Das Echsen-Orakel von Paestum: Philosophie zwischen antiken Säulen
Eigentlich wollte ich die antike Stätte von Paestum in der kampanischen Provinz Salerno links liegen lassen und auf direktem Weg nach Agropoli düsen. Doch die Straße führt nun einmal sprichwörtlich direkt an der Geschichte vorbei. Als die mächtigen griechischen Tempel im gleißenden Licht unter knallblauem Himmel vor mir auftauchten, siegte die spontane Abenteuerlust. Ich lenkte meinen Van auf den Parkplatz und reihte mich brav in die Touristenschar ein.
Die Anlage ist riesig – neben drei gigantischen Tempeln erstreckt sich hier eine ganze antike Stadt. Zum Glück verliefen sich die Besucherströme rasch. So geschah das Unmögliche: Ich schlenderte völlig mutterseelenallein durch die schattigen Hallen eines der gewaltigen Bauwerke.
Eingehüllt von der ehrfurchtgebietenden Kulisse dachte ich mir scherzhaft, ich könnte ja mal austesten, ob die alten Götter noch Empfang haben. Ich schickte meine innere Stimme auf Sendung: „Gott, der hier wohnt! Hörst du mich? Erzähle mir etwas über diesen Ort!“
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten – allerdings anders als gedacht. „Wer plärrt denn hier so unverschämt rum?! Vertreibt mir die ganzen fetten Fliegen! Ruhe bitte!“, krächzte eine verärgerte Stimme in meinem inneren Ohr.
Ich stutzte. Normalerweise antwortet auf meine inneren Monologe höchstens der Magenknurren. Ich blickte suchend zu den Säulen und gen Himmel: „Wer bist du?“ „Hier unten, du Schlaumeyer! Wo schaust du hin? Suchst du den Mond?!“
Ich blickte auf den Steinboden. Direkt an einer Säule klebte eine ausgesprochen hübsche Eidechse. Ihr Schuppenkleid glänzte grün-weiß gefleckt mit erstaunlichen, tiefblauen Punkten an den Seiten.
„Du bist aber eine Hübsche“, entgegnete ich charmant. Die Echse blieb unbeeindruckt: „Was willst du hier und warum brüllst du so?“ „Ich wollte nur den Tempel besichtigen und etwas über die Erbauer und ihren Gott erfahren.“
Das Reptil rollte fast mit den Augen. „Schau dich doch um! Die Menschen hier haben schlicht gearbeitet, gut gewirtschaftet und eine Stadt gebaut. Und wie immer, wenn etwas prächtig gedeiht, kamen die Priester ums Eck. Sie erzählten ihnen Märchen von einem Gott, wie man ihn anbeten müsse – und dass sie gefälligst für den Tempel und die Priester bezahlen sollten.“
„Und wo sind sie alle hin?“, fragte ich neugierig. „Das Klima drehte. Plötzlich kamen Mücken und Krankheiten. Da sind die Menschen in die Berge geflohen.“ „Und die Mücken?“ „Die haben wir gefressen!“, grinste die Echse schadenfroh. „Hier wurde alles vergessen, vom Wald überwuchert. Erst viel später kamen wieder Menschen und buddeln alles aus. Als ob sie etwas suchen würden, was sie nicht schon längst wüssten!“
„Na ja, vielleicht lernen sie ja etwas über die Vergangenheit“, versuchte ich zu beschwichtigen. „Ach was!“, winkte das Schuppentier ab. „Die Menschen haben sich seit damals keinen Deut verändert. Sie machen genau das Gleiche, denken genauso und benehmen sich genauso. Sie schmücken sich heute anders, aber das ist nur Fassade. Glaub mir, null Veränderung!“
„Du bist ja ein ganz Schlauer. Was macht dich da so sicher?“ Die Echse richtete sich auf: „Schau in die Vergangenheit und du erkennst die Zukunft! Die Menschen von damals kennt keiner mehr, ihre Götter sind tot, ihre Häuser Staub, ihre Kriege vergessen. Und jetzt schau dich heute um: Ihr gebt euch wichtige Namen, betet neue Götter an, baut viel zu große Häuser und führt wieder Kriege. Schau dir diese Ruinen an – genau das wird auch von euch übrig bleiben!“
Betretenes Schweigen meinerseits. Die philosophische Klatsche saß.
Die Eidechse unterbrach die Stille mit einem Schnalzen: „So, keine Zeit mehr für das alberne Gequatsche. Ich gehe Fliegen fangen. Das ist übrigens das Einzige, was ich an euch Menschen nie verstanden habe: Warum fresst ihr eigentlich keine dieser leckeren, fetten Fliegen?“
Es tippte sich noch mit dem Finger an die Stirn und huschte blitzschnell davon – mich ließ es nachdenklich zwischen den stummen Zeugen der Geschichte zurück.







































