Der goldene Hahn von St. Petri: Rigas schwindelerregender Flugversuch
Wer durch die Gassen von Riga blickt und den Kopf in den Nacken legt, sieht ihn fast von überall: den eleganten Turm der Petrikirche (Pēterbaznīca). Mit über 120 Metern Höhe prägt er die Skyline der Stadt. Ganz oben, auf der äußersten Spitze, thront ein glänzender, goldener Hahn.
Für jeden Backpacker auf Rucksackreise oder Camper im Baltikum ist der Turm der ultimative Orientierungspunkt. Doch dieser extrem hohe Holzturm war über Jahrhunderte das Sorgenkind der Stadt. Er stürzte durch Blitze, Stürme und Kriege so oft ein, dass die Rigaer eine ziemlich absurde Mutprobe für die Baumeister erfanden. Es ist die Geschichte von fliegenden Gläsern und dem wohl riskantesten Job des Mittelalters.
Symbol der Wachsamkeit und Wetterprophet
Im protestantischen Norden war der Hahn auf der Kirchturmspitze weit mehr als Dekoration. Er galt als Symbol der Wachsamkeit, das die Bürger vor dem Teufel, vor Sünden und vor Feuersbrünsten warnen sollte.
In Riga hatte der Hahn zudem eine handfeste wirtschaftliche Funktion: Er war auf einer Seite golden, auf der anderen schwarz lackiert. Zeigte er den Kaufleuten seine goldene Seite, blies der Wind aus Richtung Meer – die Handelsschiffe konnten in den Hafen einlaufen. Zeigte er die schwarze Seite, herrschte Gegenwind. Der Hahn war das wichtigste Wirtschaftsbarometer der Stadt.
Die schwindelerregende Mutprobe
Da der hölzerne Turm regelmäßig abbrannte, musste er oft neu errichtet werden. Ab dem 17. Jahrhundert etablierte sich bei der Fertigstellung ein nervenaufreibendes Ritual:
Sobald der neue Hahn montiert war, musste der oberste Zimmermann ungesichert bis auf die äußerste Spitze klettern und sich rittlings auf den goldenen Vogel setzen. Man reichte ihm ein Glas Wein. Der Baumeister leerte es auf das Wohl der Stadt und warf es in die Tiefe. Die Sage besagte: In so viele Scherben das Glas auf dem Pflaster zerspringt, so viele Jahrhunderte wird der neue Turm allen Katastrophen trotzen.
Vom Heuhaufen zum gläsernen Wunder
Im Jahr 1746 ging die Mutprobe schief. Als der Baumeister sein Glas hinabwarf, parkte unten ein vollbeladener Heuwagen. Das Glas landete butterweich und blieb völlig unversehrt. Die Rigaer wurden blass vor Schreck – ein schlechtes Omen. Und tatsächlich: Im Zweiten Weltkrieg, am Tag des Heiligen Petrus im Jahr 1941, wurde die Kirche beschossen und der Turm stürzte krachend in sich zusammen.
Als die Kirche in den späten 1960er Jahren wiederaufgebaut wurde – diesmal aus solidem Metall –, wollte man das Schicksal bezwingen. 1970 kletterte der verantwortliche Ingenieur auf den neuen Hahn, trank sein Glas Champagner aus und schleuderte es hinab. Diesmal ging alles gut: Das Glas zersprang auf dem harten Pflaster in tausend glitzernde Splitter. Glaubt man der Prophezeiung, ist der Turm nun für Jahrhunderte sicher.
Ein Tipp für deine Spurensuche
Wenn du Riga besuchst, bringt dich heute ein moderner Fahrstuhl bequem auf die Aussichtsplattform der Kirche. Im Inneren des Gotteshauses kannst du zudem die alten, beschädigten Hähne aus den vergangenen Jahrhunderten im Original bewundern. Sie erzählen stumm von den turbulenten Abstürzen der Rigaer Stadtgeschichte.
Schau ab und zu auf meiner Seite vorbei, um keine skurrilen Geschichten und die besten Tipps für deine nächste Tour durch das Baltikum zu verpassen! Gute Reise und Gero kelio!







































