Der Wächter vom Zeller Horn beim Schloss Hohenzollern
Die Abendsonne warf lange, goldene Schatten über die Albkante, als ich mein Tagesziel erreichte. Ich stand auf der Felsenkuppe des Zeller Horns, einem jener atemberaubenden Aussichtspunkte direkt gegenüber der Burg Hohenzollern. Tief unten lag das Städtchen Hechingen, sanft eingebettet in ein Meer aus grünem Hügelland, während drüben auf dem Zeugenberg die mächtige Festung wie eine Krone im Abendlicht thronte.
Es war ein magischer Ort. Ein paar verwitterte Parkbänke luden dazu ein, den Rucksack abzusetzen, die Beine auszustrecken und einfach nur den Augenblick zu genießen. Ich war nicht der Einzige, der vom Zauber dieser Stunde angelockt worden war: Einige Wanderer rasteten leise schwätzend im Gras, und ein Stück weiter wartete ein Landschaftsfotograf geduldig mit seinem Hund. Das Stativ war bereits aufgebaut, die Kamera exakt auf die feurige Silhouette der Burg ausgerichtet. Alles wirkte friedlich, fast schwebend im Übergang von Tag zu Nacht.
Ich verlor mich gerade in dem friedlichen Panorama, als ich Schritte im Laub hörte. Das trockene Holz eines langen Wanderstocks knackte im Takt eines langsamen, aber erstaunlich stetigen Schrittes.
Aus dem Schatten der dichten Buchen trat ein alter Mann. Seine Gestalt hatte etwas vollkommen Zeitloses: Er trug einen breitrandigen Strohhut, der sein Gesicht fast gänzlich im Schatten verbarg, und stützte sich auf einen astigen Holzstab, der beinahe so groß war wie er selbst. Der Mann hielt inne, rückte seinen Hut etwas nach hinten und blickte schweigend über das weite Land in die Ebene hinaus. Dann wandte er sich um, steuerte zielsicher meine Brikettbank an und blieb davor stehen.
„Darf ich mich zu Ihnen gesellen?“, fragte er mit einer tiefen, leicht rauen Stimme.
„Aber natürlich“, antwortete ich und rückte ein Stück zur Seite. „Platz genug ist da.“
Der Alte setzte sich langsam. Er legte beide Hände um den Knauf seines riesigen Holzstocks, stemmte das Kinn auf die Fingerknöchel und starrte hinüber zur Burg Hohenzollern.
„Nur eines sage ich, dann schweige ich, denn ich will niemanden stören“, begann er unvermittelt und blickte nicht einmal zu mir herüber. „Heute ist wieder ein fantastischer Abend, um auf das Schloss zu blicken.“
Ich schmunzelte über die seltsame Förmlichkeit seines ersten Halbsatzes, war aber froh über die Ansprache. „Das stimmt“, erwiderte ich geschmeidig. „Die Fernsicht heute ist unglaublich. Man sieht schier unendlich weit ins Land hinein.“
Der alte Mann nickte bedächtig, ohne seine Haltung zu verändern. „Nur eines sage ich dazu, dann schweige ich wieder: Man kann von der großen Stadt Stuttgart, in der sie diesen modernen Fernsehturm gebaut haben, bis hinüber nach Rottweil blicken, wo sie neuerdings den anderen, noch höheren Turm aufgestellt haben.“
Seine Formulierung – wo sie des anderen Turm gebaut haben – klang wunderlich altertümlich. Ich drehte mich etwas mehr zu ihm um.
„Ich wollte mir das Schloss drüben heute eigentlich aus der Nähe ansehen“, erzählte ich frei heraus. „Aber als ich unten am Tor stand, wurde ich abgewiesen. Alles reserviert für eine geschlossene, private Gesellschaft.“
Der Alte stieß ein leises, trockenes Glucksen aus. „Nur eines sage ich noch… Sie müssen oft solche Feiern ausrichten. Denn sie müssen das Schloss bezahlen. So etwas ist teuer. Sehr teuer.“
„Wem gehört das Anwesen denn heute eigentlich genau?“, hakte ich nach.
Er strich mit der faltigen Hand über das ausgetretene Holz seines Wanderstocks. „Die Mauern, die Sie dort drüben sehen, sind gar nicht sehr alt. Vielleicht einhundertfünfzig Jahre, oder nur wenig mehr. Die einstigen Herren dieses steilen Berges waren vor langer Zeit weggezogen, hatten das Interesse verloren. Aber ein junger Mann aus der Familie besuchte die Gegend schließlich wieder, als er auf seiner großen Bildungsreise war. Dabei fand er die alte Burg vor, die inzwischen nichts weiter als eine romantische, überwachsene Ruine war. Und er beschloss auf der Stelle, sie neu erbauen zu lassen.“
„Aber doch sicherlich nicht mehr als echte, wehrhafte Burg?“, warf ich ein.
Er schüttelte langsam den Kopf. Der Strohhut warf tiefe Schatten über sein Gesicht. „Nein. Als romantisches Traumschloss. Einigen gefiel das ganz und gar nicht.“
Ich betrachtete das Profil des Alten aufmerksam, während er sprach. In der Art, wie er die Worte betonte, lag eine subtile, fast bittere Schärfe. Für einen kurzen, skurrilen Moment hatte ich nicht den Eindruck, einem Geschichtsinteressierten zuzuhören, sondern jemandem, der diesen Umbau persönlich als Beleidigung empfunden hatte.
„Aber heute ist es doch wunderschön anzusehen“, versuchte ich die prachtvolle Kulisse zu verteidigen. „Ein echtes Märchenschloss.“
Der Mann richtete sich ein wenig auf. Seine Griffknöchel am Holzstock traten weiß hervor.
„Ich sage nur noch eines, dann schweige ich für immer: Man erzählt sich, es gab auf der Ruine der alten Burg einst einen Wächter. Er war in seinem Dienst eingeschlafen – müde von endlosen Wachen – und hatte deshalb keinen Alarm geschlagen, als die Feinde im Schutz der Nacht herannahten. Zur Strafe für sein Versagen wurde er dazu verdammt, ewiglich die Ruine zu bewachen. Und glauben Sie mir: Er nimmt seine Aufgabe bis heute sehr ernst.“
Ich schmunzelte amüsiert über den plötzlichen Ausflug in die Geisterwelt. „Aber dann kann er doch heute genauso gut das neue Schloss bewachen! Wo ist da schon der Unterschied? Bei Gespenstern nimmt man das doch hoffentlich nicht so genau mit der Baugeschichte“, fügte ich mit einem Augenzwinkern hinzu.
Als das Wort „Gespenster“ fiel, ging eine merkwürdige Veränderung durch den Alten. Er straffte den Rücken so ruckartig, dass das Holz der Parkbank leise knarrte. Instinktiv wandte ich ihm mein Gesicht voll zu.
Er blickte mich nicht an. Sein Blick fixierte scharf die dunklen Zinnen drüben auf dem Zeller Berg.
„Nur eines sage ich noch“, sagte er, und seine Stimme klang auf einmal hart wie Granit. „Die ehrsamen Soldaten der alten Garde können oft nicht genau unterscheiden… nicht zwischen Feinden, die einst brüllend und mit gezückten Klingen auf die Burg rannten, und heutigen Touristen, die ebenfalls laut gröllend und schreiend im Burghof einfallen. So gab es unglücklicherweise im Laufe der Jahre einige… Verwechslungen.“
Er hielt inne. Dann fügte er ganz leise, fast murmelnd und nur zu sich selbst gewandt, hinzu: „Die ich sicher nicht zu verantworten hatte!“
Ein fröstelnder Schauer lief mir plötzlich über den Rücken. Die spöttische Erwiderung blieb mir auf der Zunge kleben. Der Mann sprach nicht mehr wie ein Erzähler, der lokale Sagen wiedergab. Er sprach wie ein Zeuge. Wie jemand, der selbst Wache gestanden hatte.
Langsam, ohne Hast, stützte er sich ab und stand auf. Doch er benutzte seinen langen Holzstab nicht mehr als Gehweite. Er fasste ihn weiter unten, hielt ihn aufrecht und dicht an seiner Seite – exakt in der Haltung, wie ein mittelalterlicher Wachsoldat eine Hellebarde als Sperre führt. Sein Schatten war im schwindenden Licht riesenhaft geworden.
„Aber den anderen ging es auch nicht besser“, fuhr er fort, ohne mich anzusehen. „Der Wächter der alten Burg Lichtenstein, gar nicht weit von hier drüben im Osten… den hat man schlichtweg durch ein Kassenhäuschen ersetzt. Und anderen Kameraden erging es ähnlich.“
Es war inzwischen fast ganz dunkel geworden. Die Sonne war längst hinter dem Horizont versunken, und der kühle Nachtwind strich durch die Wipfel. Der dichte Buchenwald direkt hinter unseren Rücken war nur noch eine undurchdringliche, schwarze Wand. Die anderen Wanderer und der Fotograf waren verschwunden. Wir waren völlig allein auf der Klippe.
Um die plötzliche, beklemmende Stille zu überbrücken, versuchte ich mich an einem nervösen Scherz.
„Na ja, so ist eben der Fortschritt, nicht wahr? Man muss eben heutzutage mit Schlössern Geld verdienen. Früher haben die Burgbesitzer Wegezölle von den Händlern verlangt – und heute verlangen sie eben Eintrittsgelder von den Besuchern. Das Prinzip ist doch das gleiche.“
Der alte Mann verharrte vollkommen reglos. Die Finsternis schien ihn einzuhüllen.
„Eines sage ich noch, dann schweige ich für immer“, raunte seine Stimme aus dem Schatten des Strohhuts hervor. „Die alten Zölle waren gerecht. Denn wir haben die Straßen schließlich auch gebaut und mit unserem Blut verteidigt. Heute werden auch Wegezölle verlangt, ja… aber die Münzen bekommen nicht mehr jene, die die Straße bauen. Sie gehen weit weg. Sie werden dort verschwendet von Menschen, die in ihrem ganzen Leben noch nie einen einzigen Stein auf einen anderen gelegt haben!“
Seine Worte hallten in der kühlen Abendluft nach. Ich dachte kurz über das nach, was er gesagt hatte. Es lag eine tiefe, fast tragische Wahrheit in seinen Worten. Ich atmete tief ein, wandte mich vollends zur Bank herum, um ihm eine durchdachte Antwort zu geben.
„Wissen Sie, da haben Sie vielleicht gar nicht so unrecht…“, begann ich.
Doch die Worte verhallten im Wind.
Neben mir war niemand. Die hölzerne Parkbank war leer.
Ich sprang auf, mein Herz machte einen heftigen Satz. „Hallo?“, rief ich in die Dunkelheit.
Nichts. Kein Rascheln im trockenen Laub, kein Knacken von Ästen, kein Geräusch von weggleitenden Schritten. Ich drehte mich hektisch um 360 Grad. Hinter mir ragte nur die schwarze, lautlose Wand des dichten Waldes auf. Es war völlig unmöglich, dass ein alter Mann mit einem langen Wanderstock in nur zwei Sekunden geräuschlos in diesem Unterholz verschwunden sein konnte.
Der Wind heulte leise über die Felskante des Zeller Horns. Ich stand ganz alleine in der Dunkelheit, das Harz meiner eigenen Atmung das einzige Geräusch weit und breit.
Ich brauchte ein paar lange Augenblicke, um meinen beschleunigten Puls wieder zu beruhigen. Zögernd griff ich nach meiner Kamera. Drüben auf dem dunklen Berg erstrahlte nun die Burg Hohenzollern im hellen Scheinwerferlicht – eine leuchtende, isolierte Festung in der Nacht, die wie ein Relikt aus einer längst vergessenen Zeit herübergrüßte.
Ich hob die Kamera, drückte auf den Auslöser und hielt das Bild fest. Das Leuchten des Displays war das einzige Licht weit und breit.
Gedankenvoll packte ich meine Sachen zusammen, schnallte den Rucksack fest und schlug den schmalen Pfad zurück zum Parkplatz ein. Bei jedem Schritt durch den dunklen Wald blickte ich mich unwillkürlich um, halb erwartend, das Rhythmisieren eines langen Holzstocks im Laub zu hören. Doch der Wald schwieg.







































