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Der Hügel der Tränen und die vergessene Welt unter der Stadt

Wer heute auf seiner Reise durch das Baltikum vor dem mächtigen Schloss auf dem Tallinner Domberg (Toompea) steht, blickt auf die steilen, schroffen Kalksteinfelsen herab, die sich majestätisch über der Unterstadt erheben. Für jeden Backpacker, der mit dem Rucksack die estnische Hauptstadt erkundet, und für jeden Camper, der mit dem Wohnmobil im Norden Europas unterwegs ist, gehört dieser geschichtsträchtige Ort zum absoluten Pflichtprogramm einer Stadtführung.

Doch die Steine, auf denen das Fundament Tallinns ruht, erzählen eine doppelte Wahrheit. Sie sprechen von einer unendlichen Trauer an der Oberfläche und von einer verborgenen, schattigen Welt tief im Schoß des Berges. Es ist eine einzige, große Geschichte, die sich über Jahrtausende erstreckt – von den mythologischen Anfängen Estlands bis zu den staubigen Geheimgängen der schwedischen Großmachtzeit.

Der Domberg in Tallinn Estland Baltikum

Teil 1: Der Lindaberg und die Erschaffung des Toompea

Unsere geschichtliche Entdeckungstour beginnt in einer Zeit, als Riesen die Erde bevölkerten. Der mächtige König Kalev herrschte weise über das Land Estland. Als er starb, brach für seine geliebte Frau, die Riesin Linda, eine Welt zusammen. Der Verlust war so erdrückend, dass sie beschloss, ihrem Gemahl ein monumentales Grabmal zu errichten, das die Zeiten überdauern sollte.

Linda wanderte meilenweit durch das Land, sammelte die schwersten Felsbrocken und trug sie mühsam an den Ort, an dem Kalevs Körper ruhte. Stein um Stein schichtete sie auf. Aus dieser gewaltigen Anstrengung entstand ein gigantischer Hügel: der Toompea (Domberg) – heute der absolute Höhepunkt jeder klassischen Stadtführung durch Tallinn.

Doch eines Tages verließen die Riesin die Kräfte. Sie schleppte gerade einen besonders massiven Felsblock herbei, als sie stolperte. Der Stein entglitt ihren Händen und rollte krachend den Hang hinab. Erschöpft, einsam und am Ende ihrer Kraft setzte sich Linda auf den herabgefallenen Stein und begann bitterlich zu weinen.

Ihre Tränen flossen so unaufhörlich und reichlich, dass sie sich im Tal sammelten, das umliegende Land überschwemmten und schließlich einen riesigen See bildeten – den heutigen Ülemiste-See (Ülemiste järv), an dem heute so mancher Camper auf seiner Reise eine kurze Rast einlegt. Der Hügel selbst aber wurde zum ewigen Symbol ihrer Liebe. Noch heute sitzt die bronzene Statue der trauernden Linda im gleichnamigen Park auf dem Hügel (Lindamägi) und blickt wehmütig auf das Werk ihrer Hände herab.

Der Domberg in Tallinn Estland Baltikum

Teil 2: Die Festung über den Gräbern

Jahrhunderte vergingen. Die Ära der Riesen endete, und die Menschen machten sich den strategisch perfekt gelegenen Riesen-Grabhügel Toompea zunutzte. Sie bauten Festungen, Mauern und schließlich das stolze Schloss Toompea, von dem aus wechselnde Herrscher – Dänen, Deutsche, Schweden und Russen – das estnische Volk kontrollierten.

Die Rivalität zwischen dem adligen Domberg und der bürgerlichen Unterstadt war legendär und oft blutig. Die Tore zwischen den beiden Stadtteilen wurden nachts fest verriegelt. Doch im 17. Jahrhundert, als die Schweden die Herrschaft über Tallinn besaßen, drohte eine neue Gefahr: die immer mächtiger werdenden Kanonen der Feinde.

Die schwedischen Militäringenieure wussten, dass die dicken Mauern an der Oberfläche nicht mehr ausreichten. Sie mussten den Berg selbst als Waffe nutzen. Und so begannen sie, tief in den vermeintlichen Grabhügel von Kalev einzudringen. Sie bauten ein unterirdisches Labyrinth, das die Legende der Stadt für immer verändern sollte und das man heute bei einer geführten Stadtführung unter der Erde bestaunen kann.

Der Domberg in Tallinn Estland Baltikum

Teil 3: Das Labyrinth im Schatten – Die Bastionsgänge

Unter den massiven Erdwällen des schwedischen Festungsgürtels – direkt unter dem Lindaberg – gruben Soldaten und Arbeiter im späten 17. Jahrhundert kilometerlange, tonnengewölbte Gänge in den Kalkstein. Diese Bastionsgänge (Bastionikäigud) waren ein militärisches Staatsgeheimnis ersten Ranges.

Die Gänge dienten dazu, Soldaten unbesehen von einer Festung zur anderen zu verschieben, Spione hinter die feindlichen Linien zu schleusen und Munition trocken zu lagern. Es waren feuchte, kalte Korridore, in denen das Wasser von den Wänden sickerte und in denen das Flüstern der Soldaten kilometerweit hallte.

Als der Große Nordische Krieg tobte und die Pest die Stadt im Jahr 1710 heimsuchte, wurden die Tunnel hastig versiegelt. Die schwedische Großmacht zog ab, und das Wissen um die genaue Lage der Gänge ging im Laufe der Jahrhunderte verloren. Was blieb, waren Gerüchte, die sich die Bürger in den Schenken der Unterstadt erzählten:

„Es gibt einen Tunnel unter dem Domberg, der so breit ist, dass eine ganze Kutsche samt Pferden darin fahren kann. Und er führt direkt unter der Ostsee hindurch bis nach Schweden!“

Der Domberg in Tallinn Estland Baltikum

Teil 4: Ein echtes Highlight für Camper, Backpacker und Individualreisende

Die vermeintliche Sage von den unendlichen Geheimgängen wurde im 20. Jahrhundert plötzlich wieder zur Realität. Bei Bauarbeiten stieß man wieder auf die schattigen Korridore. Im Zweiten Weltkrieg retteten sie Tausenden von Tallinner Bürgern das Leben, als sie als bombensichere Luftschutzbunker reaktiviert wurden. In den darauffolgenden Jahrzehnten des Kalten Krieges bauten die Sowjets die Tunnel sogar zu atomwaffensicheren Unterständen mit Telefonleitungen und Luftfiltern aus.

Heute kann man als Individualreisender die Bastionsgänge im Rahmen einer unterirdischen Stadtführung wieder betreten. Während dein Wohnmobil sicher auf dem Campingplatz vor den Toren der Stadt parkt, steigst du hinab in eine völlig andere Welt. Wenn du die Treppen hinuntergehst und die kühle, feuchte Luft einatmest, spürst du die Jahrhunderte unmittelbar. Du wanderst durch die Gänge, die einst schwedische Musketiere bauten, vorbei an sowjetischen Relikten, direkt unter dem Park, in dem die Statue der weinenden Linda thront.

Es ist eine faszinierende Schleife der Geschichte: Die Bastionsgänge, die gebaut wurden, um das Schloss auf dem Hügel zu schützen, existieren nur, weil eine trauernde Riesin einst den Toompea-Hügel aus Felsbrocken schuf. Oben weint Linda um Kalev – und tief unter ihren Füßen atmet die steinerne Geschichte Tallinns durch die dunklen Gänge der Zeit. Ein unvergessliches Erlebnis, das auf keiner Baltikum-Reise fehlen darf!

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