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Das Geheimnis von Titan und Puppys Hütte: Wenn ein Klapprad das Guggenheim erklärt

Es gibt Tage, an denen fühlt man sich als Dauer-Vanlifer wie der unbestrittene König der Landstraße. Mein Morgen in Bilbao war genau so ein Moment. Ich rollte kurz nach neun Uhr mit meinem Camper in die Stadt und rieb mir verwundert die Augen. Wo war die berüchtigte spanische Hektik? Wo der gewohnte Kolonnenverkehr, das hupende Chaos, die südländische Hektik zur Rushhour? Nichts davon. Die Straßen waren fast leer. Nur vereinzelte Gestalten schlenderten durch die Gassen.

„Herrlich!“, dachte ich. „Bilbao gehört heute ganz allein mir.“

Mein Ziel war natürlich das Guggenheim-Museum – das architektonische Heiligtum der Stadt. Ich stellte den Camper ab, schnappte mir mein treues Klapprad Rocinante und pedalierte los. Für einen Fotografen wie mich ist dieses Bauwerk kein einfaches Gebäude, sondern ein optisches Buffet. Diese geschwungenen Titanplatten! Diese organischen Formen, die im Morgenlicht glänzten wie die Schuppen eines gigantischen, schlafenden Silberdrachen!

Guggenheim-Museum Bilbao

Ich zückte die Kamera und schoss Fotos aus jedem erdenklichen Winkel: von unten, von oben, aus der Froschperspektive, mit dem Fluss im Hintergrund. Stunden verstrichen wie im Flug. Ganz allmählich tröpfelten zwar ein paar mehr Menschen auf den Vorplatz, aber für ein Weltmonument blieb es um 11 Uhr morgens erstaunlich überschaubar.

Um schließlich die großen Außentreppen barrierefrei erkunden zu können, beschloss ich, mein Transportmittel kurz einzuparken. Auf dem Platz vor dem Museum ragte „Puppy“ auf – dieser zwölf Meter hohe, über und über mit bunten Blumen bepflanzte Riesendackel von Jeff Koons. Ein wirklich drolliges Kerlchen. Ich kettete Rocinante direkt an einem Masten neben dem gigantischen Blümchenhund an und versank für eine weitere Stunde in der Welt der Titan-Reflektionen.

Als ich schließlich zurückkehrte und mein Schlüsselloch im Fahrradschloss suchte, räusperte sich mein Klapprad. Ja, Rocinante redet manchmal. Man verbringt als Dauer-Vanlifer eben viel Zeit miteinander.

Guggenheim-Museum

„Du wirst von Puppy aber schon auch noch ein Bild machen, oder?“, fragte Rocinante mit einem Tonfall, der verdächtig nach unterschwelliger Belehrung klang.

Ich hielt im Aufschließen inne und blinzelte. Normalerweise hält sich mein Drahtesel eisern aus meinen fotografischen Entscheidungen heraus. Solange ich die Kette öle und sie nicht über Bordsteinkanten jage, ist sie wunschlos glücklich.

„Äh… klar“, antwortete ich brav, griff zur Kamera und machte pflichtbewusst ein paar Schnappschüsse von dem floralen Riesenwelpen. Dann schangelte ich mich in den Sattel und wir setzten uns wieder in Bewegung.

Kaum rollten die kleinen Räder über das Pflaster, legte Rocinante los: „Weißt du eigentlich, was du da eben stundenlang fotografiert hast?“

„Na logisch“, sagte ich stolz und tischte mein halbes Kunstgeschichts-Halbwissen auf. „Das Guggenheim-Museum Bilbao! Entworfen vom Star-Architekten Frank Gehry, vollendet 1997. Ein Meisterwerk des Dekonstruktivismus, bestehend aus 33.000 hauchdünnen Titanplatten, das die Stadt vor dem wirtschaftlichen Niedergang gerettet hat. Ein weltberühmter Bau!“

Puppy Bilbao

Rocinante schnaufte hörbar durch die Lenkerstange. „Ach, du naiver Auslöser-Drücker. Was heißt hier ‚großartiger Bau‘? Was heißt hier ‚Museum‘? Das ist eine Hütte. Eine nette Hütte, wohlgemerkt, aber eben doch nur eine Hütte.“

Ich bremste so abrupt ab, dass die Rücktrittbremse leise quietste. „Was heißt hier Hütte?! Das ist eine Ikone der Moderne!“

„Du hast mich vorhin eine Stunde lang direkt neben Puppy eingeparkt“, erwiderte mein Faltrad voller Überzeugung. „Und wir haben uns unterhalten. Er hat mir die ganze Wahrheit erzählt. Die Menschen da drinnen im Rathaus haben sich damals überlegt, wie sie den großartigsten, buntesten und bravsten Hund der Welt würdig unterbringen können. Und weil Puppy nun mal ein Hund von Weltklasse ist, haben sie ihm aus feinstem Metall einen Unterschlupf gebaut, der ein bisschen Regen abhält. Die ganzen Touristen kommen in Wahrheit nur wegen ihm hierher! Weil es ihnen aber peinlich ist, zuzugeben, dass sie stundenlang im Flieger sitzen, nur um einen zwölf Meter hohen Blümchenwelpen zu streicheln, gehen sie danach brav in seine Hundehütte und tun so, als würden sie sich für moderne Kunst interessieren.“

Ich starrte mein Klapprad an. „Eine 100-Millionen-Dollar-Hundehütte aus Titan?“

„Aus Puppys Sicht absolut angemessen“, schnurrte Rocinante. „Er hat mir sogar verraten, dass das Dach deshalb so geschwungen ist, damit der Regen besser abläuft, wenn er mal darunter schläft. Und das Titan? Reflektiert die Sonne, damit seine Blumen nicht welken. Logisch, oder?“

Ich musste unwillkürlich lachen. Die Vorstellung, dass Frank Gehry in Wahrheit nur den Auftrag hatte, die luxuriöseste Hundehütte der Menschheitsgeschichte zu entwerfen, hatte eine unbestreitbare Poesie.

Guggenheim-Museum

Erst als ich am späten Nachmittag wieder am Camper ankam, Rocinante im Heck verstaute und mich mit einer Tasse Kaffee an den Esstisch setzte, fiel mein Blick auf meinen Reisekallender an der Wand. Ich starrte auf das rote Datum.

12. Oktober.

Es dämmerte mir schlagartig.

Es lag gar nicht an meiner fantastischen Timing-Strategie, dass die Straßen morgens so wunderbar leer gewesen waren. Es lag auch nicht daran, dass die Spanier alle im Guggenheim-Museum feststeckten. Es war der Fiesta Nacional de España – der spanische Nationalfeiertag! Die halbe Nation lag noch gemütlich in den Federn oder feierte im Familienkreis, während ich durch die menschenleere Stadt geschlendert war.

Ich lehnte mich zurück, schmunzelte und blickte nach hinten zum Klapprad. Manchmal lässt einen ein Nationalfeiertag die Stadt ganz für sich alleine genießen – aber die wirklich großen Geheimnisse der Architektur erfährt man eben doch nur von einem bunten Blümchenhund und einem altklugen Faltrad.

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