallinn estland baltikum

Der Todessturz vom höchsten Turm der Welt

Am nächsten Morgen war es so weit. Der Turm war vollendet, und der riesige Baumeister stand ganz oben auf der Spitze, um das goldene Kreuz zu montieren. Die Bürger der Stadt hatten sich unten auf dem Kirchplatz versammelt.

Just in dem Moment, als der Riese das Kreuz festschlug, rief der Bürgermeister mit donnernder Stimme zum Turm hinauf: „Olev! Du bist fertig, Olev! Aber dein Kreuz steht ein bisschen schief!“

Als der Fremde seinen geheimen Namen hörte, durchfuhr ihn ein lähmender Schreck. Er verlor den Halt, rutschte auf den nassen Ziegeln aus und stürzte vor den Augen der entsetzten Menge die 150 Meter in die Tiefe.

Als sein mächtiger Körper auf dem harten Pflaster des Kirchplatzes aufschlug, geschah das Unheimliche: Er verwandelte sich augenblicklich zu Stein. Im selben Moment krochen eine riesige Kröte und eine giftige Schlange aus seinem offenen Mund – das finale, schaurige Zeichen dafür, dass Olev seine übermenschliche Kraft durch einen Pakt mit dunklen Mächten erhalten hatte. Die Stadt war gerettet, das Gold behalten, doch die Kirche trägt bis heute den Namen ihres verfluchten Erbauers: Die Olaikirche.

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