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Das Handy-Wunder von Prag: Wenn die Apostel die Smartphones segnen

Hinter den dicken, rußgeschwärzten Mauern des Prager Rathausturms riecht es nach jahrhundertealtem Eisen, Maschinenöl und einer gehörigen Portion Staub. Das gewaltige, mechanische Herz des Astrolabiums tickt unerbittlich. Klack. Klack. Klack. Jede Sekunde schiebt ein eisernes Zahnrad das nächste weiter. Doch im Inneren des Gehäuses, direkt hinter den zwei kleinen, hölzernen Fenstertüren, herrscht kurz vor der vollen Stunde der ganz normale, alltägliche Wahnsinn unter Kollegen.

Seit dem Jahr 1410 drehen sie hier ihre Runden, gefangen in einer ewigen Endlosschleife aus Holz, Farbe und Schwerkraft. Doch die Welt da draußen auf dem Altstädter Ring hat sich verändert. Früher blickten sie in bleiche, ehrfürchtige Gesichter, sahen Tränen der Rührung oder die Hüte von Königen und Bettlern. Heute? Heute blicken sie in eine Wand aus glänzenden Glasflächen.

Johannes, der Lieblingsjünger mit dem leicht verblichenen Heiligenschein, klopfte ungeduldig auf das hölzerne Gestell, das ihn gleich wieder im Kreis befördern würde. Er strich sich den gemalten Bart glatt und rief in die Runde: „Jungs, gleich ist es wieder so weit! Die nächste volle Stunde steht an. Macht euch bereit, bringt euch in Position und lasst die Gelenke noch mal knacken!“

Thaddäus, der seine Holzaxt etwas lustlos über der Schulter hielt, stöhnte tief auf. Seine hölzernen Scharniere quietschten leise im Takt der Rathausuhr. „Ist es wirklich schon wieder so weit?“, fragte er und rieb sich die gemalten Augen. „Wir sind doch gerade erst an den Fenstern gewesen! Gefühlt haben wir vor zwei Minuten erst die Türen von außen zugeschlagen. Mir dreht sich langsam der Kopf von diesem ewigen Karussell.“

Prager Rathausuhr

Thomas, der ewige Zweifler, der wie immer alles ganz genau wissen wollte, schüttelte den Kopf. Er prüfte den Stand des großen Zahnrads direkt neben sich. „Sei nicht so faul, Thaddäus! Seit wann geht die Uhr bitteschön falsch? Meister Hanuš hat uns ein perfektes Getriebe gebaut. Es ist exakt sechzig Minuten her. Kein Grund, hier die Zeitzonen infrage zu stellen.“

Jakobus der Ältere drängte sich ein Stück nach vorne, um durch einen kleinen Spalt in den Holztüren nach unten auf den Altstädter Ring zu spähen. Seine hölzernen Augen leuchteten auf. „Leute, vergesst den Zeitplan! Viel wichtiger: Habt ihr beim letzten Mal schon das neue Samsung-Handy in der ersten Reihe gesehen? Das mit dem faltbaren Bildschirm? Es soll ganz neu auf dem Markt sein. Ein absolutes High-Tech-Wunderwerk!“

Thomas schnaubte verächtlich und rückte sein Gewand zurecht. „Nein, habe ich nicht. Ich habe nur nach den hübschen Mädels in der dritten Reihe geschaut. Die aus Frankreich, die so nett gelächelt hat.“

Simon, der Zelot, der die moralische Instanz der Truppe darstellte, hob empört den hölzernen Zeigefinger. Seine Stimme hallte streng durch das staubige Uhrwerk: „Schäm dich, Thomas! Da unten steht die Menschheit, pilgert aus aller Welt zu uns, zeigt uns jede Stunde andächtig ihre Handys, und du denkst schon wieder nur an die Frauen! Wo bleibt denn da der spirituelle Fokus?“

Bartholomäus, der etwas abseits stand und an seinem Messer nestelte, blickte melancholisch durch das Getriebe. Ein tiefes, hölzernes Seufzen entwich seiner Brust. „Ach, früher… früher war das alles irgendwie anders. Da hat man noch echte Menschen gesehen. Man sah ein Lächeln, man sah Erstaunen, manchmal sogar ein Gebet. Heute verstecken sie ihre Gesichter alle hinter diesen leuchtenden Dingern, sodass man sie gar nicht mehr richtig sehen kann. Es ist, als würden wir vor einer Wand aus schwarzen Spiegeln tanzen.“

Prager Smartphonesegnung

„Vielleicht“, warf Thomas schmunzelnd ein, während er ein wenig Schmieröl von seiner Schulter wischte, „wollen sie ja einfach nur, dass wir die Dinger segnen. So wie die Priester früher am Land die Pferde, die Esel und die Traktoren gesegnet haben. Die halten uns die Dinger ja so offensichtlich entgegen, als wäre es eine heilige Opfergabe.“

„Ein Handysesegen?“, murmelte Matthäus, der das Ganze bisher schweigend beobachtet hatte. „Na klar. ‚Heiliges iPhone, möge dein Akku ewig halten und dein Display niemals brechen.‘ Klingt nach einer Marktlücke für uns.“

Draußen auf dem Platz schlug die Glocke des Todes. Bimm. Bimm. Das Skelett an der Außenseite der Uhr hatte soeben damit begonnen, die Sanduhr umzudrehen und am Seil zu ziehen. Das war das unmissverständliche Zeichen für die Apostel. Das Getriebe setzte sich mit einem lauten, metallischen Ächzen in Bewegung. Die Ketten strafften sich.

„Schluss mit dem Gerede!“, rief Johannes und übernahm wieder das Kommando. Er packte Thaddäus am hölzernen Ärmel und schob den zögernden Simon in die Reihe. „Die Scharniere laufen an! Sortiert euch nach dem Alphabet oder nach dem Alter, mir völlig egal, aber bewegt eure Schnitzereien!“

Das große Rad drehte sich, und die Mechanik schob die ersten Figuren unaufhaltsam in Richtung der beiden Fensteröffnungen. Die hölzernen Klappen sprangen synchron auf. Das helle Prager Tageslicht flutete in das dunkle Innere der Uhr.

Von außen betrachtet bot sich den Tausenden von Zuschauern auf dem Altstädter Ring das gewohnte, majestätische Schauspiel: Zwei mal zwei öffneten sich die Türen, und die zwölf Apostel zogen langsam, mit ernsten, würdevollen Gesichtern an den Fenstern vorbei, blickten hinab auf das Volk und drehten ihr Haupt.

Doch im Inneren der Uhr, während sie im Gänsemarsch an den Fenstern vorbeiglitten, ging das Geflüster im Sekundentakt weiter.

Prager Smartphonesegnung

„Wahnsinn“, flüsterte Jakobus, als er am linken Fenster vorbeizog und den Blick nach unten wagte. „Da unten stehen mindestens fünfhundert Stück. Apple, Xiaomi, Google Pixel… Es ist wie eine Elektronikmesse, nur mit Kopfsteinpflaster.“

„Schau nicht so genau hin, sonst verpasst du deinen Einsatz für das Nicken!“, zischte Petrus, der direkt hinter ihm lief. „Und denk dran, Thomas: Augen geradeaus! Keine Flirts mit der ersten Reihe, die filmen das alle in 4K!“

„Ich segne sie ja schon“, murmelte Thomas im Vorbeigehen und machte eine kaum merkliche Bewegung mit dem hölzernen Kopf. „Möge ihr WLAN allzeit stabil sein und der Speicherplatz niemals voll.“

Die Sekunden verstrichen. Einer nach dem anderen passierten die zwölf Gefährten die Lichtkegel der Fenster. Sie sahen ein Meer aus erhobenen Armen. Keine winkenden Hände, sondern eine starre Phalanx aus Smartphones, die wie eine moderne Ehrerbietung wirkte. Aus der Perspektive der alten Holzfiguren sah es tatsächlich so aus, als würde die Menschheit des 21. Jahrhunderts ihnen stolz ihre wichtigsten Besitztümer präsentieren, um den Segen der alten Meister zu erflehen.

Nach exakt 45 Sekunden schlossen sich die hölzernen Klappen wieder mit einem dumpfen Schlag. Das Innere des Turms versank schlagartig wieder im vertrauten Dämmerlicht. Das eiserne Kreischen des Getriebes ebbte ab, und das Karussell kam schnaufend zum Stillstand. Die Apostel standen wieder im Kreis im staubigen Raum hinter der Fassade.

Johannes atmete tief durch und sammelte seine Truppe wieder um sich. Er klopfte dem erschöpften Thaddäus auf die Schulter und blickte in die Runde der zwölf hölzernen Männer.

„Saubere Arbeit, Jungs“, sagte Johannes mit einem humorvollen Augenzwinkern, während er sich wieder in die Startposition für die nächste Stunde begab. „Keiner ist aus der Schiene gesprungen, und Thomas hat sich halbwegs zusammengerissen. Wir haben den Handys da draußen wieder eine Stunde lang den richtigen Weg gewiesen. Ruht euch ein bisschen aus, ölt eure Gelenke. In exakt sechzig Minuten treibe ich euch alle wieder zusammen. Denn die Welt da unten wartet auf uns – und ihre Akkus sind noch lange nicht leer!“

Und während die Apostel im Inneren der Uhr Aufstellung für die nächste Runde nahmen, tickte das Prager Astrolabium ungerührt weiter in Richtung Zukunft.

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