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Der schwebende Becher und das große Klischee: Die Geisterjagd im Jungfrauenturm von Tallinn

Wer auf seiner Reise durch das Baltikum den steilen Aufstieg zum Tallinner Domberg wagt, sucht meist nach malerischen Fotomotiven. Für jeden Backpacker, der mit dem Rucksack die estnische Hauptstadt durchstreift, und jeden Camper, der sein Wohnmobil auf einem der zentrumsnahen Stellplätze geparkt hat, ist die mächtige mittelalterliche Stadtmauer ein absolutes Highlight.

Doch hinter den wehrhaften Zinnen verbirgt sich ein Turm mit einer besonders düsteren – und heute ziemlich skurrilen – Vergangenheit: der Jungfrauenturm (Neitsitorn). Wenn du hier im Rahmen einer Stadtführung vorbeikommst, wird dir der Guide garantiert eine schaurige Geistergeschichte erzählen. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der Spuk als herrlich ironische Abrechnung mit mittelalterlicher Doppelmoral und dem modernen Tourismus-Kult.

Jungfrauenturm von Tallinn Estland Baltikum

Das Sündenregister der Jungfrauen: Vom Kerker zum Liebesnest

Der Name des Turms klingt zunächst romantisch, fast schon märchenhaft. Doch das mittelalterliche Tallinn war kein Ort für sanfte Romantik, und die Kirche verstand bei moralischen Verfehlungen absolut keinen Spaß. Der im 14. Jahrhundert erbaute, viereckige Turm diente jahrhundertelang als berüchtigtes Gefängnis.

Eingesperrt wurden hier vor allem zwei Gruppen von Frauen: Prostituierte (die man im streng religiösen Tallinn der Oberschicht zwar heimlich nutzte, aber öffentlich wegsperrte) und junge, widerspenstige Frauen, die sich weigerten, den vom Vater ausgesuchten, meist dreimal älteren Ehemann zu heiraten. Die Moral der Geschichte war damals simpel: Wer nicht spurte, kam in den kalten, feuchten Turm.

Die bekannteste Sage erzählt von einer dieser jungen Frauen, die im finsteren Verlies schier wahnsinnig wurde. In ihrer nackten Verzweiflung schwor sie dem lieben Gott ab und versprach dem Teufel ihre Seele, wenn er sie nur aus diesen unerträglichen Mauern befreie. Der Pakt wurde besiegelt, das Mädchen verschwand – und hinterließ einen rastlosen, wütenden Geist, der bis heute durch die Gemäuer spuken soll.

Dass der Teufel hier als einziger Retter in der Not auftrat, wirft natürlich ein herrlich kritisches Licht auf die damalige christliche Nächstenliebe der Stadtväter!

Jungfrauenturm von Tallinn Estland Baltikum

Der Spuk mit Stil: Ein Geist mit Alkoholproblem?

Nachdem die Festungsmauern im 19. Jahrhundert ihre militärische Bedeutung verloren, wurde der Turm zu einem exklusiven Wohnhaus umgebaut. Und genau hier beginnt der humorvolle Teil der Spukgeschichte. Die neuen, gutbürgerlichen Bewohner berichteten plötzlich von äußerst merkwürdigen, paranormalen Aktivitäten.

Es waren keine klassischen, gruseligen Kettenrassler. Der Geist des Jungfrauenturms hatte Klasse – und anscheinend einen ordentlichen Durst. Berühmt sind die Berichte aus dem 20. Jahrhundert, als im Turm ein angesagtes Café eröffnet wurde. Die Kellner und Gäste schworen Stein auf Bein, dass wie von Geisterhand gefüllte Weinbecher durch die Luft schwebten, leise Schritte im leeren Treppenhaus hallten und ein älterer Herr im altmodischen Gewand genüsslich an den Tischen nippte, um kurz darauf im Nichts zu verschwinden.

Man kann sich die Szene bildlich vorstellen: Ein anspruchsvoller Geist, der nach Jahrhunderten im feuchten Kerker endlich die Vorzüge der estnischen Gastronomie zu schätzen weiß! Statt die Menschen zu erschrecken, schnorrte sich das Gespenst lieber durch die Weinkarte des Cafés.

Jungfrauenturm von Tallinn Estland Baltikum

Ein kritisches Auge auf den Spuk-Tourismus

Heute ist der Jungfrauenturm aufwendig restauriert und Teil des Stadtmuseums. Und natürlich hat Tallinn schnell gelernt, wie man aus dem Spuk bares Geld macht. Wo früher Frauen unter menschenunwürdigen Bedingungen eingesperrt wurden, schlürfen heute betuchte Urlauber ihren Latte Macchiato und hoffen auf den ultimativen Grusel-Kick für ihr Instagram-Profil.

Die kritische Frage bleibt: Spukt es hier wirklich, oder ist der Geist die beste Marketing-Abteilung, die sich das Museum wünschen kann? Wenn die Holzdielen im Wind knarren, flüstert der Guide geheimnisvoll von der „weißen Dame“, während im Hintergrund die Kasse der Souvenirshops im Takt dazu klingelt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Jungfrauenturm von Tallinn Estland Baltikum

Dein Must-See-Stopp auf der Tallinn-Tour

Nichtsdestotrotz: Wenn du auf deiner Reise durch Estland vor dem Jungfrauenturm stehst, solltest du die Treppen hinaufsteigen. Der Ausblick von der Wehrgang-Galerie auf die Dächer der Altstadt ist schlicht atemberaubend und entschädigt für jeden Treppenaufstieg.

Ob du nun als Backpacker auf der Suche nach historischen Geheimnissen bist oder als Camper nach einem langen Tag im Wohnmobil ein wenig Gruselatmosphäre schnuppern willst: Der Jungfrauenturm ist der perfekte Ort, um über die Ironie der Geschichte nachzudenken. Manchmal verwandelt sich der schrecklichste Ort von gestern eben in das charmanteste Ausflugsziel von heute.

Schau ab und zu auf meiner Seite vorbei, um keine skurrilen Legenden und die besten Tipps für deine nächste Stadtführung im Baltikum zu verpassen. Gute Reise und Gero kelio – und pass gut auf dein Weinglas auf!

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