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Wenn Steine weich werden und Engel Flügel tragen: Das Spektakel von La Verna

Eigentlich war ich nur auf der Suche nach einer einsamen Bergwanderung. Ein paar verschlungene Pfade, frische Waldluft, Ruhe. Doch wie durch einen seltsamen Magnetismus landete mein Van schließlich auf dem Parkplatz des Santuario della Verna. Erst als mir die ersten Busladungen von Touristen und Pilgern entgegenströmten, dämmerte mir: Dieser Ort ist kein versteckter Geheimtipp. Ich besitze offenbar ein unheimliches Talent dafür, zielgenau in den Epizentren des weltweiten Reliquien-Kults zu landen.

Hier, hoch oben auf den schroffen Felsen des Casentino, begegnet man der perfekten Symbiose aus unberührter Natur und durchgestylter Legendenbildung. Was Fremdenführer den andächtig lauschenden Besuchergruppen aus aller Welt mit todernster Miene verkaufen, verlangt dem modernen Verstand einiges an elastischer Vorstellungskraft ab.

La Verna

Man muss sich das Szenario einmal auf der Zunge zergehen lassen: Erwachsenen Menschen, die Tausende Kilometer weit anreisen, wird im Jahr 2026 ungefiltert erzählt, dass der heilige Franziskus im September 1224 friedlich durch diesen Wald spazierte, als plötzlich ein Seraph – ein Engel mit sechs Flügeln – am Himmel erschien. Das Ergebnis dieser mystischen Begegnung? Franziskus trug fortan die Stigmata, exakt dieselben Wundmale wie Jesus nach der Kreuzigung.

Wer dachte, damit sei das Limit des Sagbaren erreicht, wird rasch eines Besserem belehrt. Der Mythen-Baukasten von La Verna hat noch ganz andere Kaliber auf Lager. Als der Teufel höchstpersönlich Franziskus in einem Anflug von Frustration eine steile Felswand hinabstoßen wollte, geschah – natürlich – das nächste Wunder: Der harte Sandstein verflüssigte sich Augenblicke vor dem Aufprall wie flüssiges Wachs, um den Heiligen sanft und weich aufzufangen.

La Verna

Dass Reiseleiter und Lokalführer gerne zu dramaturgischen Übertreibungen neigen, ist bekannt. Schließlich lebt der Tourismus von der guten Geschichte. Doch das Märchen vom sechsflügeligen Wundmal-Engel und dem schmelzenden Felsen schießt den Vogel definitiv ab. Man steht zwischen den uralten, majestätischen Buchen, blickt auf die beeindruckenden Felsspalten und fragt sich unweigerlich: Wo hört der tiefe Glaube auf und wo beginnt das gut geölte Marketing des Mittelalters, das bis heute die Kassen strömen lässt?

So absurd diese Geschichten auf den ersten Blick wirken mögen – die Faszination dieses Ortes lässt sich dennoch nicht leugnen. Es ist ein faszinierendes Schauspiel menschlicher Sehnsucht nach dem Übernatürlichen.

Aber stellt die Stigmatisierung von La Verna nicht zu voreilig auf die Spitze des Absurden. Behaltet meinen nächsten Beitrag im Auge! Es gibt tatsächlich noch eine Steigerung. Demnächst erzähle ich euch von meiner Begegnung mit einem überraschend jungen Heiligen, gegen den die alten Mythen wie blasse Vorfeiern wirken.

La Verna

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