HOME

Das Geheimnis im Stein: Warum Ravennas Sarkophage besser unberührt bleiben

Reisen mit dem Van schärft den Blick für die skurrilen Details des Lebens. Als ich durch das historische Zentrum von Ravenna schlenderte und auf die Piazza San Francesco einbog, traute ich meinen Augen kaum. Da standen sie: gewaltige, antike Steinsärge aus feinstem Marmor, völlig ungeniert mitten im Freien, direkt vor der Fassade der alten Basilika. Kein Absperrband, kein Museumswärter, einfach nur tonnenschwere Kollosse aus der Spätantike, an denen die Zeit seit über fünfzehnhundert Jahren nagte.

Gerade als ich näher herantreten wollte, um die filigranen Meißelarbeiten an den Rändern genauer zu inspizieren, öffnete der Himmel seine Schleusen. Ein typisch oberitalienischer Schauer setzte ein. Ich schnappte mir mein Klapprad Rocinante, schob es zügig unter die schützende Säulengalerie am Rande des Platzes und schüttelte mir die Tropfen aus den Haaren.

Unter den schattigen Arkaden war ich nicht allein. Eine kleine Gruppe lokaler Männer stand dort im Kreis, die Ellenbogen entspannt auf das Gemäuer gestützt. Vor ihnen lag eine stattliche Ansammlung grüner Bierflaschen. Feierabend im historischen Kern. Sie redeten lautstark mit Händen und Füßen über Fußball und das Wetter.

Ich nutzte die Chance, trat mit einem breiten Grinsen einen Schritt näher und deutete mit dem Daumen über die Schulter auf die Durchnässten Kolosse draußen im Regen.

„Na, sagt mal“, rief ich ihnen auf Spanisch-Italienisch-Mix zu, „sind das da draußen in den Särgen vielleicht eure ehemaligen Kollegen, die zu viel von eurem Selbstgebrannten probiert haben? Oder warum lasst ihr hier mitten auf dem Platz die Toten parken?“

Die Männer hielten inne. Ein paar Sekunden herrschte Stille, dann brach einer von ihnen – ein älterer Typ mit zerzaustem grauem Haar und gebräunter Haut – in ein tiefes, kehliges Lachen aus.

Ravennas Sarkophage

„Ehemalige Kollegen! Der war gut, amigo!“, rief er, nahm einen kräftigen Schluck aus seiner Flasche und winkte mich heran. „Nein, nein. Da drinnen liegt Prominenz der ganz alten Sorte. Aber wenn du denkst, dass die Särge hier draußen schon merkwürdig sind, dann hast du die Geschichte von der Kaiserin Galla Placidia noch nicht gehört. Die lehrt dich nämlich das Fürchten, was Feuer und Stein angeht!“

Er stützte sich mit dem Rücken gegen die Wand, nahm die Flasche als Zepter in die Hand und begann mit dramatischer Stimme zu erzählen:

„Du musst wissen, Ravenna war im 5. Jahrhundert die Hauptstadt des gesamten Weströmischen Reiches. Eine Kaiserin namens Galla Placidia herrschte hier – eine Frau von unglaublicher Macht, Reichtum und Schönheit. Als sie starb, baute man ihr das prächtigste Mausoleum, das du hier gleich um die Ecke finden kannst. Drinnen stehen drei gigantische, schlichte Marmorsärge.

Aber der Volksmund erzählt sich seit Jahrhunderten die wahre Geschichte ihres Sarkophags: Galla Placidia wurde nämlich nicht einfach flach hineingelegt wie jeder normale Sterbliche. Nein! Man setzte die Kaiserin auf einen massiven, duftenden Zedentron, hüllte sie in die schwersten, mit echtem Gold gewebten Gewänder, setzte ihr die Krone auf und versiegelte den mächtigen Steinsarg. Sie sollte für alle Ewigkeit wie eine herrschende Königin in ihrer dunklen Steinkammer thronen.

Damit die Nachwelt sich von diesem Wunder überzeugen konnte, meißelten die Steinmetze ein kleines, winziges Schauloch in den dicken Marmor. Jahrhundertelang kamen die Menschen von weit her. Sie traten an den Sarg heran, hielten eine brennende Kerze dicht an das kleine Loch und blickten hinein. Und tatsächlich: Im schwachen Schein des Kerzenlichts konnte man die konservierte Gestalt der Kaiserin sehen, die stumm und erhaben auf ihrem Thron saß, während das Gold ihrer Kleider in der Finsternis glitzerte.

Das ging über tausend Jahre gut. Bis zum verhängnisvollen Jahr 1577.

Ravennas Sarkophage

An einem feuchtkalten Nachmittag schlich ein kleiner, neugieriger Junge aus dem Ort in das Mausoleum. Er wollte unbedingt die berühmte tote Kaiserin sehen. Doch der Junge war klein, das Loch war eng, und die Finsternis im Sarg war tief. Um besser sehen zu können, schob er seine brennende Kerze nicht nur vor das Loch, sondern schob sie tief hinein in den Hohlraum des Sarkophags.

Ein verhängnisvoller Fehler. Die Flamme berührte die jahrhundertealten, staubtrockenen Seidengewänder der Kaiserin. Innerhalb von Sekunden gab es einen verheerenden Luftzug. Das trockenkonservierte Holz des Throns und die kostbaren Stoffe fingen blitzartig Feuer. Der Junge schrie auf und ließ die Kerze fallen. Der Hohlraum des marmornen Sarges verwandelte sich in einen glühenden Ofen. Als die Mönche herbeieilten, schlug schon der schwarze Rauch aus dem kleinen Loch.

Als das Feuer schließlich erlosch und der Rauch sich verzog, blickte man durch das verkohlte Loch nach drinnen: Der Thron, die Gewänder, die Krone und die Kaiserin selbst waren vollkommen dahingerafft. Nichts war übrig geblieben – außer einer Handvoll grauer Asche auf dem kalten Boden des Steinsargs.“

Der Mann hielt inne, nahm einen letzten Schluck aus seiner Bierflasche und sah mich eindringlich an. „Seitdem ist der Sarg der Kaiserin vollkommen leer. Und die Moral von der Geschicht’? Finger weg von alten Steinsärgen – erst recht, wenn man Feuer dabei hat!“

Die anderen Männer nickten zustimmend und lachten. Der Erzähler klopfte mir kumpelhaft auf die Schulter, griff nach einem frischen, noch ungeöffneten Bier aus einer Kiste am Boden und hielt es mir entgegen.

„So, du seltsam sprechender Spanier oder was auch immer du bist! Darauf trinken wir jetzt eins. Setz dich zu uns, der Regen dauert noch!“

Ich sah auf das kühle Bier, schaute hinüber zu den durchnässten, steinernen Kolossen vor der Kirche, die im dichten Regen fast wie Mahnmale wirkten, und schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Ich danke euch wirklich von Herzen für die Einladung und die fantastische Geschichte“, sagte ich grinsend, während ich den Reißverschluss meiner Regenjacke hochzog. „Aber wenn ich mir eure Särge hier auf dem Platz so ansehe… die wirken mir ehrlich gesagt schon etwas zu dicht bewohnt! Und bevor ich hier am Ende noch selbst in Stein gemeißelt werde, schwinge ich mich lieber wieder auf mein Klapprad und fahre weiter durch Italien.“

Die Männer johltem vor Lachen, stießen mit ihren Flaschen auf mein Wohl an, und ich pedalierte gut gelaunt durch den nachlassenden Sommerregen davon.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kommentiere die Beiträge gerne! Ich freue mich auf deine Meinung!

Feel free to comment on the posts! I look forward to hearing your thoughts!

Accessibility Toolbar