Die Gründungslegende von Warschau: Wie ein verirrter Fürst und ein (Fisch-)Paar eine Hauptstadt gründeten
Wer als Backpacker auf einer abenteuerlichen Rucksackreise durch Mitteleuropa die polnische Hauptstadt Warschau ansteuert, der wird sofort von einer dynamischen, pulsierenden Metropole verschlungen. Ich habe mein Wohnmobil gegen einen Rucksack eingetauscht und mich mit Flixbussen nach Mitteleuropa begeben. Hier gibt es noch zahlreiche Legenden und Geschichten für mich zu entdecken. Eine beginnt direkt hier in der der polnischen Hauptstadt.
Wenn man an den Ufern der Weichsel steht und auf das Wasser blickt, stellt sich die große, alles entscheidende Frage, die die Gemüter der Einheimischen seit Jahrhunderten spaltet: Wer verdammt noch mal hat diese Stadt eigentlich gegründet? War es ein stinknormales Fischerpaar? Oder hatte da doch eine wehrhafte Fischfrau ihre Flosse im Spiel? Die offizielle Gründungslegende von Wars und Sawa ist ein Paradebeispiel für polnische Gastfreundschaft, hochemotionale Romantik und eine ordentliche Portion historischen Humor. Und natürlich gibt es da diese eine, absolut geniale Fantasie-Theorie, die besagt, dass Sawa in Wirklichkeit die berühmte Meerjungfrau Syrenka war, die für die große Liebe ihre Schuppen gegen eine Schürze eintauschte. Oder vielleicht auch nicht. Gehen wir der Sache mal auf den Grund!
Die Nacht, in der der Fürst den Kompass vergaß
Wir schreiben das Frühmittelalter. Die Region Masowien war damals kein Pflaster für hippe Cafés und Wolkenkratzer, sondern ein riesiger, finsterer, urwüchsiger Urwald voller Wildschweine, Bären und tückischer Sümpfe. Durch dieses Dickicht ritt eines Tages Fürst Ziemomysł (ein Name, bei dem sich jeder ausländische Backpacker beim Versuch der Aussprache die Zunge bricht). Der Fürst war auf der Jagd, was im Mittelalter die Standardbeschäftigung für gelangweilte Adlige war.
Doch Ziemomysł übertrieb es mit dem Jagdeifer. Er jagte einem stolzen Hirsch hinterher, blendete die Realität aus, und als die Dämmerung über das Land hereinbrach, stellte er fest: Seine Leibwache war weg, sein Pferd war müde, und er hatte absolut keine Ahnung, wo er war. Ein klassischer Fall von „Navi-Ausfall im Unterholz“. Der Magen knurrte, die Wölfe heulten in der Ferne, und der Fürst war kurz davor, ein Stoßgebet gen Himmel zu schicken.
Plötzlich sah er durch die dichten Äste ein schwaches, warmes Licht schimmern. Er kämpfte sich durch das Gebüsch und stand am sandigen Ufer der breiten Weichsel. Dort stand eine winzige, windschiefe, aber gemütliche Holzhütte.
Gastfreundschaft auf Polnisch: Piroggen retten den Tag
In dieser Hütte lebte der arme Fischer Wars mit seiner bildschönen Frau Sawa. Als der Fürst – der wohlgemerkt seine prunkvolle Kleidung unter einem dreckigen Reiseumhang versteckt hatte, um nicht wie ein wandelndes Raubüberfall-Ziel zu wirken – an die Tür klopfte, zögerten die beiden keine Sekunde.
Im Mittelalter war es eigentlich üblich, Fremde erst mal mit dem Knüppel zu begrüßen, aber Wars und Sawa verkörperten bereits damals die sprichwörtliche polnische Gastfreundschaft. „Komm herein, müder Wanderer!“, sagten sie. Sie setzten den Unbekannten an ihren bescheidenen Holztisch und teilten mit ihm das Wenige, was sie hatten: frisch gefangenen Weichselfisch, frisch gebackenes Brot und vermutlich eine urzeitliche Form von Piroggen.
Der Fürst war im siebten Himmel. Er aß, als gäbe es kein Morgen mehr, wärmte seine Füße am Kamin und lauschte den Geschichten des Fischers. Er war so gerührt von dieser selbstlosen Herzlichkeit, dass er beschloss, die Identität am nächsten Morgen standesgemäß zu enthüllen.
Der große Identitäts-Check: War Sawa eine Meerjungfrau?
Und genau an diesem Punkt der Sage müssen wir kurz den humorvollen Detektiv-Hut aufsetzen. Denn wenn man sich Sawa in dieser Nacht so ansieht, gibt es in der lokalen Kultur dieses hartnäckige Gerücht. Manche flüstern hinter vorgehaltener Hand, dass Wars seine Frau gar nicht im Nachbardorf beim Erntedankfest kennengelernt hatte. Sondern dass er sie ein paar Monate zuvor sprichwörtlich „an der Angel“ hatte.
Die Theorie besagt: Sawa war in Wahrheit die berühmte Warschauer Meerjungfrau! Sie hatte die Nase voll vom ewigen Fisch-Dasein in der kalten Ostsee, schwamm die Weichsel hinauf und verknallte sich unsterblich in den fleißigen Fischer Wars. Durch die Macht der Liebe verwandelte sich ihr Fischschwanz in Beine, und sie zog in seine Hütte.
Wenn man die Geschichte so betrachtet, bekommt das Abendessen mit dem Fürsten eine herrlich humorvolle Note. Saß Sawa vielleicht am Tisch und musste panisch ihre Füße unter dem langen Rock verstecken, weil sich beim Kontakt mit verschüttetem Fischwasser sofort wieder ein paar Schuppen bilden wollten? Hat der Fürst sich gewundert, warum die Hausfrau erstaunlich gut tauchen konnte und warum das Haus so extrem maritim dekoriert war?
Oder war sie es am Ende doch nicht? Vielleicht war Sawa auch einfach nur eine ganz normale, bildschöne masowische Frau mit einem unglaublichen Talent für Fischsuppe. Aber seien wir ehrlich: Die Vorstellung, dass die Urmutter von Warschau eine rebellische Ex-Meerjungfrau war, macht diese Reise in die Vergangenheit doch gleich doppelt so spannend!
Ein Name für die Ewigkeit
Am nächsten Morgen erwachte der Fürst erholt und glücklich. Er trat vor die Hütte, blickte über die majestätische Weichsel und rief Wars und Sawa zu sich. Er warf seinen dreckigen Mantel ab, und seine goldene Rüstung blitzte in der Morgensonne.
„Ich bin nicht irgendein Wanderer“, verkündete er stolz. „Ich bin Fürst Ziemomysł! Ihr habt mir das Leben gerettet und euer letztes Brot mit mir geteilt, ohne zu wissen, wer ich bin. Eure Güte soll belohnt werden. Dieses Land, auf dem eure bescheidene Hütte steht, wird von nun an für immer euch gehören. Und ich prophezeie euch: Hier wird eine gewaltige, unbezwingbare Stadt entstehen. Und zu Ehren eurer Gastfreundschaft und eurer Liebe soll diese Stadt für alle Ewigkeit euren Namen tragen: Warszewa!“ (Woraus im Laufe der Jahrhunderte das heutige Warszawa bzw. Warschau wurde).







































