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Bardenas Reales und der Gesang des Halbwüstenwinds: Das Erbe von Sanchicorrota

Reisen mit dem alten gelben Postauto hat seine ganz eigenen Gesetze. Es ist ein entschleunigtes, ehrliches Fahren. Doch wenn man die Grenze zu den Bardenas Reales überquert – dieser bizarren, surrealen Lehm- und Sandsteinwüste im Süden Navarras –, verwandelt sich die Straße schlagartig in eine Piste aus tiefen Schlaglöchern, losem Geröll und feinem, gelblichem Staub.

Ich saß am Steuer meines Van-Kolosses, beide Hände fest um das Lenkrad geklammert, während das Auto Schritt für Schritt über die ausgetrocknete Mondlandschaft zockelte. Schrittgeschwindigkeit. Mehr erlaubte das zerklüftete Territorium nicht, wenn man das Fahrwerk nicht auf dem Altar der Halbwüste opfern wollte.

Außer mir war kein Mensch zu sehen. Keine Campervan-Kumpane, keine Tagestouristen, nicht einmal ein streunender Hund. Nur das endlose Ödland aus tief ausgewaschenen Canyons, trockenen Flussbetten und den schneidenden Silhouetten der Cabozos – jener Tafelberge, die wie gigantische Skulpturen aus dem Boden ragen.

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Und dann war da der Wind.

Er blies nicht einfach; er herrschte. Der Cierzo, jener berüchtigte, eiskalte Fallwind aus dem Ebro-Tal, fegte türenklappernd über mein Postauto hinweg. Er hob dünne Schleier aus Ockerstaub von der Erde und ließ den Wagen mit stetiger, bedrohlicher Regelmäßigkeit schwanken. Je weiter ich ins Herz der Bardenas vordrang, desto lautstarker wurde das Pfeifen in den Dichtungen der Fenster.

Schließlich erreichte ich das Wahrzeichen dieses Niemandslandes: Castildetierra.

Wie eine riesige, von Wind und Wetter geformte Pyramide ragte die Lehmnadel spitz in den stahlblauen Himmel. Ein Monument der Vergänglichkeit, geschaffen aus Jahrtausenden von Erosion. Ich stellte den Motor ab. Die schlagartige Stille im Inneren des Autos hielt nur einen Herzschlag lang an, bevor der Wind gegen die Karosserie trommelte.

Ich nahm einen tiefen Atemzug, öffnete die Fahrertür und trat hinaus in die Wüste.

Der Wind traf mich wie eine körperliche Kraft. Er riss an meiner Jacke, brüllte mir in den Ohren und wirbelte Sand auf, der sanft auf meiner Haut brannte. Doch als ich näher an den Fuß von Castildetierra herantrat und meinen Blick an der steilen Flanke der Felsnadel hochwandern ließ, wandelte sich das Getöse.

Berge von oben

Das ungezähmte Heulen des Cierzo, das sich in den Spalten und Höhlen der zerklüfteten Erde verfing, bekam eine Melodie. Eine raue, kehlig-flüsternde Frequenz, die nicht aus der Luft zu kommen schien, sondern direkt aus dem Stein. Wenn man stundenlang alleine in der Stille fährt, spielt einem der Verstand manchmal Streiche. Doch in diesem Moment war ich mir sicher: Der Wind der Bardenas sprach zu mir.

Er pfiff durch die ausgehöhlten Felswände, und in seinem vielstimmigen Fauchen bildeten sich Wörter. Eine uralte, von Sand geschliffene Stimme begann ihre Geschichte zu weben:

„Hörst du mich, Fremder auf deinen vier Rädern? Du fährst langsam, doch du bist nicht der Erste, der hier Schutz vor den Blicken der Welt sucht. Vor fünfhundert Jahren gehörte dieses Land keinem König, keinem Bischof und keiner Armee. Es gehörte mir. Sancho Rota war mein Name. Doch die Geschichte nennt mich Sanchicorrota – den König der Bardenas!“

Der Wind blies schärfer, wirbelte eine Staubspirale direkt vor meinen Füßen auf, und die Stimme im Heulen wurde kräftiger, fast herausfordernd:

Bardena Reales

„Seht ihn euch an, den mächtigen Felsen Castildetierra! In seinem Schatten und in den tiefen Höhlen unter euren Füßen schlug mein Herz. Ich war kein gewöhnlicher Dieb. Die Reichen, die stolzen Händler aus Saragossa und Tudela, zitterten, wenn sie die Wüste durchqueren mussten. Mit meinen dreißig Getreuen lauerten wir ihnen in den Schluchten auf. Gold, Seide, Korn – wir nahmen es den Gesättigten. Doch wir behielten es nicht für uns. Wir brachten es den hungernden Hirten und den verarmten Bauern der Bardenas. Für die Krone war ich ein Dämon, für das Volk ein Erlöser!“

Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke bis zum Kinn hoch. Der Wind blies so stark, dass mir die Tränen in den Augen standen, aber ich konnte den Blick nicht von Castildetierra wenden. Es war, als würde der Schatten des Banditenkönigs direkt vor der Felswand Gestalt annehmen.

„Weißt du, wie man in einer Wüste überlebt, in der dich zweihundert Ritter jagen?“, zischte der Cierzo leise und schelmisch, als würde er mir ein Geheimnis ins Ohr pusten. „Durch List! Wenn die Soldaten des Königs Juan II. meine Spuren im Staub suchten, fanden sie sie immer. Aber die Spuren führten sie nie zu mir – sie führten sie von mir weg! Ich ließ die Eisen der Pferde meiner Männer verkehrt herum auf die Hufe nageln! Die Tölpel folgten den Abdrücken meilenweit in die falsche Richtung, während wir lachend hinter ihren Rücken im Schatten von Castildetierra saßen und ihren Wein tranken.“

Berge

Eine plötzliche Windböe riss an meinem Kapuzensaum, laut und peitschenknallend wie ein Schuss.

„Doch kein König duldet einen zweiten Herrscher in seinem Reich“, dröhnte die Stimme nun dunkler, getragen von einem tiefen, grollenden Heulen, das durch die Canyons vibrierte. „Im März des Jahres 1452 hatten sie genug. Der König schickte ein Heer. Über zweihundert Ritter umstellten die Bardenas. Sie besetzten jede Quelle, jeden Pass, jede Höhle. Es gab kein Entkommen mehr. Sie trieben mich hierher, an den Fuß dieses Felsens.“

Der Wind schien für einen kurzen, beklemmenden Moment komplett stillzustehen. Kein Staubkorn bewegte sich. Die Stille war so schwer wie Blei.

„Sie wollten mich an den Galgen bringen. Sie wollten meinen Kopf auf einer Stange sehen, um das Volk zu demütigen. Doch Sancho Rota beugt sein Knie vor keinem König! Als die Rüstungen der Ritter in der Sonne glänzten und die Umzingelung eng wurde, zog ich meinen eigenen Dolch. Ein Stoß ins eigene Herz – schnell, kalt und frei. Ich gab mein Leben der Wüste, aber niemals meine Freiheit!“

Ein gewaltiger Windstoß fuhr wie ein Paukenschlag durch die Lehmschluchten. Der Staub wirbelte hoch, hüllte Castildetierra in einen undurchdringlichen, gelben Schleier und ließ das Geheul des Cierzo zu einem triumphalen Chor anwachsen.

weite Straße

„Sie schleiften meinen leblosen Körper nach Tudela, sie stellten mich öffentlich zur Schau, um zu beweisen, dass Sanchicorrota tot war! Doch sie verstanden nichts! Mein Körper mag verrottet sein, aber meine Seele gehört den Bardenas. Solange dieser Wind durch die Schluchten pfeift, bin ich hier!“

Der Staubschleier legte sich langsam wieder. Das Heulen des Windes flachte ab, wurde wieder zu jenem vertrauten, monotonen Pfeifen, das über die ausgetrocknete Erde strich. Die magische Stimme war verhallt.

Ich stand da, das Gesicht voller Sand, die Haare zerzaust, und starrte auf die spitze Formation von Castildetierra. Der Fels stand da wie eh und je – stumm, erhaben und geheimnisvoll.

Ich atmete tief durch, ging langsam zu meinem gelben Postauto zurück und stieg ein. Als ich die schwere Tür ins Schloss warf, verstummte das Tosen der Wüste draußen spürbar. Ich schaltete den Motor ein. Das vertraute Brummen des Diesels füllte die Fahrerkabine.

Ich warf noch einen letzten Blick in den Rückspiegel auf die Einsamkeit der Bardenas Reales. Der Wind wirbelte erneut eine kleine Staubfahne über die Piste. Ich lächelte leise, legte den ersten Gang ein und rollte langsam weiter durch das Reich des Banditenkönigs.

Bardenas Reales

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